Zum Hauptinhalt springen

Jung, weiblich, kollegial: Das neue Neumarkt-Theater

Als ein etwas anderes Dreispartenhaus imaginieren die drei neuen Leiterinnen des Neumarkt-Theaters, Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert, die Bühne im Herzen Zürichs.

Tine Milz (von links), Julia Reichert und Hayat Erdogan, das neue Leitungstrio des Theaters Neumarkt.
Tine Milz (von links), Julia Reichert und Hayat Erdogan, das neue Leitungstrio des Theaters Neumarkt.
Andrea Zahler (Tamedia)

Sie machten einen grossen Bahnhof im grossen Bahnhof: Die drei neuen Leiterinnen des Neumarkt-Theaters verlegten die gestrige Medienpräsentation ihres ersten Programms in die Halle des Zürcher Hauptbahnhofs und mischten die lokale Soundkulisse mit Silvesterknallern, Audio-Passagen aus ver­gangener Zeit und einem sehr gegenwärtigem Duo aus Pauke und Quäkinstrument auf. «Wir versuchen, ein Hybridhaus zwischen Labor und Stadttheater zu entwickeln, wo man viel ausprobieren kann, sich begegnen in einem Möglichkeitsraum», sagt Tine Milz in unserem Gespräch vor der Pressekonferenz – welche ebendiesen Zugang veranschaulichte.

Milz, 1989 in Bayern geboren, ist die Jüngste im jungen Leitungsteam. Reingewachsen in eine Hippiekultur, probierte sie alles Mögliche aus, bis sie sich 2015 um einen Studienplatz für Dramaturgie an der Zürcher Hochschule der Künste bewarb – und Hayat Erdogan auffiel: Die 1981 in Baden-Württemberg in eine türkische Gastarbeiterfamilie geborene Leiterin des Fachbereichs, die in der Kindheit ­keinen Bühnenkontakt hatte («wie im Klischee», sagt sie), sass im Auswahlgremium.

Die jüngste gab den Anstoss

Dass die zwei nun mit der 1983 in München geborenen ­Julia Reichert – die von 2011 bis 2013 am Neumarkt Dramaturgin war, dann ans Schauspielhaus und später ans Luzerner Theater wechselte– das erste weibliche Direktionstrio, Triummulierat, an einem Zürcher Theater stellen, ist Tine Milz zu verdanken: Sie hatte die gemein­same Bewerbung angeregt.

Acht Premieren stehen in der Sparte Theater schon mal fest. Den Auftakt macht «They Shoot Horses, Don’t They?» nach dem Roman des amerikanischen ­Autors der Great Depression, ­Horace McCoy, und nach dem gleichnamigen Film. Aber vor der Aufführung im Saal (18.9.) gibts unter dem gleichen Titel einenöffentlichen Tanzmarathon (22.8.) und eine performative Eventskulptur (6.9. bis 10.9.). Regisseur dieser drei Formen wird der amerikanische Multimedia-Künstler Mike Bonnano sein. Bonnano rief an der Pressekonferenz dazu auf, zum ­«Auditioning» auf die Landi­wiese zu kommen, das während des Theaterspektakels als einmaliges Format stattfindet.

Erwartungen unterlaufen

Derartige Formate, zu denen auch ein- bis zweimonatige Künstlerresidenzen an der Chorgasse gehören, bekommen im Neumarkt-Theater von Hayat ­Erdogan, Tine Milz und Julia ­Reichert gar eine eigene Sparte namens «Playground». Die dritte Sparte – die Leiterinnen sprechen gern vom «Dreispartenhaus» – heisst «Akademie»; und soll zu denken geben. Der Basler Theatermann Boris Nikitin kuratiert da etwa eine «essayistische Konferenz mit Vorträgen und Lecture-Performances» zum Thema Propaganda und Wett­bewerb um Aufmerksamkeit (27.9. bis 29.9.) Die Website zum gesamten Neumarkt-Programm wird Ende August aufgeschaltet.

Grundsätzlich wolle man enge Theatererwartungen unterlaufen, erklärte Reichert im Gespräch – und Freiraum haben für das, was die drei in ihrem Manifest aus 12 Punkten «Unbedingtes Theater» nennen. In ihm soll das Als-ob und seine Brüchigkeit stets und unironisch mitreflektiert werden. Ob sich das ­Profil noch genug von dem der Gessnerallee unterscheidet? Dafür setze man auf das feste Ensemble, die Werkstätten, die Intimität des Raums, so Reichert. Die sieben Ensemblemitglieder– darunter auch Tanzschaffende und Sängerinnen – stellen sich an der Eröffnung am 22. August vor. Bekannt sind hingegen die Regisseure, etwa der Belgier ­Benny Claessens, der «Mass für Mass» inszenieren wird, und der Zürcher Dominik Locher.

Angst vor der alten Debatte um Besucherzahlen haben die Leiterinnen nicht, obwohl sie die Vorgeschichte kennen. Klar, man wolle das Haus vollkriegen. Aber die Gastgeberschaft, die Offenheit für unterschiedlichste Zuschauergruppen, für Teilhabe und Diversität dürfe nicht umschlagen in eine «Kundendienst»-Mentalität, betont Erdogan. «Lieber führen wir einen langfristigen Dialog mit dem Publikum.»

Fight ist erlaubt

Der darf ruhig auch kritisch klingen. «Love Play Fight» lautet das Motto des neuen Neumarkts und gilt auch fürs Trio. «Schlimmstenfalls greift die Notfallklausel», so Erdogan. «Steigt eine aus, wird der ganze Vertrag neu verhandelt.» Aber das sei kein Thema. Selbst mit der von der Stadt angedachten Budgetkürzung und Umverteilung des Gelds zur freien Szene können die Direktorinnen, die auf sinnstiftende Theatererfahrungen zielen, gut leben. Schön sei anders, aber: «Eine längerfristige Förderung der Freien, die zudem bei den Häusern andocken können, halte ich für ein viel­versprechendes Werkzeug der Qualitätsförderung», sagt Erdogan, die von 2014 bis 2018 in der städtischen Theaterkommission mittat. Reichert hofft: «Am Ende profitiert die ganze Theaterlandschaft.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch