Die Nacktheit am Theater ist nicht abendfüllend

Im Theater Neumarkt wird in «Measure for Pleasure» die Geschichte der Frauen-Bilder zertanzt: Die Ambitionen liegen an diesem Abend bloss – wie die Performer.

Rob Fordeyn und Teresa Vittucci in Nachthemdchen auf der Suche nach Befreiung von Gendernormen – in Benny Claessens' «Measure for Pleasure». Foto: Philip Frowein

Rob Fordeyn und Teresa Vittucci in Nachthemdchen auf der Suche nach Befreiung von Gendernormen – in Benny Claessens' «Measure for Pleasure». Foto: Philip Frowein

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Zürich zieht blank. Haben sich manche in den Nullerjahren noch übers angebliche «Unterhosentheater» eines Christoph Marthaler ereifert, so gibts heute in Pfauen und Schiffbau durchaus auch mal völlig unbekleidete Schamzonen zu sehen oder verwirrend non-binäre Körper. Das Neumarkt-Theater des neuen Leitungstrios Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert lässt sich gleichfalls nicht lumpen – und drum die Lumpen ablegen: Um bei der derzeit angesagten Wiedererweckung des Körpertheaters mit emanzipatorischem Mehrwert mitzutun, haben die drei für ihre zweite Produktion im Saal den gefeierten Belgier Benny Claessens engagiert.

Der 2018 mit dem Kerr-Darstellerpreis und dem Titel «Schauspieler des Jahres» ausgezeichnete Performer geht in seinen eigenen Arbeiten gern aufs grosse Ganze. Letztes Jahr wurde in der Zürcher Gessnerallee Claessens’ über dreistündige Gruppenarbeit «The Last Goodbye» gezeigt: In ihr reflektieren in Kunstnebel eingewaberte oder mit Schokolade verschmierte Nackte übers Sterben und anderes – worüber, war da nicht immer ganz klar.

Auch sein neues Grossprojekt am Neumarkttheater «Measure for Pleasure» (Regie und Konzept: Claessens) schwankt zwischen Über- und Undeutlichkeit. Das elektrische Kaminfeuer flackert und Nebelschwaden ziehen, ein kluger Off-Kommentar führt durch eine feministische Menschheitsgeschichte zwischen Bett und Badewanne, Webstuhl und Kerzenleuchter: Die Dekonstruktion des vom Mann gestrickten Mythos’ Frau ist das erklärte Ziel des Abends.

Rob Fordeyn und Teresa Vittucci in flämischem Look und zeitloser Rollengymnastik. Foto: Philip Frowein

Kulisse und Kostüme wiederum zitieren berühmte, einschlägige Werke der Kunstgeschichte an. Im ersten Video-Bild etwa, das via Live-Cam an die Wand projiziert wird, erinnert die nackte Tänzerin und Wahl-Zürcherin Teresa Vittucci unter der goldenen Bettdecke an Gustav Klimts «Danaë»: ein Geschöpf, das sich in bewusstloser Sinnlichkeit verliert. Auch an Tizians Akte darf gedacht werden, während Vittuccis holländische Haube auf Vermeers Mägde-Bilder verweist.

Der dämonische weibliche Körper

«Woman’s body is a labyrinth in which man is lost», formuliert dabei Kate Strongs Offstimme. «Oh, Apollo, there you go again, feeling all modern and shit. You don’t have a clue about beauty...» Zwischendurch gibts eine Ode an eine gesichtslose Statuette aus der Steinzeit, die Venus von Willendorf: «I am the fertile mother, a giant vulva. There is no psychology nor identity yet. There is no society. I kill and create. I am the swamp, the formlessness of nature.»

Auf Französisch folgt später eine 70er-Jahre-Tirade über die Konvention der Mutterschaft, über die falschen Fantasien, in die Mädchen hineinerzogen werden, so dass sie als Prostuitierte ihrer Ehemänner ihr Leben vertun und glauben, ihr Glück hänge vom Mann ab. Eine «Authentizitäts-Einlage» samt Pinkel-Pantomime mit «Psch-Psch-Psch»-Geräuschen ironisiert freilich jedes Pathos.

Hochaufgerüstete Theorie und nackte Tatsachen

Den Mann in dieser gut zweieinhalbstündigen Performance für ein Paar tanzt der 1983 in Gent geborene Ron Fordeyn. Er war auch in Claessens’ «The Last Goodbye» mit von der Partie. Und dass er bereits im MoMA und anderswo bei Choreograph und Tänzer Trajal Harrell mitwirkte, ist ein weiterer Beleg dafür, wie verbunden sich Schauspielhaus und Neumarkt personell und ästhetisch mittlerweile sind: Harrell zählt zu den acht neuen Hauskünstlern des Schauspielhauses. Hier werden also Synergien fruchtbar gemacht – doch man läuft auch Gefahr, Bühnen-Profile zu verwässern!

In «Measure for Pleasure» jedenfalls wird hochaufgerüstete Theorie – explizit nennt das Programm Hélène Cixous – mit nackten Tatsachen und viel Symbolismus kurzgeschlossen. Es kommt zu zombi-haften Tänzen in neckisch-kurzen, biedermeierlichen Nachthemdchen mit nichts darunter. Überhaupt: Wie Vittucci gruselig medusenhaft und abgedreht ihre Augen rollen kann, verdient einen Oscar. Und Rob Fordeyn kann den Kaspar; er darf jedoch auch wie der tote Marat auf Jacques-Louis Davids klassizistischem Gemälde in der Badewanne hängen.

Dann wieder pirschen sich beide hoch zugeknöpft und weissbekragt ans 19. Jahrhundert heran: Genau, das Neumarkt-Gebäude behauste von 1811 bis 1877 eine sogenannte Töchterschule. Dazu läuft surreal «Where Is My Mind?» von den Pixies – keine Ahnung, denkt der erschöpfte Zuschauer: Zuschauer: Nacktheit ist nicht abendfüllend, Kostümiertsein auch nicht. Emanzipationstheater braucht es definitiv auch heute, doch es müsste übers selbstverliebte Blättern in intellektuell überladenen Tableaus hinauswachsen.

Dieser Abend war eine grosse Anstrengung – für alle.

Aus «Atomic» von Blondie wird «Uh huh, make me tonight, Tonight make it right» auf die Bretter gefetzt, während das Paar sich durch – natürlich Kunstdruck-dekorierte – Tücher hindurch knutscht. So nicht, ratterts einem durch den Kopf. Man dankt daher für den Purcell-Einspieler: «O solitude, my sweetest choice: Remote from tumult and from noise.»

Nein, ich bin nicht bis zum Schluss geblieben. Den Höhepunkt habe ich verpasst: Den Sprung in Gegenwart und Zukunft, der in gegenseitigem Sperma-Bewurf enden soll, wie mir gesagt wurde. Es handle sich um nicht authentisches Sperma, versteht sich. Measure for Pleasure? Na ja.

Da und dort glückten überraschende Assoziationen, ja, geniale Kicks ins Gemächt des Patriarchats.

Benny Claessens und sein Team haben immense Ambitionen gehabt, und der Abend ist eine grosse Anstrengung – für alle. Da und dort glückten überraschende Assoziationen, ja, geniale Kicks ins Gemächt des Patriarchats. Aber am lustvollsten war der Sound-und-Texttrack; und am unterhaltsamsten das muntere Bild-Zitate-Raten. Das eher monotone Zertanzen von Theorie ist leider – langweilig, egal, ob blutt oder angezogen.

Erstellt: 05.10.2019, 17:41 Uhr

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