Lieber depressiv als vegan

Dass Depressionen auch sehr lustig sein können, zeigen Katja Früh und Patrick Frey im Casinotheater Winterthur.

Denken sich eine Therapie aus: Charlotte Heinimann und Patrick Frey.

Denken sich eine Therapie aus: Charlotte Heinimann und Patrick Frey. Bild: Michael Bigler

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Nein, Quinoa und Kichererbsen will Klaus nicht essen, das gesunde Leben kann ihm gestohlen bleiben. Lieber liegt er im Bett und schaut über Mittag im TV die Geissens. «Geh nach draussen», sagen ihm dann die anderen, «mach doch einen Spaziergang, die Sonne scheint!» Sie haben gut reden. Doch Klaus hat keine Lust auf nichts. «Für was söll ich min Arsch lupfe?» Keine Frage: Der Mann macht auf depro. Vor seinem 60. Geburtstag hat er den Horror.

«Kopf hoch!» sagen Katja Früh und Patrick Frey. Aber auf der Bühne des Casinotheaters Winterthur, wo ihr neues Stück am Donnerstag Premiere hatte, sieht es nicht besonders erhebend aus. Am Boden liegen Kleider und auch einzelne Socken, es stapelt sich das gebrauchte Geschirr. Mittendrin in diesem Puff (und am liebsten im Bett) ist Andreas Matti, der diesen unaufgeräumten Klaus spielt.

Es ist seine Pyjama-Show. Und vielleicht hat man Andreas Matti noch nie verlorener auf einer Bühne spielen sehen. Klaus’ Versuch, selber ein bisschen Ordnung in sein Leben zu bringen, ist eine Slapsticknummer in Slow Motion. Da nimmt er einen Gegenstand in die Hand und legt ihn einfach anderswo wieder hin, als wollte er sagen: Nichts hat einen Sinn. In solchen stummen Momenten ist Matti auch am lustigsten. Er hat den Kopf dazu. Und auch den Bauch.

«S Problem isch, dass es mich überhaupt git.»Klaus in «Kopf hoch!»

Diesem Klaus muss geholfen werden, sagt seine Umgebung. Hier kommt das sehr aufgeräumte Ensemble im Spiel: Charlotte Heinimann, Esther Gemsch, Pit-Arne Pietz, Patrick Frey (mit Psychoquassler-Perücke). Denn ein Mann muss doch auch müssen: Karton bündeln, an Partys gehen, Quinoa essen, eben: funktionieren. Ob Ehefrau, Schwester, Geschäftsfreund, Psychiater: Alle haben Vorschläge für eine Therapie. Sie ist das reinste Guantánamo. Man versuchts mit Schlafentzug. Eisbädern. Gruppengesprächen. Horrorclowns. DJ Bobo. Das macht alles noch lustiger, auch wenns teils ans Lebendige geht.

Und doch kommen die meisten recht unbeschadet aus diesem Spiel heraus. Denn so schlimm alles scheint: Schlimmer kann es mit Klaus nicht werden. Und oft gibt es auch Gemütsaufheller. Man lacht über sich selber.

Alles in allem: eine menschliche Komödie, mit manchmal sehr bösen Momenten, dann aber auch wieder freundlich bis harmlos. Katja Früh, die hier auch Regie führt, und Patrick Frey sind Spezialisten auf diesem Gebiet. Ihre Stücke sind selber so etwas wie eine Therapie gegen allerhand Ängste, das haben schon «Grundriss der Hoffnung», «Exit retour» oder auch «Sei kein Mann!» gezeigt. «Kopf hoch» könnte uns sagen: Mit Klaus ins Bett ist gar keine so schlechte Option. Sollen doch die anderen Quinoa oder Kichererbsen essen – und Party machen.

Bis 6. Juli

Erstellt: 14.06.2019, 19:44 Uhr

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