Schneewittchen macht den Zwergen Pussyterror

«Schneewittchen Beauty Queen» ist Nicolas Stemanns erste Regiearbeit als Co-Chef des Schauspielhauses Zürich: ein royales Feuerwerk hoch über den Köpfen der kleinen Besucher.

Gegen Ende beisst Schneewittchen (Giorgina Hämmerli) auch in Nicolas Stemanns Inszenierung in den vergifteten Apfel. Fotos: Zoé Aubry

Gegen Ende beisst Schneewittchen (Giorgina Hämmerli) auch in Nicolas Stemanns Inszenierung in den vergifteten Apfel. Fotos: Zoé Aubry

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Der grosse Nick und seine Bande rasen wie die Affen durch den Märchenwald und machen Vorurteile kalt – um hier gleich mal ein Kinderbuch und ein Kinderlied so zu remixen, wie Nicolas Stemann es gern tut in seiner allerersten Inszenierung als Co-Chef des Schauspielhauses Zürich. Als Bekenntnis zur Kinder- und Jugendarbeit des Theaters erkor Stemann das grosse Weihnachtsmärchen am Pfauen zum persönlichen Auftakt in Zürich. «Schneewittchen» der Gebrüder Grimm, mit einem deftigen Schuss «Rotkäppchen» drin.

Simples Heruntererzählen oller Kamellen war Stemanns Sache nie. Deshalb toben durch das von ihm getextete Familienstück «Schneewittchen Beauty Queen», unter vielen anderen Figuren und Motiven, etwa die Kinderhörspiel-Heldinnen Bibi und Tina; böse Züriberg-Immobilienhaie; liebe Transgender-Omis; die Fantastischen Vier mit «Die Da!?!»; klassische Kinderlieder, E-Musik-Ohrwürmer sowie lautstark geschmetterte Schnulzen-, Schunkel- und Schulweisheiten wie die, dass man «alles lernen» kann.

Song-Seligkeiten

«Komm, wir singen gemeinsam! / Dann sind wir nicht mehr einsam! / Weil gemeinsam wir’s fein ham», geht der Song, zu dem sich am Ende alle glücklich vereinen: der aufklärerische Märchenonkel (Lukas Vögler), der eiskalte Spielleiter und Banker-Papi (Matthias Neukirch) und die fiese Schönheits-OP-Stiefmutter (Tabita Johannes); die Hippie-Oma (Thomas Kürstner) mit jungem Beau (Sebastian Vogel); Rotläppchen alias Rotkäppchen namens Sophie-Sophie (Henni Jörissen) und Schneewittchen namens Renate (Giorgina Hämmerli); der Wolf namens Wolfgang (Songhay Toldon) und der Jäger namens Urs (Kay Kysela).

Dass die Song-Seligkeit für die Begleitpersonen des jungen Zielpublikums eine ironische Note hat, versteht sich von selbst. Vögler als zum Kugeln komischer wandernder Märchenonkel buchstabiert sie noch extra aus: «Ob das jetzt die Wahrheit über die Welt ist, keine Ahnung.»

Witzel-Feuerwerk

Aber die eigentliche Ironie ist, dass wirs während der zwei Stunden tatsächlich grösstenteils gemeinsam fein ham – jedenfalls wir Erwachsene. Denn was da, in meist hochdeutschem Schnellsprech, an Witzel-Feuerwerk und politischen Knallfröschen über die Bühne ballert, fliegt über die Köpfe hiesiger Primarschüler hinweg. Zugegeben: Meine zwei achtjährigen Testpersonen hatten dennoch Spass.

Fragmente des bekannten Märchens werden wie Rettungsringe in die Sause hineingeworfen. Und so mancher Gag lässt auch Zweitklässler quietschen, etwa die sechs Zwerge, die nicht richtig zählen können: AfD-Chargen mit Schweizer Künstlernamen wie Dada, Dürri und Frischli-Weiss, die in ihrem herzigen Pappkartonkosmos «Lügenpresse!» skandieren, bevor sie zur geläuterten Regenbogen-WG mutieren. Die unaufgeregt bestückte Bühne dazu besorgte Katrin Nottrodt.

Bei Regisseur Stemann werden Wolf und Jäger BFF.

Schneewittchen und Rotkäppchen machen den Macho-Männchen angesagten Pussyterror; und die flockige Musik von Kürstner, Stemann und Vogel macht uns Laune wie die Tänze im Discokugel-Schummer. Und dass als Happy End die Bäume des Märchenwalds – und das Weltklima – vor dem gierigen Zugriff der Immobilienwirtschaft geschützt werden, ist für heutige Kinder ein vertrauter Plot (die verhinderte Hochhauswüste heisst übrigens, genau, Glassarg).

Aber öfters kriegt die Satire kaum die Kurve zum Familienevent mit Kuschelfaktor. Für die Grausamkeit der alten Texte baut Stemann eine groteske Plattform aus brutaler Küchenpsychologie. Er klopft das Märchen auf seine Klischees ab – und unsere Zeit auf ihre Fortführung.

Das ist eine Komik mit dem Zweihänder, bei der die Erwachsenen im Publikum zusammenzucken und die Kinder dumm gucken.

Der Jäger zum Beispiel, der auf Geheiss der neidischen Königin das schöne Schneewittchen erschiessen soll, wollte «ursprünglich Finanzbuchhalter werden. Aber dann haben meine Eltern sich scheiden lassen. Da habe ich nur noch vor dem Computer gesessen und Ballerspiele gespielt. ‹Fortnite›. Irgendwann wollte ich dann an unserer Schule ein Massaker veranstalten, wie in Amerika! Ich bin in den Schützenverein, damit ich mir Waffen kaufen konnte – und da hat es mir so gut gefallen, die toten Tiere an der Wand und die Kameradschaft, da dachte ich mir: das mit dem Schulmassaker kann ich ja auch später erledigen, werd ich erst mal Jäger.»

Das ist eine Komik mit dem Zweihänder, bei der die Erwachsenen im Publikum zusammenzucken und die Kinder dumm gucken. Der Jäger – ein vortrefflicher Kysela, der sich in seiner anderen Rolle als widerspenstiger Spiegel der Königin noch übertrifft – entpuppt sich zwar, wie bei den Grimms vorgeschrieben, als mitleidiger Kerl. Daher hat er auch Mühe, das Ersatztier für die Beweisleber zu schiessen.

Er braucht das Blutgeld aber dringend für die teure Zürcher Rudolf-Steiner-Schule seiner Kids. So flehen Schneewittchen und Hirsch beide um ihr Leben, und es entwickelt sich ein knochenhartes absurdes Theater der Grausamkeit. Und überhaupt, die Steiner-Schule: So ausführlich, wie die hier drankommt, klingt das fast ein wenig nach privater Vendetta. Das Kinderpublikum wird auch damit kaum etwas anfangen können.

Rabenschwarzes Kabarett

Die naheliegende Lösung lautet, wie die Gruppe Werbe-Jingle-mässig intoniert: «Vegane Leber rettet die Welt!» Und man zieht veganes Essen durch den gar nicht veganen Kakao. Weiter gehts im Text. Äh, wo waren wir stehen geblieben?

Kurz: Im rabenschwarzen «Schneewittchen»-Kabarett kräuseln sich eine Menge abgedrehter Arabesken, dekoriert mit «Forbes»-Liste, Atombombe und Börsenindex – weshalb das Märchen selbst teilweise nur knapp rapportiert wird. Ob es allen Besuchern wirklich derart geläufig ist, darf bezweifelt werden.

Aber immerhin: In manchen Momenten lachen sich alle scheckig. Und das tolle Ensemble haut mit seiner Spielfreude die Skepsis an dem Ding, das sie da spielen, einfach weg. Schneewittchen, der grosse Nick und der Rest der Affenbande haben das Kind schon geschaukelt. Nur nicht auf Kinderaugenhöhe.

Eine noch weniger gestrählte, auch als solche deklarierte Erwachsenenfassung (ab 16 Jahren) gibts am 4./10./26.Dezember.

Erstellt: 11.11.2019, 15:05 Uhr

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