Nüchterner Rausch

Das Zürcher Opernhaus eröffnet seine Saison mit «Die Gezeichneten» von Franz Schreker. Die Interpreten versuchen, das schwierige Stück zuzuspitzen – und flachen es eher ab.

Die Geliebte ist weg, es bleibt nur der Wahnsinn: John Daszak als händeloser Alviano. Foto: Monika Ritterhaus

Die Geliebte ist weg, es bleibt nur der Wahnsinn: John Daszak als händeloser Alviano. Foto: Monika Ritterhaus

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«Ich liebe die Seele, die ringt und sich quält», singt Carlotta, in schönstem Einklang mit dem Premierenpublikum im Zürcher Opernhaus, das die Neuproduktion von Franz Schrekers «Die Gezeichneten» enthusiastisch bejubelt. Es sind aber auch zwei besonders schön gequälte Seelen, denen man in diesem Werk begegnet: Da ist Alviano, ein Krüppel, der aus seiner unstillbaren Sehnsucht nach Schönheit auf einer Insel bei Genua ein Elysium geschaffen hat, das er selbst nie betritt. Dass der hypervirile Graf Tamare und seine Kumpanen dort Orgien veranstalten, bei denen junge Frauen missbraucht oder auch getötet werden, stört ihn ziemlich lange nicht. Und da ist ebendiese Carlotta, eine herzkranke Malerin mit einer morbiden Vorliebe für Hände, die sich Alviano als Modell aussucht, ihn irgendwie auch liebt – aber dann beim Sex mit Tamare stirbt.

Neue Aktualität

Als dritte gequälte Seele wäre Schreker selbst zu nennen, der österreichisch-jüdische Komponist, Librettist und Freud-Anhänger, der befürchtete, unsympathisch zu wirken, und Alviano wohl als eine Art Alter Ego verstand. 1918, als «Die Gezeichneten» uraufgeführt wurde, stand er auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, der mit der Machtergreifung der Nazis brüsk enden sollte. Er starb 1934 erst 56-jährig, nach der Entlassung als Direktor der Berliner Musikhochschule, an einem Herzinfarkt.

Erst verfemt, dann vergessen, werden seine Opern seit den späten 70ern gelegentlich wiederbelebt. Gerade jetzt gibt es eine eigentliche «Gezeichneten»-Welle: In Berlin, in München und in St. Gallen wurde das Werk jüngst aufgeführt – und nun eben auch in Zürich, erstmals seit der Schweizer Erstaufführung 1992.

Es passt ja auch bestens in die heutige Zeit: Sex and Crime, Kunst und Missbrauch, dazu das mittlerweile adelnde Etikett der «entarteten Kunst» – was will man mehr? Ein besseres Werk, würde der Dirigent Wladimir Jurowski vermutlich antworten. Schreker sei zwar hoch interessant, aber weder Berg noch Puccini, sagt er im Interview im Programmheft; man habe das Stück deshalb erheblich gekürzt und gewisse Dinge «zugespitzt».

Aus dem Zuspitzen wird ein Abflachen auf hoher Energiestufe.

Man könnte auch sagen: aufgepeitscht. Jurowski setzt mit der Philharmonia auf Lautstärke – selbst dort, wo subtiles, sinnliches Spiel gefragt wäre. Mit doppelten Folgen: Die eruptiven Höhepunkte verlieren mangels Kontrast einiges an Wirkung, und die so raffiniert verschwimmenden Farben von Schrekers Partitur werden ins Knallige vergröbert. Aus dem Zuspitzen wird ein Abflachen auf hoher Energiestufe. Ein nüchterner Rausch.

Auch Regisseur Barrie Kosky scheint den «Gezeichneten» mit Skepsis zu begegnen. Jedenfalls blendet er das Thema Missbrauch ebenso aus wie alles, was man mit Jugendstil in Verbindung bringen könnte. Gleissend weisse Skulpturen füllen den von Rufus Didwiszus gebauten Einheitsraum, die Wände und Klaus Bruns’ Kostüme steuern ein bisschen helles Grau bei. Steril wirkt das, überbelichtet. Nicht schwül, sondern eiskalt.

Und so, wie man die Musik mit Kürzungen verbessern wollte, hat Kosky auch den Inhalt korrigiert: Alvianos Missbildung, das sind hier seine fehlenden Hände. Carlottas Faszination für ihn ist somit geklärt. Damit die Geschichte noch kohärenter wird, ist sie hier nicht Malerin, sondern Bildhauerin: Während er ihr auf einer Art Töpferscheibe Modell steht, knetet sie Hände für ihn.

Verraten von Freunden, die nie welche waren

Was stimmig gedacht ist, sorgt allerdings für neue Unstimmigkeiten. Zwar hat man sich ja längst daran gewöhnt, dass nicht alles, was in einer Oper gesungen wird, auch dem Bühnengeschehen entspricht. Aber die Diskrepanz zwischen Carlottas Ausführungen zur Malerei und ihrem Tun ist hier so gross und zentral, dass sie irritiert. Und sie ist unnötig: Zwar gerät Alviano in Ekstase ob der Lehmhände – aber nach der Pause hat er sie dann wieder weggelegt.

Auch sonst ist nun alles anders als zuvor. Der überhelle Raum ist düster geworden; Rauch wabert über die Rückwand, die Skulpturen sind weg, nur die Töpferscheibe dreht sich noch, unablässig und für Koskys Verhältnisse ein wenig einfallslos. Alviano kauert wie ein Fötus darauf, zurückgeworfen auf sich und seinen Selbsthass, verlassen von der Geliebten, verraten von Freunden, die nie welche waren.

Hämisches Gelächter

Musikalisch allerdings ist dies sein bester Moment: Der erstmals im Opernhaus gastierende Brite John Daszak lotet den Wahnsinn, in den Alviano abstürzt, in allen Extremen aus. Wirkte sein Tenor zuvor in der Höhe oft gepresst, passt hier gerade dies: Eine gequälte Seele singt nun mal nicht Belcanto.

Dies tut stattdessen Christopher Purves als Strippenzieher Adorno – ein Showmaster der übelsten Sorte. Auch Thomas Johannes Mayer darf seinen Bariton strahlen lassen: Als Tamare ist er der Sieger in der Geschichte (oder vielleicht auch nur Alvianos Albtraum). Catherine Naglestad als Carlotta dagegen hat ihren Höhepunkt – den Händemonolog – schon hinter sich. So farbenreich ihre Stimme ist: Der englische Akzent und die allzu gewollt rätselhafte Darstellung halten ihre Figur auf Distanz.

Für den Chor schliesslich ist nach den Kürzungen nicht mehr viel übrig geblieben. Aber das von Schreker nicht vorgesehene hämische Gelächter der Masse ist vielleicht der präziseste Eingriff in ein Werk, das den Einzelnen gründlich allein lässt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.09.2018, 18:38 Uhr

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