Menschenleben? Zählen hier einen Dreck

Regisseur Milo Rau tourt durch den Kongo. Ihm auf den Fersen: TA-Mitarbeiter Andreas Tobler.

Die Hoffnungen, die mit seinem Kongo-Film verbunden sind, gehen ins Gigantisch-Monströse: Milo Rau nach einer Pressekonferenz im Kongo. Foto: Arne Birkenstock/ Kongo Tribunal

Die Hoffnungen, die mit seinem Kongo-Film verbunden sind, gehen ins Gigantisch-Monströse: Milo Rau nach einer Pressekonferenz im Kongo. Foto: Arne Birkenstock/ Kongo Tribunal Bild: Arne Birkenstock

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Der schlaksige Schwarze im blauen Overall und mit dem Maschinengewehr um den Hals schiebt mit teilnahmslosem Blick die Schranke zur Seite; unser Auto, ein kräftiger 4x4, hoppelt über die Holzbrücke: Wir sind also tatsächlich nochmals zurückgekehrt – nach Bukavu, einem Moloch im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Vor zwei Jahren war die Millionenstadt an der Grenze zu Ruanda der Schauplatz des «Kongo Tribunals», einem Theaterprojekt des Schweizer Regisseurs Milo Rau, mit dem er an drei konkreten Fällen das Unrecht im Kongo zur Verhandlung bringen wollte – am Beispiel von zwei Konflikten um Rohstoffminen sowie an einem Massaker mit 35 Toten. Der britische «Guardian» vermutete damals in Raus Projekt «das ambitionierteste Stück Polit-Theater, das jemals inszeniert wurde».

Tatsächlich schrammten Raus Ambitionen damals knapp am Grössenwahn vorbei: In einem Bürgerkriegsgebiet wie dem Kongo ein Theatertribunal abzuhalten, ist etwa so irr wie Fitzcarraldos Plan, im Dschungel des Amazonas ein Opernhaus zu bauen. Aber Rau hatte es geschafft: Während dreier Tage holte er Verantwortliche für das Unrecht im Ostkongo auf die Bühne seines Tribunals – Regierungsvertreter, Oppositionspolitiker, Rebellen, Militärs, Vertreter von Minenfirmen. Und man wurde zu Zeugen von Geständnissen, die man zuvor für unmöglich halten musste: Massenvergewaltigungen wurden gestanden, die Mitschuld der Regierung an dem untersuchten Massaker wurde eingeräumt, wenn auch indirekt.

Zwei Jahre später sind wir nochmals zurückgekehrt, um zu schauen, was Raus Tribunal gebracht hat, ob es nur eine Übung in Grössenwahnsinn war oder langfristig eine Wirkung haben kann. Rau hat seinen Film über sein Kongo-Tribunal im Gepäck, den er in verschiedenen Städten den lokalen Protagonisten sowie den Machthabern zeigen will, bevor er ihn Anfang August am Festival in Locarno zur Weltpremiere bringt.

Schweissausbrüche in Bern?

Beim EDA in Bern muss Raus Rückkehr nach Bukavu für Schweissausbrüche sorgen: Im Ostkongo sind seit Jahren bewaffnete Rebellengruppen unterwegs, die für Hinrichtungen, Entführungen, sexualisierte Gewalt, Plünderungen und unzählige weitere Menschenrechtsverbrechen verantwortlich sind. Weder die Armee noch die UNO seien in der Lage, der Zivilbevölkerung Schutz zu bieten, heisst es im Report von Amnesty International. Im Kongo ist dieser Horror seit Jahrzehnten Normalität. Aber im Unterschied zu 2015 ist die Situation im ganzen Land zusätzlich angespannt, weil Joseph Kabila die Wahlen vertagt hat, die ihn nach 15 Jahren als Präsident ablösen würden. Proteste gegen Kabilas Verharren im Amt wurden wiederholt blutig niedergeschlagen; Journalisten aus dem In- und Ausland grundlos verhaftet. Sollte die Situation eskalieren, habe die Schweizer Botschaft «nur eng begrenzte – je nach Situation gar keine – Möglichkeiten zur Unterstützung», heisst es beim EDA.

Am Hüttchen, wo wir den kongolesischen Zollbeamten unsere Pässe und die Medienakkreditierung vorzeigen und unseren Aufenthaltsort in Bukavu angeben müssen, werfe ich einen letzten Blick zurück über die Grenze nach Ruanda: Wahrscheinlich gäbe es kein Entkommen für uns Muzungs, wie wir Weissen hier genannt werden, falls die Situation kippen würde. Denn Bukavu kann man nur über diesen einen Grenzposten verlassen – in einer sechsstündigen Autofahrt über die tausend Hügel von Ruanda, durch den Nationalpark oder entlang des Kivusees, der so gross ist wie der Kanton Bern.

Am Grenzposten von Bukavu wird uns eine «Fever Gun» an den Hals gedrückt, mit der überprüft werden soll, ob wir Ebola haben: 36,5 Grad – alles okay. Von nun an geht es auf ausgewaschenen Strassen und durch Schlaglöcher in die Millionenstadt; vorbei an Häusern hinter Stacheldraht und Rohbauten, die seit Jahren unvollendet sind. Es sei alles schlechter geworden, sagen hier lebende Bekannte, die wir nach zwei Jahren wieder treffen: Die Elektrizität falle dauernd aus; die Versorgung mit fliessendem Wasser funktioniere nicht, sie sei eine eigentliche Katastrophe (auch jetzt, da ich diesen Text schreibe, gibt es keinen Strom; es verbleiben noch zehn Minuten, dann ist der Akku meines Laptops leer).

«Heute ist der grosse Tag»

Es ist die Misere im Kongo, welche die Hoffnungen in Milo Raus Film ins Gigantisch-Monströse wachsen lassen: Am Tag nach unserer Ankunft nehmen wir an einer Pressekonferenz des «Souverain» teil, der einzigen unabhängigen Zeitung im Osten des Kongos, die in ihrer aktuellen Ausgabe auf vier Seiten über Raus Tribunal berichtet hat. Warum er nur das Massaker von Mutraule und nicht auch noch jenes von Beni untersucht habe, wird Rau auf der Pressekonferenz gefragt, zu der auch der Bürgermeister von Bukavu gekommen ist.

Der Wunsch ist verständlich, aber zugleich völlig vermessen, wenn man sich die kongolesische Realität vor Augen hält: Vor einigen Jahren hat die UNO einen Bericht publiziert, der allein für die Jahre von 1993 bis 2003 weit über 600 Massaker verzeichnet. Inzwischen geht man davon aus, dass seit 1998 mehr als sechs Millionen Menschen den bewaffneten Konflikten im Kongo zum Opfer fielen. Ein Menschenleben zählt hier definitiv nur einen Scheissdreck.

«Ihr reist doch nur in den Kongo, um euch am Elend zu ergötzen», wurde uns vorgehalten, als wir in Kigali auftauchten. Sind wir nur pathologische Existenzen, die uns am Unglück der anderen berauschen? Ich für meinen Teil wäre wohl nicht nochmals in den Kongo gereist, wenn es hier nur das Elend gäbe – und nicht das, was mich bei meinem letzten Aufenthalt in Bukavu so nachhaltig beeindruckt hat: der hohe Begriff der Zivilgesellschaft, den wir so in Europa nicht kennen. Und der hier trotz aller Widrigkeiten und Abgründe hochgehalten wird – auch an diesem Vormittag auf der Pressekonferenz des «Souverain», wo man dem anwesenden Bürgermeister den Vorwurf macht, seine Administration habe Gelder der Weltbank veruntreut. Raus Tribunal sei eine Übung in zivilgesellschaftlichem Engagement, sagt der Bürgermeister von Bukavu. Nach der Pressekonferenz wird ein «Contrat Social» herumgegeben, den man unterzeichnen kann.

«Heute ist der grosse Tag», sagt Colette Braeckman diesen Morgen beim Frühstück. Braeckman berichtet seit Jahrzehnten als Journalistin für den belgischen «Le Soir» und die «Monde Diplomatique» über die Kivu-Region. Die feingliedrige Belgierin war Expertin am Internationalen Strafgerichtshof für den Genozid in Ruanda und Teil der Jury von Raus Tribunal. Was sie sagt, hat auch hier im Ostkongo Gewicht. Heute wird Milo Raus Film erstmals am Schauplatz seines Tribunals den Protagonisten und den kongolesischen Machthabern gezeigt.

Dieser Beitrag wurde finanziell durch den Medienfonds «Real21 – die Welt verstehen» mit ermöglicht.

Erstellt: 10.05.2017, 17:33 Uhr

Reiseberichte

Unser Mitarbeiter Andreas Tobler berichtet in den kommenden zehn Tagen in unregelmässigen Abständen aus dem Kongo, wo Regisseur Milo Rau seinen Film «Kongo Tribunal» Bürgern und Politikern vorstellt.

Milo Rau

Das Kongo-Projekt

Milo Rau, Schweizer Regisseur und Essayist, hat 2015 im Ostkongo ein Theatertribunal ausgerichtet. Ziel war es damals, das Unrecht im Kongo an drei konkreten Fällen zur Verhandlung zu bringen – an einem Massaker mit 35 Opfern und zwei Konflikten um Rohstoffminen. Nun kehrt Rau in die Demokratische Republik Kongo zurück, um der Bevölkerung und den Machthabern seinen fertigen Film über das Tribunal in mehreren Städten zu zeigen. Die Filmpremiere ausserhalb des Landes findet dann Anfang August am Filmfestival in Locarno statt. (atob)

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