Schlimme Strafe, neu berechnet

Die Argonauten fahren durchs All, und Medea hört auf einen Algorithmus: Katharina Cromme wagt in der Gessnerallee die Zukunft.

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Knallbunte Perserteppiche, Sofabezüge im Farbenrausch und Fourniermöbel, die einen mit ihrer Hässlichkeit anbellen: Auf der Südbühne der Gessnerallee möchte man an diesem Abend nicht verweilen. Und das ist durchaus stimmig. Denn zwischen zusammengewürfelten Brockenhaus-Möbeln wird an diesem Abend eine aufdatierte Version der «Medea» gespielt. Es geht also um jenen alten Antikenstoff rund um den Argonauten Iason, der auf der Flucht ist, weil er das Goldene Vlies geraubt hat – mit ihm die Zauberin Medea, die den Räuber über alles liebt. Auf diese Flucht in die Heimatlosigkeit scheint die unwirtliche Möbellandschaft zu verweisen, die Lukas Stucki aufgebaut hat. Aber das ist nur die Hälfte der alten Story. Die andere erzählt, wie der geliebte Vliesräuber in Korinth eine andere heiratet und Medea verstösst, die darauf aus Rache die gemeinsamen Kinder ermordet. So steht es in der Medea-Tragödie des Euripides.

Hier nun erhält der Stoff starken Schub in die Zukunft: Die Argonauten sind Astronauten – und Korinth hat sich im Jahr 2234 in eine Diktatur verwandelt. Begründet wird diese Wandlung mit «der grossen Krise», während der man die Demokratie zugunsten eines «lieben Königs abgewählt» habe. Dieser Kreon lobt sich selbst dafür, dass nun auf der Erde Friede und Sicherheit herrschen. So steht es in «Fernwärme», einem Stück Nachwuchsdramatik, das als Diplominszenierung der Zürcher Hochschule der Künste zur Uraufführung kommt. Geschrieben und inszeniert hat es die 1986 geborene Katharina Cromme, die bereits während ihres Studiums mit ihrem Stück «Romantik ist ein Frauenporno» sowie zwei Inszenierungen am Luzerner Theater auf sich aufmerksam machen konnte.

Die originellste Pointe ihrer Science-Fiction-«Medea» ist die Hinzuerfindung eines sprechenden Algorithmus. Er ist es, der Medea den Vorschlag macht, die Söhne zu ermorden, da dies «die schlimmstvorstellbare Rache» an Iason sei: «Ich habe es ausgerechnet.» Medeas scheinbar irrationale Handlung wird hier also ins Reich der Rechnungen verschoben – und aufgehoben. Denn der Algorithmus ist sich nicht sicher, ob Medea nach ihrer Weltraumreise überhaupt noch hassen und morden kann, was eine widerborstige Pointe ist, weil damit das Gefühlsleben vom Berechenbaren ausgenommen wird.

Das führt aber direkt zu den Schwierigkeiten des Abends: Denn unmittelbar darauf kippt das Stück der Wahlzürcherin in die Beliebigkeit, in der sich so viele junge Stückeschreiber verlieren, die noch dieses und jenes unterbringen wollen. Bei Cromme sind es sprachphilosophische Girlanden, Brecht-Zitate oder der grosse Monolog aus Shakespeares «Hamlet», den Medea und der Algorithmus unmittelbar auf den Einwand der Rechenmaschine zum Besten geben. Man versteht nicht, warum. Dass man trotz solcher Abirrungen gerne zugeschaut hat, liegt wesentlich an Nadia Migdal, die ihrer Medea ein ebenso starkes Profil gibt, wie es Christian Beppo Peters seinem Iason verleiht. Womit Cromme als Regisseurin und Autorin sich einen Namen machen wird, muss die Zukunft zeigen. In ihrer «Medea»-Bearbeitung war es noch nicht sichtbar.

Bis 17. 3.

Erstellt: 13.03.2015, 19:09 Uhr

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