Problemzonentheater, das Spass macht

Das Shakespeare-Stück «Mass für Mass» ist vorderhand ein #MeToo-Drama. Aber das Pfauen-Ensemble hat durchaus mehr in der Hinterhand.

Der böse Angelo wird heiss beim Anblick der Gottesdienerin. (Foto: Doris Fanconi)

Der böse Angelo wird heiss beim Anblick der Gottesdienerin. (Foto: Doris Fanconi)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Regisseur Jan Bosse hat genau Mass genommen. Dem struppigen Stück von 1604 passt schliesslich keine Komödien-Inszenierungskonfektion ab der Stange: Seit über 100 Jahren verwalten die Shakespeare-Exegeten «Mass für Mass» schon unter dem Begriff «problem play». Kein Problem allerdings für den deutschen, in Zürich bestens eingeführten Theatermann («Hamlet», «Hexenjagd»), im Gegenteil. Wie er jetzt in einer zweistündigen Soiree mass- und lustvoll die Problemzonen blosslegt und dann ankleidet: prima!

Eigentlich handelt es sich vorderhand ja um ein MeToo-Drama. Aber das Pfauen-Ensemble hat durchaus mehr in der Hinterhand. Da ist Angelo, der interimistische Stadtchef Wiens: Er hat den Bruder der schönen Jungnonne Isabella zum Tod verurteilt, weil der vorehelich seine Verlobte schwängerte. Als Isabella (Lena Schwarz) um Claudios Leben fleht (Benito Bause), verlangt Angelo - Sex mit ihr. Rund um diesen Plot werden allerhand Theaterkonventionen abgerufen: Verkleidungs- und Verwechslungsmotive; Stereotype wie die des weisen Fürsten, der Heiligen und der Hure (Lisa Mayer), hier Schachfiguren im Spiel um Macht, Moral und Menschlichkeit.

Pure Gender-Rhetorik hat daher keinen Platz bei Bosse: Der Arthur-Miller-Regisseur meisselt einerseits die Grundsatzfrage zum Schwein im Menschen heraus: Was macht Macht mit dem Homo sapiens? Er schärft den Ansatz noch, indem er Stefan Zweigs Calvin- und Totalitarismus-Kritik, sein «Gewissen gegen die Gewalt», hineinfeilt. Anderseits hat Bosse keine Angst vor den Albernheiten des Texts, den er selbst in eine superkesse Fassung mit Sinn für Timing und Ohr für englische Finessen übertrug. Wie etwa Klaus Brömmelmeier den schlichten Vollzugsbeamten Bullshit babbeln lässt, das allein lohnt schon den Besuch. Auch Milian Zerzawy und Robert Rozic dürfen Hochkomisches heraushauen, als gäbs kein Morgen.

Gleichfalls sehr sehenswert ist Hans Kremers Herzog. Der übergab, erschöpft von der eigenen Milde, Angelo die Stellvertretung und verfolgt dessen Missetaten verkleidet. Dass in der herzöglichen Güte auch ein gut Teil patriarchales Gönnertum und latente Gewalt lauert, schimmert am Pfauen immer wieder durch - und Kremers Augen sind für diese Rolle irgendwie noch durchdringender geworden, die Unfassbarkeit der Figur noch anschaulicher.

Selbst Daniel Strässers engelhafter, effeminierter Angelo mit dem blondierten Pagenkopf, der sich als Law-and-Order-Hardliner und mörderischer Heuchler entpuppt, behält dieses Fluide. Man meints dauernd in den Kulissen kichern zu hören: «Alles Theater, überall», wenn man nicht gerade Cohens «Famous Blue Raincoat» hört, Purcell-Passagen oder das gläserne Dräuen, das Arno Kraehahn als Soundtrack komponierte.

Sowieso, diese Kulissen! Beim haushohen Halbrund mit den Gerüsten, den Klappen und Schiebetüren (Moritz Müller) standen sicher Pieter Bruegels «Grosser Turmbau zu Babel» und M.C. Eschers Treppenrätsel «Relativität» Pate. Das Ding dreht sich, die Perspektiven changieren immerzu wie die Wahrnehmungen und Wahrheiten im Leben: Nichts scheint festzustehen. Buchstäblich. Nicht mal die Geschlechter. Und da kommt sie doch noch, die Gender-Chose, aber eben anders. Kostümbildnerin Kathrin Plath steckt die männlichen Schauspieler zeitweise in Röcke und halb transparente Blumenblüschen, derweil Schwarz Nonne mal mit raspelkurzem Haar, mal mit androgynem Haubenhelm für Claudio streitet. Und wir, die wir Kummer mit Possen und pädagogischem Theaterpop gewöhnt sind, freuen uns über die perfekte Massarbeit.

Erstellt: 14.04.2018, 11:09 Uhr

Artikel zum Thema

Das Schönste ist die Pause

Die TV-Komiker Viktor Giacobbo und Mike Müller feiern eine triumphale Rückkehr im Theater – und halten sich dabei an keine Regeln. Mehr...

«Theater ist Protest gegen die Kälte der Welt»

Interview Theaterleiter Christian Seiler gibt nach 22 Jahren seine Abschiedsvorstellung – und reflektiert über Chancen und Aufgaben des Theaters an der Schule. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Kleine Wohnung – grosse Kunst

Geldblog Stimmung bei Novartis hellt sich auf

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...