Zum Hauptinhalt springen

In Polen fehlt ihr die frische Luft

Danuta Stenka, Filmschauspielerin und Grande Dame des polnischen Theaters, ist Protagonistin im «Kirschgarten» am Zürcher Schauspielhaus.

Danuta Stenka gibt nun die Herrin über einen Zürcher «Kirschgarten» und müht sich um die Feinjustierungen in der deutschen Sprache. Foto: Reto Oeschger
Danuta Stenka gibt nun die Herrin über einen Zürcher «Kirschgarten» und müht sich um die Feinjustierungen in der deutschen Sprache. Foto: Reto Oeschger

«Hals- und Beinbruch?», wiederholt Danuta Stenka mit einem ungläubigen Lachen, das jung und frisch wirkt wie sie selbst. «Bei uns heisst das nur ‹Beinbruch›. Das reicht schon.»

So oder so: Eine Prise Schauspieler-Aberglauben vor der Premiere muss sein bei so einem Bühnentier wie der Polin, die zum neuen Ensemble des Schauspielhauses Zürich gehört und jetzt bei der ersten hiesigen Arbeit der Hausregisseurin Yana Ross eine Hauptrolle innehat. Ausserdem hat Stenka ziemlich Respekt davor, live vor einem deutschsprachigen Publikum aufzutreten – da sie erst für diese Inszenierung von Anton Tschechows «Kirschgarten» einigermassen Deutsch gelernt hat.

Ein wenig fühle sie sich beim Proben derzeit noch wie im falschen Film. Quasi ein Spürchen neben der Spur – wie, annäherungsweise, vielleicht auch im heutigen Polen, das im Oktober bei der Parlamentswahl wieder rechts gewählt hat. «So sind die Gesetze der Demokratie», sagt Danuta Stenka, die sich ein anderes Resultat gewünscht hätte. «Die Spaltung der Gesellschaft ist das, was mich dabei am traurigsten macht. Ein tiefer Marianengraben hat sich aufgetan, und dieser Graben läuft durch unsere Familien, Beziehungen, Freundschaften. Wir sind zunehmend voreingenommen und wertend und hören einander immer weniger zu.» Lebhaft zeichnet sie Trennungslinien in die Luft.

Sie hofft auf die innere Stimme der Vernunft

Nach der Wende sei da kurz ein Aufatmen gewesen. Doch kaum hatte man sich an die neuen Freiheiten gewöhnt – für Danuta Stenka mit Jahrgang 1961 war es lange normal, immer nur temporär über einen Pass zu verfügen –, zog ein neuer Geist des Meinungsdiktats durchs Land, auch Frauenrechte wurden angegriffen. «Ich will nicht richten, und mir ist klar, dass man eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben kann», will sie festgehalten wissen. «Aber es bereitet mir Sorge, dass wir damals frei atmen konnten, jetzt hingegen manchmal die frische Luft fehlt. Trotzdem hoffe ich noch auf diese innere Stimme der Vernunft in allen Menschen.» Aber nicht auf jene in den Politikern, die, egal welcher Couleur, wie Pferde mit Scheuklappen nur nach vorn schauten, auf die nächste Wahl. Sondern auf jene der Individuen, die sich im Chaos ihrer persönlichen Existenzkämpfe irgendwie orientieren müssten.

Die Schauspielerin hat eine Wahnsinnspräsenz, sogar dann, wenn sie bei einem Ingwertee im dunklen Eck eines Cafés sitzt.

In ihren Rollen fasst die zartgliedrige Frau die Vielschichtigkeit des Menschen mit Kraft und Finesse. Es verschlägt einem etwa die Sprache, wie wortlos beredt und geradezu Augenwimpernschlag-fein Danuta Stenka eine von Job und Einsamkeit zermürbte Mittvierzigerin gibt: in der «Wunschkonzert»-Inszenierung der 1973 geborenen, in Lettland aufgewachsenen Regisseurin Ross (hier gehts zur Besprechung). Technisch gesehen ist dies ja wirklich bloss ein stummer, kalter Hauch – doch der haut uns aus den Socken.

Keine Frage, die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin hat eine Wahnsinnspräsenz, sogar dann, wenn sie uns bei einem Ingwertee ganz hinten im dunklen Eck eines Cafés gegenübersitzt. Seit fast zwei Jahrzehnten im Ensemble des Nationaltheaters in Warschau ist sie dem internationalen Publikum durch Filmauftritte bekannt: etwa als George Sand in Jerzy Antczaks «Chopin» oder auch in Andrzej Wajdas «Das Massaker von Katyn».

Löcher in Beton bohren

Gerade weil Danuta Stenka an sich selbst und an ihre künstlerischen Feinjustierungen hohe Ansprüche stellt, fürchtet sie sich ein bisschen vor der Premiere in Zürich. Mehrmals sei sie drauf und dran gewesen, ihre Koffer zu packen und heimzufahren, verrät sie. Seit Ende Oktober ist sie in der Schweiz für die «Kirschgarten»-Proben – und einfach sei es nicht, mit der Sprachbarriere klarzukommen. Stenka hat zwar schon in verschiedenen Sprachen gefilmt; aber auf der Bühne gibts keinen Cut und keine Wiederholung.

«Es ist, als stünde ich auf Beton und versuchte, winzige Löcher für den Samen der Sätze da hineinzubohren, damit der Garten meiner Rolle erblüht», beschreibt sie ihre Situation auf Englisch. «Eine veränderte Betonung, eine kleine Satzumstellung kann die Bedeutung komplett umdrehen; und für solche feinen Schichten und Verschiebungsmöglichkeiten ist mein Deutsch noch zu wackelig.»

Daher sei viel Üben angesagt: Stenka zeigt schalkhaft eine Mundgymnastik. Damit das Deutsche halbwegs richtig klingt, muss der Kiefer erst so – und dann wieder so … Jeder, der schon einmal mit den ungewohnten Lauten einer Fremdsprache gerungen hat, kann sich vorstellen, womit die bescheidene Mimin da kämpft. Und die Regisseurin Yana Ross arbeite extrem exakt und filigran, fügt Stenka hinzu, da müsse jedes Detail sitzen.

Danuta Stenka in der Augenwimpernschlag-feinen Kroetz-Inszenierung «Wunschkonzert» der Regisseurin Yana Ross. Foto: Ketty Bertossi
Danuta Stenka in der Augenwimpernschlag-feinen Kroetz-Inszenierung «Wunschkonzert» der Regisseurin Yana Ross. Foto: Ketty Bertossi

Stimmt. Aber Fremdeln ist erlaubt! Und passt zum Tschechow-Stück, das Regisseurin Ross jetzt ins heutige Zürich transponiert hat samt Garten. Sie will es anschlussfähig machen an die nüchterne Metropole. In diese hat die Schauspielerin mit dem Pixie-Cut und der tomboyhaften Eleganz (bei ihr gibts das!) zum Trost ein Familienfoto mitgenommen: Die beiden Töchter, 22 und 27, und ihr Mann, auch ein Schauspieler, haben es ihr zum Abschied geschenkt. Sie werden an der Premiere sein, ebenso wie ein Teil der polnischen Community – die sich in der Schweiz auf rund 30'000 Personen beläuft.

Man sieht regelrecht vor sich, wie die Actrice als Kind in dem Paar-Tausend-Seelen-Dorf in Kaschubien aufwuchs: in Sierakowice, wo sie sehr glücklich war und vom Rest der Welt nur wenig mitbekam. Sie hatte davon geträumt, dort Volksschullehrerin zu werden wie die von ihr bewunderte Mutter. Am Gymnasium fokussierte Danuta Stenka dann auf die Naturwissenschaften.

Von ihrer unwiderstehlichen Wirkung auf den Brettern ahnte sie nichts. Es war eine Oberstufenlehrerin, die ihre Begabung entdeckte. Diese schleppte ihre Schülerin an Rezitier-Wettbewerbe – und zum Vorsprechen bei einer Schauspielschule in Gdansk. «Das veränderte alles», sagt Stenka. «Dieses Vorsprechen war das grösste Geschenk meines Lebens.» Und, unverhofft, auch ein Gewinn fürs Theater in Zürich – wo Danuta Stenka jetzt im «Kirschgarten», in der Rolle einer polnischen Expat mit angeheirateter Immobilie, Realitäten des 21. Jahrhunderts für uns beackert.

«Kirschgarten»-Premiere am 14.12., Pfauen, Zürich.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch