Nicht mal der Gott des Mischpults überlebt das neoliberale Schlachten 

Peter Kastenmüller hat Virginie Despentes’ «Subutex»-Trilogie auf die Zürcher Neumarkt-Bühne gebracht.

DJ der Verzweiflung: Martin Butzke als Vernon Subutex im Zürcher Neumarkt-Theater. Foto: M. Korbel 

DJ der Verzweiflung: Martin Butzke als Vernon Subutex im Zürcher Neumarkt-Theater. Foto: M. Korbel 

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Er zieht rein wie Subutex, der Heroinersatz: Subutex, der obdachlose DJ mit dem Ohr für den perfekten Sound, für süchtig machende subkutane Wellen, die seine Zuhörer in selige Entgrenzung, gemeinschaftliche Orgasmen hineinschwemmen. Irgendwie saugt es auch uns manchmal richtig ein, wenn Martin Butzkes Subutex mit gelb getönter Pilotenbrille und Hippie-Strubbelhaar den abgedrehten Mischpult-Gott gibt. Allerdings nicht während der gesamten viereinhalb Stunden von «Das Leben des Vernon Subutex» am Theater Neumarkt.

Nachhaltig ist er ja, der Rausch, den Virginie Despentes’ drei Romane über den einstigen Plattenladenbesitzer und temporären Musikguru auslösen. Er hat ohne Frage auch die Synapsen des scheidenden Neumarkt-Leiters Peter Kastenmüller in ein Dauerfeuerwerk versetzt. Die strahlen während der Uraufführung quasi auf der Bühne: als grosses Netz aus Neonröhren, das die schmalen, gefährlichen Zickzack-Stege, die durch den Raum führen, eher beblitzt als beleuchtet (Bühne: Alexander Wolf, Justus Saretz).

Kaputt, einsam, verzweifelt

«Das Leben des Vernon Subutex» ist ein 1200-seitiger Trip durch die vielen Wohnungen in der Welt des Neoliberalismus, wo Globalisierung und Digitalisierung die sozialen Sicherheiten und jeden gesellschaftlichen Kitt weggefegt haben. Die Menschen dort sind kaputt, einsam, verzweifelt. Als Trostpflaster haben sie sich neue und alte Religionen auf die Wunden ihrer geschundenen Psyche geklebt: den Konsum oder die Nation, den Erfolg, die Rasse oder den Islam.

Alte oder neue Religionen als Trostpflaster: Konsum, Nation, Rasse, Islam.

Wie die französische Autorin den Zeitgeist aus verschiedenen Perspektiven zerpflückt, während sie das Schicksal ihres Titelhelden in den Jahren 2014, 2015 verfolgt: Das garantiert dem Leser mindestens ein Binge-Reading-Wochenende und zahlreiche Momente des betroffenen Zusammenzuckens, des bitteren Auflachens. Dem Theaterbrockenbesucher bisweilen auch.

Kastenmüller hat mit der Dramaturgin Inga Schonlau all die Pointen, poetischen Vignetten und fiesen Verrücktheiten herausgepfriemelt: lieber eine zu viel als eine zu wenig. Bei Teil I rangen sich die beiden kaum zu Strichen durch, während das Finale für Zuschauer ohne Textkenntnis Fragen offen lässt. Und als Regisseur mit offenbar unbezähmbarem Hang zu choreografischen Elementen lässt Kastenmüller die unstillbare Sehnsucht nach einem erfüllenden Miteinander, die aus den Romanen schreit, auf der Bühne psychedelisch nachtanzen, bis man breit wird vom Hingucken.

Transmann und Ex-Porno-Artist

Die ganze heterogene Schar von Vernons Bekannten groovt da zeitweise im Rhythmus mit, schleudert die Haare in die Luft und die potthässlichen Plateauschuhe und Cowboy-Stiefeletten von den Füssen: der gescheiterte Drehbuchautor (Simon Brusis); die enttäuschte Musikerin, die als Staatsbeamte ackert (Hanna Eichel); die Internethyäne, die sich für Shitstorms und Klick-Stürme bezahlen lässt (Marie Bonnet); der Transmann und Ex-Porno-Artist, der jetzt mit E-Zigaretten Kasse macht (Jan Bluthardt); die Transfrau, die sich den Schönen und Reichen andient (Deborah De Lorenzo); die arabische Seconda, die in einen strengen Islam geflüchtet ist (Sarah Sandeh); der ange­jahrte Kommunist, der den Druck von draussen derart auf seine Frau daheim einprügelte, dass sie ihn verliess (Miro Maurer).

Die acht geschmeidigen Schauspieler verkörpern 19 Rollen, von dem im System gefangenen, brutalen Banker über den Hochschullehrer mit nordafrikanischen Wurzeln, der nicht gegen die gläserne Decke ankommt, bis zur abgehängten Jugendlichen aus der Provinz, die am Ende rechtsextrem austickt und das liberale, tanzende Gesocks niedermäht.

Die Geschichte beginnt, als der zahlungsunfähige Endvierziger Vernon aus der Wohnung fliegt. Er geht via Facebook seine Kontakte durch, schnorrt sich von Freund zu Freundin, surft von Couch zu Kingsize-Bett und umgekehrt – bis er endgültig auf der Strasse landet und, kurzfristig, zum Jesus der Steppe mutiert.

Krasser Witz

Kastenmüller setzt die beinharte Story teils in urkomischen Dialog-Clips um; besonders Bluthardt kann krassen Witz. Dass im langen Zuschauerraum manches akustisch absäuft und auch nicht alles gut zu sehen ist: Verweist das auf unsere Verlorenheit in der diffusen Wirklichkeit, in der die Superreichen uns längst ausgetrickst haben? Jeden­falls ist unser Theater hier so tapsig und beduselt wie seine Antihelden.

Erstellt: 27.01.2019, 19:27 Uhr

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