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Raus aus dem Glück, rein ins postromantische Theater

Saisonstart am Schauspielhaus Zürich: Am Pfauen präsentierte Jan Bosse «z.B. der Gestiefelte Kater», ein elfenhaftes Tieck-Projekt, das aber Längen hat.

Die Luftballons platzen schon zu Beginn der Aufführung – und das Metatheater beginnt.
Die Luftballons platzen schon zu Beginn der Aufführung – und das Metatheater beginnt.
Sabina Bobst

Am Anfang platzen alle Luftballons: Aus ist der Traum vom Kinderfest. Weg mit den Friede-Freude-Eierkuchen-gelben Fantasien; Platz da für einen «romantischen Abend nach Motiven von Ludwig Tieck»! Tieck: Das bedeutet Brüche und Boshaftigkeiten, Schauriges, Spassiges und selbstironisch Spitzes. Ein frühromantisches Märchenspiel eben, ein Metatheater, das sich selbst und seinem Publikum permanent eine lange Nase dreht. «Das Stück selbst – das kommt wieder als Stück im Stücke vor?», fragt eine Zuschauerfigur verwirrt in Tiecks Drama «Der gestiefelte Kater» aus dem Jahr 1797. Im Projekt «z. B. Der gestiefelte Kater», am Freitag am Pfauen uraufgeführt, ist das keine Frage mehr. Da wird geschachtelt, was die Bretter halten: Stück im Stück im Stück. «Äs isch emol, äs isch emol, äs isch emol», raunt eine Stimme zum Auftakt aus dem Off: die Stimme!

Es gibt nur eine Märchenfee, die aus ihrer Kehle diese uralte wohlige Wärme zaubern kann: Trudi Gerster. Ihre kichernden Hausmäuse und krächzenden Hexen hocken uns seit Kindertagen im Ohr, und für einen Augenblick sitzen wir wieder glücklich in Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat. Ein Meisterstreich des knapp 40-jährigen Stuttgarter Starregisseurs Jan Bosse (der in Zürich bestens eingeführt ist).

Mike Müller schiebt das Stück an

Dann aber wirft er uns heraus aus dem Glück und hinein ins ungemütliche, postromantische Geplänkel. Der Regisseur hat keine Lust, den «Gestiefelten Kater» zu inszenieren – verkündet der Schauspieler, der den Kater geben soll, ein mephistophelischer Jacques Palminger. Die symbolisch mehrfach geschichteten, goldenen Vorhänge heben sich, und ein kahler Guckkasten tut sich auf. Düsteres Dunkelblau: Bosses Stamm-Bühnenbildner Stéphane Laimé hat einen Himmel ohne Mond und ohne Gott auf die Pfauenbühne gebaut.

Der einzige Mann mit Bart, einem weissen Wallebart, der in der Leere Welterklärungen wagt, ist Mike Müller. Und keiner könnte die Kreuzung aus Julia Onken, Jürgen Fliege und Bruno Bettelheim besser parodieren als er. Warum er seinen witzigen Act allerdings in schleppendem, schwer schweizerisch getöntem Hochdeutsch durchziehen muss, will nicht recht einleuchten (dieser Gag sollte mal für ein Jahrzehnt verboten werden).

Mike Müller schiebt also das Stück an, das Bosse und seine Hamburger Kollegin Gabriella Bussacker aus Tiecks Kunstmärchen «Der blonde Eckbert» und «Der Runenberg» zusammengesetzt haben: zwei Texte, die von der Grösse und Gewalt des Irrationalen singen und die ewigen Fragen nach Identität und Realität stellen.

Sie hätten so schön spielen können!

Mal verlässt eine junge Frau, mal ein junger Mann das Elternhaus, trifft in der Waldeseinsamkeit aufs Widerständige, Wahre, Übernatürliche. Doch die beiden verraten diese Nachtseite (in sich selbst) und gehen schauerlich zugrunde. Cathérine Seifert, Jörg Pohl, André Meyer, Gottfried Breitfuss und Jacques Palminger wechseln dabei Rollen (Ritter, Jäger, Hexe, Heldin ...) und Register (von komisch-ironisch bis tragisch-melancholisch). Ach, und man sieht, sie hätten so schön spielen können, wenn sie hätten dürfen. Aber wie ein böser Troll bugsiert uns Bosse aus jeder Illusion und sattelt noch ein paar Tricks obendrauf: bald richtig tolle, bald eher traurige Einfälle.

Hier zitiert er die Augsburger Puppenkiste – grossartige Grauensvision, wie da alle an Marionettenfäden hängen! –, dort das Trash-und-Trubel-Theater der Neunziger (das zieht sich). Beim Finale sind die Längen zwischendurch freilich vergessen: Ein Chor mit riesigen Viechern aus drei Jahren Matthias-Hartmann-Intendanz, frei nach Tiecks Personenliste – Eisbär, Hase, Rentier, Vogel, Mücke – singt zum Abschied ein «Lied für alle». Fast so herzerwärmend wie Trudi Gerster. Auf zum Fest!

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