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Nabelschau der Migrantenkinder

Das Theater hat das Thema Einwanderung lang verschlafen. Dann wurden alle hellwach und schauen nun auf das Gorki-Theater.

Auf dem russischen Landgut leben die Kulturen wild durcheinander: Szene aus Nurkan Erpulats «Kirschgarten»-Inszenierung am Gorki-Theater.
Auf dem russischen Landgut leben die Kulturen wild durcheinander: Szene aus Nurkan Erpulats «Kirschgarten»-Inszenierung am Gorki-Theater.
Maxim Gorki Theater

Bei der Kleinen Eiszeit hielten Grönlands Wikinger im 14. Jahrhundert am Ackerbau fest, bis nichts mehr wuchs. Auf die Idee, Fisch zu essen, kamen sie nicht. Und verhungerten. Bedrohte Gesellschaften machen das oft: Statt die Strategie zu ändern, beschleunigen sie die bisherige. Auch das deutschsprachige Theater verhält sich ähnlich. Zwei Entwicklungen bedrohen es: Zum einen bröckelt der Konsens, wie viel eine Subventionskultur kosten darf. Weil der Konsument nur noch bezahlen will, was ihn selbst interessiert. Das ist eine Folge der Digitalisierung und ihrer personalisierten Angebote. Zum andern spricht die Hälfte der Kinder in den Städten zu Hause kein Deutsch. Das ist eine Folge der Globalisierung. Und wie reagiert das Sprechtheater darauf? Mit mehr Premieren und mehr Rahmen­programm, aber mit weniger Geld.

Vor ein paar Jahren fingen Kulturbehörden an, auch die grossen Häuser zu mehr Bürgerbeteiligung zu bewegen. Bürger bedeutete meistens: Migranten, oder Postmigranten, wie man heute Einwanderer der mindestens zweiten Generation nennt. Die Stiftung Pro Helvetia hat Leute anderer Herkunft in ihre Kommissionen genommen. Und die deutsche Bundeskulturstiftung erfand Programme, damit die Theater andere Stadtteile und damit auch andere Publikumsschichten erkundeten.

Die Theaterszene entwickelte also einen Heisshunger auf Migranten, Postmigranten oder auf Themen, die das Zusammenleben der Kulturen behandelten. In Köln integrierte die Intendantin Karin Beier mehrere Nicht-Biodeutsche ins Ensemble; der Holländer Johan Simons liess in den Münchner Kammerspielen verschiedene Sprachen sprechen. Und dieser Hunger auf Differenz hat vermutlich auch in der Schweiz mitgeholfen, dass «Elternabend – Mike Müller migriert in die Schule» – ein Stück, das von den Schwierigkeiten einer Zürcher Schule in multikulturellem Umfeld handelt – zum grössten Publikumserfolg in der Geschichte des Theaters Neumarkt wurde.

Berlin als Vorreiter

Am längsten arbeitet das Theater an diesen Themen aber in Berlin. Und seit November gibt es mit dem Gorki-Theater ein ganzes Haus dafür. Der erste Theaterabend der Intendanz von Shermin Langhoff ist eine postmigrantische Version eines Klassikers, Tschechows «Der Kirschgarten». Auf dem russischen Landgut leben die Kulturen wild durcheinander, der Bildungsbürger Gajew wird mit Falilou Seck von einem afrodeutschen Schauspieler gegeben, und die Pianistin spielt Chopin, trägt aber eine Burka. Man freut sich ein paar Momente mit ihnen, weil das «post» in «postmigrantisch» hier endlich eingelöst wird. Herkunft oder Hautfarbe müssen nicht als künstlerisches Zeichen herhalten, die Schauspieler sind ihrer Biografien enthoben und dürfen das machen, was sie können: nämlich spielen.

Doch Regisseur Nurkan Erpulat packt dann doch den Holzhammer aus. Tschechows Schlüsselfigur im Stück ist Lopachin, der Bauer, der zum Unternehmer aufsteigt und den Kirschgarten des verarmten Gutes kauft, um Ferienhäuser zu bauen. Und Lopachin ist beim tollen Schauspieler Taner Sahintürk jener Deutschtürke, der seinen Sieg mit einem provozierend traditionellen türkischen Fest feiert. Damit bedroht er die Illusion vom Multikulturalismus. Eine schöne Volte dieses Abends.

Gegen Ende tappt der Abend allerdings in die eigene Falle. Der Schauspieler Sahintürk fällt aus der Figur des Lopachin und berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen. Wie man ihn, den in Westdeutschland geborenen Türken, immer wieder gebeten habe, doch bitte mit Akzent zu spielen. Kaum ist man im Zentrum der Aufmerksamkeit angekommen – und das Gorki ist das wie kein zweites Theater in dieser Spielzeit –, kaum könnte man das biografische Geheule mal hinter sich lassen, gibt man den Ausgegrenzten. Wohin ausgegrenzt denn, in sämtliche Feuilletons etwa?

Noch hat der Gang der Migranten­kinder in die Hochkultur eine kurze Geschichte. Im Fall der Gorki-Chefin Shermin Langhoff war die Geschichte aber rasant: Am Theater Hebbel am Ufer unter Matthias Lilienthal machte sie erst eher widerwillig «etwas über Migration», später übernahm sie das kleine Ballhaus Naunynstrasse, in dem sie mit «Verrücktes Blut» einen Riesenhit landete – als Intendantin. Die Regie lag auch bei diesem Abend über Klischeebilder nichtdeutscher Jugendlicher bei Nurkan Erpulat.

Doch Langhoff verstand es, aus dem Label Postmigrantisches Theater eine Erfolgsgeschichte zu bauen. Die reichen Wiener Festwochen warben sie von der Quartierbühne in Berlin-Kreuzberg ab. Langhoff sagte zu. Und wieder ab, als Klaus Wowereit sie für das Gorki-Theater vorsah, an ihrer Seite allerdings: Jens Hillje von der Schaubühne. Solche Karrieresprünge kennt man sonst nur aus dem Silicon Valley, von der Garage direkt zu Google. Die Frage wäre, ob Google wie eine Garage funktionieren kann. Oder aufs Theater bezogen: ob die Andersheit, die sich das Gorki auf die Fahnen schreibt, nicht im Dekorativen stecken bleibt.

Ja, das Ensemble ist bunt gemischt und holt damit viele Versäumnisse des deutschsprachigen Theaterbetriebs nach. Höchste Zeit. Aber Erpulats «Kirschgarten» erinnert in seiner Art, ein Thema über einen Klassiker zu stülpen, arg an ein imaginiertes Schwarzbuch des Regietheaters: «Macbeth» an der Börse, «Faust» im Puff, und jetzt halt Tschechow in Kreuzberg. Was hier anders ist, sind Gesichter, Kostüme, Farben. Das ist nicht sehr viel.

Altes in neuem Outfit

Kurz: Das postmigrantische Theater ist das alte Theater in neuen Kleidern. Erpulat hat an der Ernst-Busch-Schule in Berlin studiert, einer Kaderschmiede des Betriebs. Fast alle Schauspieler kommen von herkömmlichen Schauspielschulen. Wir sehen hier kein anderes Theater, sondern fühlen bloss eine etwas andere Temperatur. Wenn dann Lukas Langhoff, der Mann der Intendantin, mit Volker Brauns «Übergangsgesellschaft» einen späten DDR-Kracher seines verstorbenen Vaters Thomas Langhoff inszeniert, sind wir sogar bei einer zweitklassigen Kopie von Frank Castorf gelandet. Und dies in Berlin!

Vielleicht schauen wir alle deshalb so gebannt auf dieses Haus und dieses postmigrantische Programm, weil es uns erspart, das wirklich Neue zu denken. Wie sollen Theater in Zukunft arbeiten, wie könnte man sie offener gestalten?

Mit mehr Projektmitteln und weniger starren Subventionen zum Beispiel, mit weniger Fixkosten und mehr Spielraum für die Kunst. Und mit Themen, die die Biografie der Schauspieler verlassen. Auf die Dauer bringt es nichts, die alte bürgerliche Nabelschau mit der neuen Nabelschau der Migrantenkinder zu ersetzen.

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