Kein Überangebot auf den Bühnen

Die Bestandsaufnahme zur Theaterlandschaft Zürich liegt vor: eine Entwarnung mit kritischen Untertönen.

Alles paletti in der Zürcher Theaterlandschaft? Schauspieler proben den «Sommernachtstraum» am Schauspielhaus (2014). Foto: Anthony Anex (Keystone)

Alles paletti in der Zürcher Theaterlandschaft? Schauspieler proben den «Sommernachtstraum» am Schauspielhaus (2014). Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Jetzt ist sie da, die heiss diskutierte Bestandsaufnahme der Theaterlandschaft Zürich, für die Stadt durchgeführt von der Grazer Integrated Consulting Group (ICG). Anstoss dazu war der Stunk ums hiesige Theaterleben, der Eindruck des «zu viel und zu ähnlich», der sich rasch aufdrängt, geht man im Herbst den Theaterkalender durch. Und das vage Unbehagen verklumpt sich zum Verdacht, wenn die Besucherzahlen abschmieren wie 2014 am Neumarkt. Damals intensivierte die Stadt ihre Beobachtung der Szene; der damalige Leiter Theaterförderung, Plinio Bachmann, schrieb ein Positionspapier, das Vorschläge zu Fusionierungen und Profil­änderungen von Bühnen machte. Das Papier blieb unter Verschluss, und die ICG-Studie wurde angeleiert. Nun präsentiert die Stadt die 111-seitige Bestandsaufnahme als Zwischenbericht, auf dem später ein Konzept fussen soll.

ICG hat mit reichem statistischem Material, Städtevergleichen und qualitativen Befragungen von Zürcher Theatern, Künstlern und Besuchern gearbeitet und folgert: Das Überangebots-Problem bestätige sich nicht, der Eindruck entstünde wohl durch den gewachsenen Vermittlungsbereich und das in anderen Sparten boomende Angebot. Überschneidungen kämen vor, seien jedoch kein echtes Problem. Die Mittelausstattung sei vergleichsweise hoch, die Förderung funktioniere grundsätzlich gut, es gebe aber Entwicklungspotenzial. Es werde vor allem ein Publikum mittlerer bis hoher Bildungsniveaus erreicht, bei Diversität und Teilhabe hapere es noch.

Wachstumsbranche Kultur

2015/16 gabs in Zürich total rund 3800 Tanz- und Theaterveranstaltungen mit 720 000 Besuchern. Die Vorstellungszahl stieg damit seit 2005 markant an, im Schnitt um 20 Prozent, im Kinder- und Jugendtheater gar um 111 Prozent. Sie reduzierte sich hingegen bei den mittelgrossen Bühnen wie Gessnerallee und Neumarkt um 3 Prozent. Mehr noch als die Vorstellungs- wuchs prozentual die Besucherzahl – dies bei den kleinen, den mittleren, den Unterhaltungs- und den Kindertheatern, nicht aber bei Opern- und Schauspielhaus. Mehr Zulauf hatten zudem die Festivals.

Die Auslastung liegt durchschnittlich bei 77 Prozent, gegenüber 2005/06 ein Wachstum von 4 Prozent. Für die Wirtschaftlichkeit und gegen eine Überhitzung spricht laut ICG auch der hohe Eigenmittelanteil (er ist höher als in der übrigen Schweiz). Niedriger als etwa im deutschen Schnitt ist aber die Vorstellungszahl pro Produktion, was die Wertschöpfung schmälert. Im Vergleich zu Genf, Frankfurt und Stuttgart gibt Zürich in absoluten Zahlen am meisten für Tanz und Theater aus. Gemessen an der Kaufkraft der Summe aber liegt Stuttgart vorne. Bezogen auf die Subventionen pro Stadtbewohner schwingt Genf weit obenaus. Zürich, wo nichtinstitutionelle Förderung mehr Gewicht hat, liegt da sogar an letzter Stelle; samt Kanton aber sind wir wieder knapp an der Spitze.

Die Lage ist nicht dramatisch

Also alles paletti? Nun ja. So ist trotz passabler Ausstattung und teils langfristigen Subventionen im Tanz in Zürich keine überragende Compagnie entstanden: Das lässt sich nicht einfach erdüngen. Als weitere kritische Punkte nennt der Bericht die oft «akademischen» Auswahlkriterien der Förderkommissionen und – zu Recht – das Fehlen eines unkuratierten Hauses oder wenigstens Produktionsbüros, einer «Shared Services»-Struktur, wie sie gerade bei vielen freien Gruppen wie in Zürich sinnvoll wäre. Und der Bericht will wissen, wieso die Stadt ein U-Theater wie den Hechtplatz selbst betreibe: eine Frage, die bereits das Bachmann-Papier gestellt hatte.

Insgesamt ergibt die Studie, bei allem Misstrauen gegenüber Deutungszaubereien, überzeugend das Bild, dass die Lage so dramatisch nicht ist, wie man sie schon gezeichnet hat. Dennoch lässt sie Raum für Unbehagen. Im April 2018 sollen Lösungswege aufgezeigt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 08:21 Uhr

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