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Romeo und Julia – provokativ getanzt

Der amerikanische Performer Trajal Harrell schickt in der Zürcher Schiffbau-Box acht Männer über den Laufsteg, um Liebe und Trauer zu erkunden.

Abgehobene Unnahbarkeit, Selbstbewusstsein und wohl auch Erotik bei «Romeo und Julia» von Choreograf Trajal Harrell. Foto: Orpheas Emirzas
Abgehobene Unnahbarkeit, Selbstbewusstsein und wohl auch Erotik bei «Romeo und Julia» von Choreograf Trajal Harrell. Foto: Orpheas Emirzas

Als Erstes gibts A4-Blätter mit übersetzten Textpassagen aus Shakespeares «Romeo und Julia» fürs ganze Publikum. Jede und jeder erhält sein eigenes Exemplar, persönlich vom Ensemble verteilt. Könnte ja sein, dass jemand die wenigen rezitierten Verse nicht versteht oder den Hergang des Liebesdramas nicht kennt.

Auch sonst gehts oft reichlich plakativ zu in Trajal Harrells Inszenierung «Juliet & Romeo», einer Übernahme der Kammerspiele München, die am Dienstag in der Schiffbau-Box Premiere feierte. Dies vor allem, weil das Provokative zum Tanzstil Voguing gehört wie der Tee ins heisse Wasser. Und weil die exaltierten Bewegungsmuster des Voguing fast alle Performances des amerikanischen Choreografen prägen, der seit der neuen Saison zu den Hausregisseuren am Schauspielhaus zählt.

Gängige Geschlechterklischees werden pulverisiert

Harrell verbindet postmodernen Tanz mit Theater, Textilkunst und, eben, Elementen aus dem Voguing, das den Schwulenclubs im Harlem der 8oer-Jahre entstammt. Dann staksen seine Darsteller wie Models über imaginäre Laufstege, gehüllt in zerlöcherte T-Shirts, indische Saris oder mädchenhafte Frauenkleidchen, die sie meist nur vor ihren Körper halten, ohne in sie hineinzuschlüpfen.

Die Gesichter sind geprägt von einer geradezu abgehobenen Unnahbarkeit, die Selbstbewusstsein und wohl auch Erotik vermitteln soll. Auf der Schiffbau-Bühne wirkt der Männer-Catwalk unerwartet untuntig, stattdessen irritierend und so schillernd, dass gängige Geschlechterklischees pulverisiert werden: Wir alle sind ein bisschen Romeo und gleichzeitig ein bisschen Julia, wenn es um die ewigen Fragen der Liebe und des Todes geht.

Die Tybalts, Romeos und Julias zeigen, dass Zuneigung weniger an Geschlechterrollen gebunden ist als an gesellschaftliche Normen.

Harrells Auseinandersetzung mit dem «grössten Liebesdrama aller Zeiten» verfügt auch über zarte Töne. Die Tybalts, Romeos und Julias zeigen, dass Zuneigung weniger an Geschlechterrollen gebunden ist als an gesellschaftliche Normen. Der Choreograf, der auch für die Kostüme und den melancholischen Soundtrack verantwortlich zeichnet, spielt selbst die Rolle von Julias Amme, die am Rande ihrer Gräber trauernd in Erinnerungen an die Liebenden versinkt.

Die Lerche singt mal nicht

Julia als junges Mädchen, Tybalts Tod im Kampf gegen Romeo, die heimliche Hochzeit des Paares und sein qualvoller Gifttod scheinen in den Szenen auf, die Harrell mit seinen kurzen Tanzeinlagen als Amme in Kapitel gliedert. Text gibt es selten, und dann geballt, zu hören. Dabei bricht oft Humor die Tragik, wenn zum Beispiel «am Morgen danach» der Satz über den Gesang der Lerche konsequent verschwiegen wird.

Mit der Zeit aber beginnen sich die choreografischen und inszenatorischen Wiederholungen totzulaufen. Wir meinten ja schon zu Beginn zu begreifen: Jeder Mensch ist letztlich ein Tänzer auf dem Laufsteg des Lebens. Und am Ende lauert auf jeden von uns der Tod – und auf die Hinterbliebenen die Trauer, der Trajal Harrell seine gewollt plakativen Bilder entgegenhält.

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