Prügeln und planschen für eine bessere Welt

Am Theater Neumarkt hat die junge deutsch-türkische Regisseurin Pinar Karabulut Texte von Shakespeare bis Lady Gaga zu einer knalligen Collage zusammengeleimt.

Ein Bad in der Vagina nimmt Sarah Sandeh als Alice Schwarzer. Mit dabei: Miro Maurer als Journalist, Maximilian Kraus als entblösster Alt-68er. Foto: Doris Fanconi

Ein Bad in der Vagina nimmt Sarah Sandeh als Alice Schwarzer. Mit dabei: Miro Maurer als Journalist, Maximilian Kraus als entblösster Alt-68er. Foto: Doris Fanconi

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Ein feministischer Theaterabend mit drei Cis-Männern?

Erstaunen darüber kommt nicht bloss bei den Besuchern der Produktion «The Great Tragedy of Female Power» auf, die am Theater Neumarkt Premiere hatte. Diese Frage wird lautstark auch von der Schauspielerin Sarah Sandeh aufs Tapet gebracht, die nach dem ersten Teil des Männerabends doch noch ihren Auftritt hat. Bei den Cis-Männern – also Männern, die nicht transsexuell sind, sondern deren Geschlechtsidentität mit dem Geburtsgeschlecht übereinstimmt – handelt es sich allerdings um Martin Butzke, Maximilian Kraus und Miro Maurer. Und damit um extrem wandelbare, spielfreudige Akteure, die ihr Faible für Satire bereits öfters bewiesen haben. Wie sie ihre Männerrollen, das Patriarchat und die allzu leicht ins Hysterische kippenden Genderdiskus-sionen durch den Kakao ziehen – das ist buchstäblich ein herrlicher Spass. Und ein weiblicher.

Crossdressing mit Shakespeare

Mit lackierten Fussnägeln und langen Haaren, die Butzke gezöpfelt und Kraus zu romantischen Locken gedreht hat, hauen sie einander testosterongeschwängerte Rivalitätsrituale aus dem England der Rosenkriege um die Ohren. Die Kostüm- und Bühnenbildnerin Sara Giancane hat ihnen einen stilisierten Holzthron ins höfische Oval gestellt. Und sie geben die intriganten, kriegs- und kronegeilen Fürsten aus Shakespeares «Heinrich VI.» und «Richard III.» mit stereotypen Machogesten, die ihren effeminierten Look konterkarieren. In ihrer Gier nach der Macht und dem Weib werden sie aber bald so weinerlich wie eine Klischeetussi. Hart und kühl schreitet dagegen Miro Maurer als Frau – als raffinierte Prinzessin Margaret – übers Podest, das Giancane als eine Art multifunktionale Bühne auf der Bühne konzipiert hat. Maurers Präsentation lasziver Posen ist eine ironische Militärparade: die Schau der Waffen einer Frau.

Die «Dame» mit dem erotischen Ges-tenvokabular kapituliert nur vor einer Frau ganz anderer Sorte: vor Sarah Sandehs zornerfülltem Geschöpf mit dem fantastischen, wütend Wörter malmenden Mund – so etwa Empowerment-Formeln von Lady Gaga wie «Being a lady today means being a fighter». Die Fighterin ist aus dem Innenraum des pinkfarbenen Podests herausgeschlüpft. Dieses seltsame Ding entpuppt sich als Vagina einer Riesin, in der zwischendurch auch mal ein armlanger Tampon dümpeln darf. Die monströs geöffneten Schamlippen samt Klitoris lassen sich zum Pool umfunktionieren, in den einer der Herren ausgiebig hineinpinkelt – Vorsicht, Ohne-Unterhosen-Theater!

Anders gesagt: In der «Great Tragedy» regiert eine neurotische Albernheit à la Woody Allen, was aber gar nicht tragisch ist. Man flirtet einerseits mit seriösen Doktheaterformen, andererseits mit klassischen Performance-Standards. Und trotzdem kommt kein schrecklich schülertheatermässiges Kuddelmuddel mit pseudofeministischem Anspruch heraus, sondern ein schampar witziges Kuddelmuddel mit postfeministischem Anspruch. Die 1987 geborene Regisseurin Pinar Karabulut trug mit der neun Jahre älteren Dramaturgin Anika Steinhoff diverse Schnipsel zu dem Thema zusammen; und das Thema ist längst ein übergrosses, vielfältiges.

«Ich sage nicht, dass wir mit dem Engagement für den Feminismus oder für die LGBT-Rechte, für die Transsexuellen oder für Einwanderer und Flüchtlinge aufhören sollten. Im Gegenteil: All diese sozialen Bewegungen gehören zum 68er-Erbe, und dieses ist für mich das Allerwichtigste», wird der französische Autor Didier Eribon von einem der Kerle rezitiert, die inzwischen von den Adligen des 15. Jahrhunderts zu heftig debattierenden Post-68ern mutiert sind. «Der Feminismus musste ein ‹Wir› einführen, eine Bewegung führt immer zur Neueinteilung der sozialen Welt.»

Auch das legendäre «Scum-Manifesto» von 1967, aus der Feder der radikalen Vordenkerin Valerie Solanas, darf nicht fehlen. Es bleibe aufgeklärten Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geld abzuschaffen und das männliche Geschlecht auszulöschen, heisst es dort an einer Stelle. Und Sandeh als eine Solanas-Soldatin und strenge Rittmeisterin in sehr kurzem Dress spuckt diese Überzeugungen siegesgewiss in den Ring des Geschlechterkampfes.

Ebenda steht auch Pionierin Alice Schwarzer ihre Frau. Wie der Journalist André Müller ein Interview mit ihr führt – und sie ihn dabei vorführt –, ist eine der besten Poolszenen, die letzthin auf Zürcher Bühnen schwappten. Und während sich die Schauspieler die Münder fusselig streiten, säuselt Nancy Sinatra aus dem Off ihren drogensüssen 1967-Hit «Sugar Town» und Diana Ross ihre Liebeshimmelregenbogenträume von «What a Difference a Day Makes».

Knalleffekte und Ernsthaftigkeit

Nicht jeder Gag in den anderthalb Stunden sitzt. Der Crossdressing-Krawall nach Shakespeare ist deutlich zu lang, die Reflexionen zu Feminismus und LGBT greifen zu kurz. Dennoch scheint das Neumarkt-Theater seinen Ton gefunden zu haben. In jüngster Zeit bezauberte es immer wieder mit besonderen Mischungen aus Knalleffekt und Ernsthaftigkeit: Fette Comic-Ausrufezeichen und feine Weiterdenkpünktchen wechseln sich ab. Die Genderdiskurs-Collage hat hier einige fetzige, sexy Klebränder – und beinahe alles die sympathische Anmutung eines Bastelabends unter Müttern, wo man angesichts der grossen Tragödie der weiblichen Macht schlicht lachen muss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 10:55 Uhr

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