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Mit der Motorsäge im Patrizierhaus

Bastian Kraft rollt im Zürcher Pfauen Thomas Manns Familiensaga «Buddenbrooks» wuchtig auf.

Alexandra Kedves
Regisseur Kraft setzt seine Figuren ins Bühnenbild wie in einen überdimensionierten Setzkasten. Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)
Regisseur Kraft setzt seine Figuren ins Bühnenbild wie in einen überdimensionierten Setzkasten. Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

«Buddenbrooks» steht in grossen Lettern auf dem Stammbuch der reichen Lübecker Kaufmannsfamilie; es wird gleich zum Auftakt der Premiere an die Wand projiziert. So was kennt man, denkt man. Und ist geneigt, denen zuzustimmen, die vor der dreieinhalbstündigen Aufführung frei nach Thomas Manns nobelpreisgekürtem, rund 1000-seitigem Romandebüt murrten: Warum wieder ein Roman? Wieso überhaupt Prosa, wo es doch so viel Bühnenliteratur gibt, von den alten Griechen bis zu den jungen Schweizern?

Solche Fragen tauchen in derselben Regelmässigkeit auf, in der etwa «Die schwarze Spinne» von Jeremias Gotthelf über die Bretter krabbelt – wie derzeit in Luzern und Basel. Auch Kafka-Romane gehen immer: «Amerika» hatte eben in Berlin Premiere, in Hamburg läuft noch «Das Schloss». Der grosse Gatsby lässt es häufig krachen, demnächst in Luzern. Und Dostojewski – jetzt im Schiffbau – ist stets ein sicherer Wert. Wie Thomas Mann. So hat selbst der 37 Jahre junge, in Zürich bestens eingeführte «Buddenbrooks»-Regisseur Bastian Kraft bereits viele Klassiker auf seiner Inszenierungsliste: nicht bloss «Amerika», «Werther» und «Steppenwolf» (vor fünf Jahren in Zürich), sondern auch die obligate Dostojewski-Umsetzung «Schuld und Sühne» (Frankfurt, 2016) und Manns «Felix Krull» (München, 2011).

Tolle Bilder

Wird hier Kasse mit fremder Klasse gemacht, also mit der bühnentauglich zurechtgestutzten grossen Prosa eines grossen Autors, der für regen Schulklassenbesuch sorgt? Dass dies die verkehrte Fragestellung ist, zeigen die letzten Zürcher Abende von Kraft: Vor einem Jahr schickte er Max Frischs Romanheld Homo Faber auf ein Laufband – und wickelte uns dabei gleich mit ein ins schauspielerstarke Schicksalsdrama. Im Frühling 2016 wiederum hatte er uns Frischs Stück «Andorra» als therapeutischen Trip durch jugendliche Verlorenheit ganz nah an Herz und Tränendrüse gelegt.

Anders gesagt: Dieser Sprössling der Giessener Theaterschmiede greift in Stücke und Romane auf die gleiche Weise hinein. Er angelt gekonnt die legendären Figuren, berühmten Quotes, bekannten Szenen heraus und platziert sie in installativen, überwältigenden Bühnenbildern wie in einem überdimensionierten Setzkasten. Er high­lightet das Grundsätzliche, streicht das Spezifische und erreicht dadurch oft eine Anschlussfähigkeit auf kulinarischer wie emotionaler Ebene: tolle Bilder, existenzielles Grundrauschen.

Das spielfreudige Ensemble offeriert uns das Best-of des Romans wie eine Schachtel voll köstlicher Pralinés.

Genauso funktioniert auch Krafts «Buddenbrooks»-Fassung. Wieder erzählt Peter Baurs Bühne die Story grossartig mit, wieder offeriert uns ein spielfreudiges Ensemble – hier aus elf Darstellern – das Best-of des Romans wie eine Schachtel voll köstlicher Pralinés. Eine solche liegt tatsächlich auf dem Tisch: Die Geschichte vom «Verfall einer Familie» – so der Untertitel des Romans von 1901 – wird rund um eine aseptisch weisse, pfauenbühnenlange Tafel serviert. Via Livecam schauen wir teils auch aus der Vogelflug- oder zumindest der Mückenflugperspektive zu, wie die Saga vom Versinken der Familie in ökonomische und politische Bedeutungslosigkeit abrollt, während ein Metronom laut als Totenuhr den Takt schlägt. Obduktion statt Festmahl: In jeder Katastrophe zückt der aktuelle Krisenverursacher die Motorsäge, sodass der Tisch zusehends schrumpft und endlich zusammenbricht.

Bei den Buddenbrooks gibts keine Tafel und bald auch keine Esser mehr. Der letzte Hoffnungsträger des Hauses, Teenager Hanno in ungesund gelbbraunem Melancholiker-Outfit, stirbt an Typhus: Claudius Körber ist ein fantastischer postmortaler Erzähler! Etwa als Schatten hinter dem Konsul – Jean-Pierre Cornu als Patrizier von altem Schrot und Korn, aber in zeitlosem Anzug –, der gern das Familienmotto beschwört: «Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können.»

Wikipedia-Wissen auf die Bühne gewuchtet

Lust und Schlaf ist für keinen mehr zu haben: Die Tochter des Konsuls – Henrike Jörissens verzweifelt muntere Tony mit den Schleifchen an den eleganten Hosen – verheiratet sich zweimal für die Familie; ein Desaster. Sohn Christian ist sowieso das schwarze Schaf: Daniel Strässer scheint perfekt aus einer Soap kopiert – die auch Arthur Fussys Musikgestaltung insinuiert. Sohn Tom dagegen ist der Richtigmacher, bei dem alles falsch läuft: die Geschäfte, die Ehe mit einer Musikerin (erstklassig: Lena Schwarz), die Beziehung zu Söhnchen Hanno. Die Kamera liebt Edmund Telgenkämpers Tom, wenn er erschöpft konstatiert: «Mein Leben ist eine einzige Aufführung» – die ihm buchstäblich ans Lebendige geht. «Der Tod ist ein Glück, Rückkunft von einem unsäglich peinlichen Irrgang.»

Geschmeidig hineingeschnitten hat der Regisseur zudem die gesellschaftskritischen Momente, die Reflexion über die Verhältnisse von Medizinstudent Morten (Benito Bause); die Revolte von Diener Anton (Milian Zerzway). Selbst die Rolle der Frau zerlegt Susanne-Marie Wrages Konsulin nebenbei professionell. Kurz: Bastian Kraft ist kein Simon Stone, der Klassiker kongenial überschreibt. Oder sich daran reibt. Aber er wuchtet im besten, wirklich allerbesten Sinn Wikipedia-Wissen auf die Bühne: Seine «Buddenbrooks» entfalten Manns Brocken mit guten Schauspielern, holen heraus, was uns trifft – das Zittern vor dem Alter, die dauerpräsente Abstiegsangst, die Bilanzpanik in der Lebensmitte. Eine Motorsägenarbeit mit einer Menge Volt.

Bis 29. November im Pfauen.

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