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Doppelspitze für das Schauspielhaus

Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg werden ab dem 1. August 2019 die Intendanz des Schauspielhauses Zürich übernehmen. Es ist nicht die erste Doppelintendanz.

Alexandra Kedves
Die neuen Intendanten Nicolas Stemann (2.v.l.) und Benjamin von Blomberg (2.v.r.) In guter Gesellschaft. VR-Präsident der Schauspielhaus Zürich-AG Markus Bachofen Rösner (ganz links) und Peter Haerle (ganz rechts), Direktor Kultur der Stadt Zürich.
Die neuen Intendanten Nicolas Stemann (2.v.l.) und Benjamin von Blomberg (2.v.r.) In guter Gesellschaft. VR-Präsident der Schauspielhaus Zürich-AG Markus Bachofen Rösner (ganz links) und Peter Haerle (ganz rechts), Direktor Kultur der Stadt Zürich.
Reto Oeschger

«Es ist Zeit, etwas zu wagen», postulierte der VR-Präsident der Schauspielhaus Zürich AG, Markus Bachofen Rösner, im Gespräch nach der heutigen Medienkonferenz im Pfauen-Foyer, dem Haus gehe es ja sehr gut, alles stabil. Gewagt wird ab dem 1. August 2019 eine gleichberechtigte Doppelspitze am Schauspielhaus – die in die Hände von zwei hoch profilierten norddeutschen Theatermachern gelegt wird, die freilich noch keinerlei Intendantenerfahrung haben. «Als die Findungskommission mich einlud, mich für die Intendanz zu bewerben, rief ich stante pede Benjamin von Blomberg an», erzählt Nicolas Stemann. Denn die beiden machen seit zwölf Jahren Theater zusammen: Da traf einer, der über die Autorin Elfriede Jelinek promovierte (Blomberg), auf einen, der sie urinszenierte; und bald stemmten sie solche Uraufführungen gemeinsam, vor rund einem Jahr etwa «Wut» an den Münchner Kammerspielen, wo Stemann seit 2015 Hausregisseur ist und Blomberg Chefdramaturg.

«Gemeinsam», «kooperativ», «diskursive Offenheit» und «Prozesshaftigkeit»: Das sind Schlagwörter, die in der Theaterszene Usus sind. Doch diesmal sollte es nicht beim Schlagwort bleiben, berichtete der städtische Kulturchef Peter Haerle an der Medienkonferenz über die Diskussionen der Findungskommission. Tatsächlich hatten sich mehrere Kandidaten mit Teamprojekten beworben, und die Shortlist mit sechs Positionen – «Positionen, nicht Einzelpersonen», wie Haerle unterstrich – sei hochkarätig gewesen und der Findungsprozess durchaus nicht vorgespurt, sondern «dynamisch». Aber am Ende hat sich die siebenköpfige Kommission einstimmig für das Duo Stemann/Blomberg und sein Konzept der kleinen Gruppe entschieden. Kostenneutral: Es sollen keinesfalls mehr Subventionen fürs Schauspielhaus fliessen; die sonst übliche Chefdramaturgenstelle entfällt, der Rest der Geschäftsleitung ändert sich nicht.

Inputs von Studenten

Der 1968 in Hamburg geborene Stemann hat mit seinem «Werther!» alle Bühnen gestürmt. Er hat den «Faust I & II» fürs Heute neu erfunden und doch so nah an den Text genäht, dass kein Reclambändchen dazwischenpasst, und er kann Jelinek-Aufführungen in euphorische Mitsing-Happenings verwandeln («Die Kontrakte des Kaufmanns»). Es sei nun der Moment, wo er den Rahmen mitgestalten könne für andere, für den Nachwuchs, sagt er. Mit Blomberg, Jahrgang 1978, hat er nun die Idee eines Regiekollektivs entwickelt, das jung und heterogen sein soll – mit Akteuren aus unterschiedlichen Lebens- und Herkunftserfahrungen, «eher unter vierzig als über vierzig». Es soll sich exklusiv an Zürich binden. Am Schauspielhaus solle auf diese Weise ein Ort entstehen, an dem der Theaterprozess als eine im Kern partizipative und soziale Kunstform wieder erlebbar sei und die Gesellschaft widerspiegle: 60 Prozent der Stadtzürcher haben tatsächlich einen Migrationshintergrund, haben die Intendanten in spe bereits recherchiert; das heisst, mindestens ein Elternteil wurde im Ausland geboren. Der «Manufaktur-Gedanke» des Werdens, Machens, Produzierens, der weniger aufs Produkt fokussiert, durchweht das Konzept der beiden Theatermacher.

Input dazu erhofft sich Stemann auch von seinen Studenten an der ZHDK, wo er seit Februar den Masterstudiengang Regie leitet – ein Amt, das er dann im August 2019 abgeben wird. Ein enger Austausch mit dem kreativen Nachwuchs an der Zürcher Hochschule soll aber erhalten bleiben. Austausch ist auch das Stichwort für die angedachten Kooperationen: Die Schauspielhaus-Produktionen sollen generell eher in Richtung Tourneetauglichkeit gestrählt und nachhaltiger verwertbar gemacht werden – ohne auf das Repertoirekonzept oder den Ensemblebetrieb zu verzichten.

Nicht die erste Doppelintendanz

Mit diesen Vorstellungen liegen die beiden Theatermacher im Trend: Ob etwa Milo Rau oder Stefan Nübling, die ebenfalls zeitweise auf dem Kandidatenkarussell des Schauspielhauses mitfuhren – ein neues Verständnis für Theater als kollektives Werk und der Glaube ans Netzwerken, Touren, Koproduzieren eint sie alle. Und es sei ein Blick zurück erlaubt: Die Doppelspitze mag am Schauspielhaus Zürich überraschen – in Zürich hat sie Tradition. Unvergessen ist die legendäre Doppelintendanz Volker Hesse / Stephan Müller am Theater Neumarkt (1993–1999). Auch das Theaterhaus Gessnerallee profitierte von einer langjährigen Doppelspitze – Jean Grädel und Armin Kerber (1997–2004).

Und auch in jüngerer Zeit hatte das Modell Erfolg – am Theater Neumarkt mit Barbara Weber und Rafael Sanchez (2008–2013). Und Christoph Marthaler war ein «doppelspitzig» arbeitender Intendant mit Stefanie Carp, einfach ohne das Label. Auch für die Verjüngungskur gibts schweizerische Vorläufer. Das Theater Luzern unter Benedikt von Peter – der während des Studiums in Hamburg mit Benjamin von Blomberg eine eigene freie Gruppe ins Leben rief – hat geradezu eine Generationenkeule bei seinen Mitarbeitern angesetzt – und das Haus brummt. Eine positive Erwartungshaltung ist also durchaus angesagt.

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