Markttaugliche Marktattacke

Peter Kastenmüllers «Herr Puntila und sein Knecht Matti» am Neumarkt macht Spass.

Auch Puntilas Tochter kann der Monstermaus nicht entkommen. Foto: Doris Fanconi

Auch Puntilas Tochter kann der Monstermaus nicht entkommen. Foto: Doris Fanconi

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Rot glühen im Dunkel die Augen der Monstermaus. Die Aufführung von Bertolt Brechts «Herr Puntila und sein Knecht Matti» im Theater Neumarkt hat noch gar nicht begonnen, als eines bereits klar ist: Im Finnland der Vierzigerjahre sind wir nicht – und bei Brecht, dem didaktisch-politischen Epiker, nur bedingt. Dafür sitzen wir, wie sich im Lauf der zwei Stunden herausstellt, mittendrin in einer aquavitgetränkten, süffigen Geisterbahn des Kapitalismus, wo Ausbeutung und Anpassung herrschen, wo Abhängigkeit und Angst beide re­gieren – den Knecht und den Herrn. Da wabert Menschlichkeit nur noch als rauschgeborene Spuk- und Truggestalt herum; die Monstermaus hat mit ihrem kräftigen Kiefer längst jeden Menschen geknackt. Auch uns: Denn, zugegeben, es macht Spass in dieser Geisterbahn!

Schrille 70er-Jahre-Outfits

Die beachtlich textgetreue Inszenierung von Neumarkt-Leiter Peter Kastenmüller ist nämlich mit exakter Munterkeit durchchoreografiert. Brecht lässt in ­seinem einzigen erklärten «Volksstück» (1948 am Pfauen uraufgeführt) so recht herumrüpeln und kann am Ende die Erwartungen des Genres nicht bedienen: Da gibt es keine Hochzeit, kein Happy End und keine Belohnung für irgendwen. Klar.

Wer sie daher heute anschaut, die dialektische Geschichte vom finnischen Bauern Puntila, welcher im besoffenen Zustand stets den Menschenfreund in sich pflegt und im nüchternen den knallharten Kapitalisten, der erwartet sowieso das Unterlaufen solcher Erwartungen. Und bekommt, bei Kastenmüller, eine spöttische Verkehrung jedes kritischen Duktus hinein in potenzierte Künstlichkeit: Rüpelhumor, Slapstickszenen mit und ohne Koffer, Zombiezitate, schrille Siebzigerjahre-Outfits (diese Brillen!, diese Frisuren!) und, nicht zuletzt, angejazzten Reibeisenrock Richtung Joe Cocker mit Passagen von Brecht und Gesang vom preisgekrönten Berner Erzählpoeten Michael Fehr.

Delirium tremens samt weisser Maus. Video: Theater Neumarkt

Kurz, dieser Puntila ist eine hübsch markttaugliche Marktattacke, abgetanzt auf einem schwarzen Glitzersteg, an ­einer schnieken Drehtheke, im Strobos­kopgewitter oder in rotem Neonlicht (Raum: Janina Audick). Ja, in der Provinz ist Brecht der Prinz. Und das Ensemble schwoft lustvoll mit in diesem selbstironisch rustikalen Groove. Puntilas herumgeschupfter Chauffeur brüllt so, dass die Besucher in der ersten Reihe in Deckung gehen (der starke Komödiant Simon Brusis kann auch leise); Puntilas herumgeschupfte Tochter sehnt sich so nach diesem gestandenen Mannsbild (zuckersüss: Hanna Eichel), dass die Möchtegernbräute Puntilas gleich mitstöhnen (Yanna Rüger, Sophie Arbeiter und, als Transe, Maximilian Kraus). Sogar der janusgesichtige Gutsbesitzer ­(gekonnt zerteilt: Martin Butzke) bleibt ein Gefangener der kleinen, kleinherzigen Verhältnisse – der Rest ist Delirium tremens samt weisser Maus. So entsteht zwar kein grosses, aber definitiv ein grossherziges Stück Theater.

Erstellt: 06.11.2015, 18:03 Uhr

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