Oper? Geil!

Wenn vom schönen Musiktheater die Rede ist, rümpfen viele die Nase. Das ist falsch: Oper ist die Kunst des Volkes. Bald.

Gepflegte Langeweile? Quatsch: Jede Theaterloge – hier eine des Zürcher Opernhauses – hat das Potential zur revolutionären Zelle.

Gepflegte Langeweile? Quatsch: Jede Theaterloge – hier eine des Zürcher Opernhauses – hat das Potential zur revolutionären Zelle. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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So also fühlt sich der Kommunismus an, dachte ich, als ich kürzlich die Opéra Bastille in Paris besuchte, wo eine «Zauberflöte» zu sehen war. Das mit meinem Gedanken kam so: Neben mir sass eine ältere Lady, die im ersten Akt zu ersticken drohte, so arg versuchte sie ihr Husten zu unterdrücken. Damit Ruhe war, bot ich ihr Wasser an, was sie als Mitmenschlichkeit verstand. So kamen wir in der Pause ins Gespräch. «Haben Sie auch ein Abo?», fragte sie. «Ah, Sie kommen aus der Schweiz, da haben wir auch ein Haus, wir fliegen jeweils von Paris nach Genf. Entschuldigen Sie, dass ich huste, wir sind vor zwei Tagen aus Japan zurückgekehrt.»

Ganz sicher bin ich mir nicht, ob Marx schon Japan-Ferien im Kopf hatte, als er 1845/46 schrieb, wir könnten im Kommunismus «heute dies, morgen jenes» tun. Bei Marx ist bekanntlich nur davon die Rede, dass wir dereinst morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben und nach dem Abendessen kritisieren können, «ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden».

Sicher bin ich, dass Marx diese zwanglose Ungezwungenheit im Blick hatte, welche die Opern-Lady vorlebte. Und dass wir uns die von ihm beschwärmte «klassenlose Gesellschaft» wie das Gespräch zwischen der Lady und mir vorstellen müssen: Meine Sitznachbarin und ich waren in einer heiteren Sorglosigkeit vereint, in der das Unverständnis füreinander nicht zu stark ins Gewicht fiel, denn selbstverständlich würde ich nie von Paris nach Genf fliegen, auch wenn ich Kohle für den Zweitwohnsitz hätte.

Weil mir das so gefiel, dachte ich länger darüber nach, wie wir ein Kommunismusgefühl allen ermöglichen könnten. Dabei kam mir die Idee eines bedingungslosen Operneinkommens: Nicht nur sollten alle Eintritte gratis sein. Auch der Theaterbesuch soll honoriert werden: mit 100 Franken pro Stunde, damit alle teilhaben wollen – und meine Idee mit anderen populären Berufen konkurrenzfähig ist. Genial, nicht? Für den detaillierten Finanzplan hat es hier leider keinen Platz. Aber wer interessiert sich für Details, wenn er einen Opern-Kommunismus haben kann!

Erstellt: 21.05.2019, 17:07 Uhr

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