Realitätsexzess oder Theaterrettung?

Am Zürcher Theaterspektakel zeigt das Stück «The Camouflage Project» die Storys zweier Tamilen in der Schweiz – und bleibt weit hinter den Möglichkeiten des Doktheaters zurück.

«Miss Integration» Gaya und Schauspielkollege Patrick zeigen in «The Camouflage Project», was Multikulti und Integration bedeuten. Foto: Christian Altofer (ZTS)

«Miss Integration» Gaya und Schauspielkollege Patrick zeigen in «The Camouflage Project», was Multikulti und Integration bedeuten. Foto: Christian Altofer (ZTS)

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Da sitzen sie am Rand der schwarzen Bühne auf klapprigen Stühlchen und starren unversöhnt vor sich hin. Sie, abgeschminkt, im Schlabberlook, er in Jeans, mit hotzenplotzeskem Bart: Entspannen Sie sich, wir sind keine Exoten, grient uns der Look zu. Keine Entspannung aber gibts für seine Träger.

«Gaya fragt, wieso ich nicht längst eigene Projekte ohne Blick auf die Vergangenheit auf die Beine gestellt habe, wenn ich so von Innovation schwärme, und ob ich hier bloss eine Art Psychotherapie betreibe», stellt der Mann trocken fest. Die Frau resümiert: «Patrick fragt, ob meine Beschäftigung mit der Tradition nur von Sentimentalität getrieben ist, von der Sehnsucht nach einem Fantasma; oder gar vom Wunsch, den Eltern zu gefallen.» Die Eltern sind übermächtige Figuren in den Biographien der zwei Tamilen, die in der Schweiz leben. Aber wie sie mit ihnen heute umgehen und wie die Ansprüche der Tradition ihren Alltag grundieren: das ist so unterschiedlich, als kämen sie von verschiedenen Planeten.

Vom Schuldebakel bis zum Schauspielstudium

Eigentlich tun sie das auch. Er, 35, katholisch erzogen, landete mit zehn auf einem deutschen Flughafen, wo ihn einer abholte, der ihm so fremd war wie Deutschland – sein Vater. Der Rest war eine harzige Integrations- und Initiationsgeschichte vom Schuldebakel bis zu Matura und Schauspielstudium, vorangepeitscht durch den überforderten, prügelnden Vater. Gaya dagegen, 22, Hindu, in der Schweiz geboren, war stets mit Begeisterung beides: Baslerin und Tamilin; Bharatanatyam-Tänzerin und Spitzenschülerin (sie studiert Jus). In «The Camouflage Project», das nun am Theaterspektakel Premiere hatte, erhält Gaya das Krönchen als «Miss Integration».

Die 35-jährige Regisseurin Ute Sengebusch, die, mit Jessica Huber, auch für das Konzept des einstündigen Stücks zeichnet, hat sich mit der Krönung eine süffig selbstironische Einlage genehmigt. Überhaupt ist das Ganze eine hübsch bissige Bestandsaufnahme dessen, was für Erlebnisse hinter Begriffen wie «Multikulti» oder «Integration» stecken können: Das Private ist politisch. Dazu wird munter Statistik gestreut: 2,4 Millionen Menschen der Schweizer Wohnbevölkerung haben einen Migrationshintergrund, über 1 Million Tamilen leben im Ausland, rund 50 000 davon in der Schweiz – und sind mit ihrem mustergültigen Fleiss des Schweizers Lieblingsmigranten. Kostproben des inkriminierten Bharatanatyam-Tanzes fehlen nicht, von Gaya erst konventionell, dann kämpferisch interpretiert.

Und weil das alles so irre brav ist, hat Basel-Stadt die Firma für Zwischenbereiche, wo Sengebusch mittut und «The Camouflage Project» mit den Performern Gayathri Sritharan und Patrick Yogarajan realisiert hat, heuer mit dem Basler Kulturförderpreis geehrt. Man lobt den «mutigen künstlerischen und soziokulturellen Arbeitsweg jenseits von vorgegebenen Formaten und Sparten, der den Blick auf gesellschaftspolitisch relevante Themen richtet».

Im Mainstream angekommen

Wie viel Courage es braucht, nach 15 Jahren nouvelle vague des Dokumentartheaters – dem ganze Festivals gewidmet sind, wo man nichts anderes sieht als neue Blicke auf gesellschaftspolitisch relevante Themen –, sei dahingestellt. «The Camouflage Project» zeigt jedenfalls mit dem aufgeraut «authentischen» Expertentheater-Finish eine harmlose, quasi traditionelle Form der neuen Dok-Art: keine Kulisse, dafür zwei Geschichten, vorgetragen mit der Aura des Echten, ergänzt um die Andersheit des orientalischen Tanzes. Das funktioniert, aber es fasziniert nicht. Der Zuschauer hat vom ersten Ton an alles abgenickt.

Beim Stück «Ibsen: Gespenster» von Markus & Markus tut er das nicht. Wenn die Gruppe filmisch eine alte Frau in ihren letzten Lebenswochen bis zum Freitod begleitet und diesen Film in moderierten Cutups auf die Bühne bugsiert, ist man geschockt. Und wenn in «Die Schutzbefohlenen» echte Asylsuchende zur Authentifizierung echte Jelinek-Dramen bestücken oder wenn, umgekehrt, wir als falsche Waffenhändler in echt abgefilmten «Situation Rooms» unterwegs sind oder als falsche Asylsuchende im Theater, ist die Rezeption gespalten.

Unser Unbehagen an solchen Versuchen, unsere Irritation – die sich durchaus auch gegen uns selbst richtet –, übersetzt mancher Kritiker in eine grundsätzliche Infragestellung des Doktheaters. Zu den Kritikpunkten zählen, nicht immer zu Unrecht, ein «Brachialnaturalismus», die parasitäre Ausschlachtung existenzieller Notlagen, Voyeurismus, Zynismus und mangelnde ästhetische Disziplin. Dass zu platte oder zu gelackte Dok-Experimente als Theater bruchlanden müssen, ist – auch ohne ethische Verurteilung – klar. Aber ist das gesamte Doktheater ein Bruch? Ein Irrweg?

Unser Unbehagen an solchen Versuchen, unsere Irritation übersetzt mancher Kritiker
in eine grundsätzliche Infragestellung
des Doktheaters.

Einerseits ist das Genre also im Mainstream angekommen. Ja, der «Milometer» ist inzwischen so etwas wie der Goldstandard der Postdramatik: Dem Berner Intellektuellen Milo Rau, der mit dokumentarischen Theatersprengungen die Häuser füllt und eben mit dem zweiten Teil seiner Europa-Trilogie, «The Dark Ages», am Theaterspektakel gastierte, ist es gelungen, seine Kunst weit hinauszuwerfen aus dem Elfenbeinturm. So weit, dass sich seine Person selbst wieder zu einer Projektionsfigur verfestigt hat, auf die in politischen Diskussionen gern verwiesen wird.

Andererseits lösen Raus Antworten auf die Frage «Was tun?» mehr Widerstand aus als leichter abzuwatschende Dokprojekte. Rau tut was, reist nach Moskau, in den Kongo, trifft Verbrecher, konfrontiert Schlächter mit ihren Taten und ändert – nichts. Und dennoch mehr als die 700. «Räuber»-Aufführung.

Es ist nicht so, als ob – ein weiteres Rau-Skandalon – «Breiviks Erklärung» als Bühnenereignis auf einmal die Differenz zwischen Artefakt und Realität aufhöbe. Auch die simulierten Gerichtsprozesse bleiben simuliert. Diese Differenz besteht selbst dann, wenn man einer Greisin beim Sterben zusieht oder einem Demonstranten beim Erschossenwerden. Das Dokument im Kunstwerk ist reproduzierbar und so fest oder flüssig, wie der Künstler es will. Aber kann das ein Vorwurf an die Kunst sein, dass sie – Kunst ist? Und kann das ein Grund sein, sie aufzugeben? Auf keinen Fall!

Es bewegt!

Die scheinbaren Realitätsexzesse – die die künstlerische Distanz immer schon in sich tragen wie eine Comic-Reportage – formieren für uns ein Zwischenreich, wo das Theater als moralische Anstalt in postdramatischer Zeit eine Zukunft hat. Oder zumindest eine Gegenwart: Es wird, gerade durch seine Hautnähe, zum pulsierenden, fassbaren Raum für uns – und macht so in uns Raum fürs Andere. Weltraum. Es leistet das, was Theater, bestenfalls, seit der Antike leistet: Es bewegt. Die Ära, wo es dies mit weihevoll zelebriertem Erzählen oder Fun-und-Trash-Trallala tat, ist vorbei. Und Theater darf zwar auch mal Museum sein, wie Carl Hegemann sagt. Aber es darf nicht immer Museum sein. Es darf erzählen, überwältigen, belustigen. Aber es muss auch kratzen, reizen, berühren. Etwa, wenn Hillel Kogan den Rassismus der israelischen Gesellschaft tanzt, wie jetzt am Theaterspektakel.

Hat sich jedoch auch das Dok-Genre bereits zu Tode gewuchert? Gehören die theatralen Adventuretrips am Rand der Realität, gehört dieses Bunjee-Jumping über den Elendsgebieten unserer Welt zu den letzten Zuckungen eines untergehenden Trends? Der Publikumszulauf spricht eine andere Sprache. Und das individuelle Theatererlebnis sowieso: Milo Raus grosser Europa-Auftakt «The Civil Wars» oder die kleine Öko-Soiree «Cry Me a River» von Anna Mendelssohn, sie öffnen uns. Wühlen uns auf. Und retten das Theater.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2015, 04:41 Uhr

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