«Man soll dem Neumarkt-Theater die Subventionen streichen»

Andreas Thiel und andere Kulturschaffende verurteilen die Anti-Köppel-Aktion des Theaters am Neumarkt. Die Verantwortlichen werden vor den Verwaltungsrat zitiert.

«Verleumdung, Beschimpfung und Aufhetzung»: Andreas Thiel übt scharfe Kritik an der Kampagne gegen Roger Köppel. (Bild vom 12. Januar 2016 bei einem Auftritt in Zürich).

«Verleumdung, Beschimpfung und Aufhetzung»: Andreas Thiel übt scharfe Kritik an der Kampagne gegen Roger Köppel. (Bild vom 12. Januar 2016 bei einem Auftritt in Zürich).

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Nach der Empörung um die Anti-Köppel-Aktion am Neumarkt-Theater melden sich verschiedene Kulturschaffende zu Wort. Die Veranstaltung des Aktionskünstlers Philipp Ruch betreibe «Verleumdung, Beschimpfung und Aufhetzung», sagt etwa Andreas Thiel im Interview mit der «Sonntagszeitung». Der Berner Satiriker fordert, dass dem Theater die Subventionen gestrichen werden sollen. «Wenn solche Volksverhetzungen mit Steuergeldern finanziert werden, dann finanziert der Staat eine Straftat.»

Gemäss Thiel hätten Ruch und seine Truppe «Mittel der Diffamierung» eingesetzt, «die man von den Nazis kennt». Jeder, der schon mal einer solchen Hetzkampagne ausgesetzt gewesen sei, kenne deren Wirkung. Er wisse aus eigener Erfahrung wie es sei, «wenn man öffentlich fertig gemacht wird». Thiel wurde nach einem Koran-Artikel und einem Auftritt in der Talkshow von Roger Schawinski im Dezember 2014 heftig angefeindet und bedroht. «Das löste in meinem Umfeld Ängste aus, bis in meine engste Familie hinein.»

Franz Hohler spricht von «Wildwestmethode»

Auch andere Schweizer Kulturschaffende distanzieren sich von der Veranstaltung am Neumarkt-Theater, mit der Roger Köppel mit einem Exorzismus der «Nazi» ausgetrieben werden sollte. «Jemanden pauschal als Nazi oder Bösewicht abzustempeln und zum Abschuss freizugeben, ist eine Wildwestmethode», sagt etwa Franz Hohler in der «Sonntagszeitung».

Als «selbstdarstellerischen Unfug» bezeichnet Drehbuchautor und Schriftsteller Charles Lewinsky die Aktion. Man solle seine politischen Gegner, zu denen er Köppel zähle, mit Argumenten bekämpfen «und nicht mit kindischen Beleidigungen». Kritik kommt auch von Autor Adolf Muschg: «Ich dachte, Donald Trump sei nicht zu unterbieten – aber es geht offenbar noch dümmer.» Der Denunziationsstil der Veranstaltung am Neumarkt-Theater sei «schlimm und gefährlich».

Auch Verwaltungsrat kritisiert die Theaterleitung

Die Chefs des Theaters Neumarkt haben sich auch vor dem Verwaltungsrat zu rechtfertigen. Andreas Spillmann, Neumarkt-Verwaltungsrat und Direktor des Landesmuseums sagt in der «Schweiz am Sonntag»: «Die Art des Theaters von Philipp Ruch finde ich lächerlich, bemühend und selbstgefällig. Es ärgert mich, dass ausgerechnet eine solche Attitude dem Neumarkt Publizität verschafft.» Der Verwaltungsrat werde mit den verantwortlichen Co-Direktoren Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler sicher das Gespräch suchen, doch müssten Fehler nicht immer abgestraft werden.

Spillmann tut sich seit längerem schwer mit dem umstrittenen Zürcher Theater. «Der Neumarkt entspricht nicht meinen Vorstellungen von Theater», sagt er. Namentlich mit dem postdramatischen Theater, das die Autorenschaft in Frage stellt, kann er nicht viel anfangen. «Theater ohne Autoren funktioniert nicht», sagt Spillmann. Nach sieben Jahren im Verwaltungsrat hat er sich deshalb entschlossen, den Verwaltungsrat per Ende Jahr zu verlassen. Zugleich betont er, dass er diesen Entscheid schon vor der Affäre mit Philipp Ruch getroffen hat. (chi)

Erstellt: 20.03.2016, 02:44 Uhr

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