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Schneewittchen ravt durch die Klimaapokalypse

Der Zürcher Schauspielhaus-Co-Chef Nicolas Stemann hat jetzt eine «Schneewittchen»-Version für Erwachsene vorgelegt. Lohnt sich.

Songs zum Schwofen und Abtanzen, ein korrumpiertes Schneewittchen als DJane und sechs Zwerge, die, bevor sie geläutert werden, rechts gesinnt sind. Foto: Zoé Aubry
Songs zum Schwofen und Abtanzen, ein korrumpiertes Schneewittchen als DJane und sechs Zwerge, die, bevor sie geläutert werden, rechts gesinnt sind. Foto: Zoé Aubry

Es war ein fröhliches Wiedersehen mit «Schneewittchen Beauty Queen» für Kinder, dem Familienstück, das Schauspielhaus-Co-Intendant Nicolas Stemann im November am Pfauen uraufgeführt hatte; die Kritik lesen Sie hier. Nun gings auf denselben wilden Ritt, jedoch mit dem Zusatz «für Erwachsene», und die Kritikerinnen-Bagage machte in der Pause munteres Märchenrätselraten: Gab es den Blocher-Köppel-Gag bei den Kids auch schon, oder war das jetzt neu? Das Gemotze übers «Scheissregietheater»? Und die Haue auf die neureichen, verzogenen Zürichberg-Gören, die der olle Märchenonkel – immer noch grandios: Lukas Vögler – für einen Hungerlohn unterhalten muss?

Wesentlich anders als die Kinderfassung – die ja eben nur beschränkt eine war – kommen jedenfalls bloss Intro und Finale daher. Trotzdem hat sich der zweite Besuch der knapp zweieinhalbstündigen Aufführung gelohnt: allein schon fürs allererste Lied, das da – nach einer wunderbösen apokalyptischen Klimakatastrophen-Vision aus dem Off (zartes Kinderstimmchen: «Mama? Was ist Schnee?», warme Mutterstimme: «Das ist gefrorener Regen, gibt es jetzt nur noch ganz oben im Gebirge, gab es früher im Winter überall») – hingeklampft wird von Thomas Kürstners hinreissender Hippie-Oma und Sebastian Vogels nonchalantem jungen Gigolo.

Famos fies

Die Lyrics sind grossartig gemein, voller Beatles-Irrlichter und anderer Referenzen (wie das gesamte Stück), freilich zu ausufernd, um zur Gänze zitiert zu werden. Drum bloss eine Passage aus dem allgemeinen Weh, das Stemann hier famos fies gefasst hat.

Der erste Song, nur für die Grossen

«… Irgendwer reisst sich aus dem Zusammenhang, irgendwer steuert auf jeden Fall auf Altersarmut zu, irgendwer sitzt am Flughafen und hat das Licht angelassen, irgendwer mag nicht seine Nase. Und jeder, jeder, hat mindestens zwei Versionen von seinem Leben – Märchen eben, verflucht … Und alles gehört irgendwem, z. B. Kindheit, verflixt. Alles gehört irgendjemandem, oder irgendwer will es haben oder wiederhaben ... So funktioniert Demokratie. Jeder nimmt sich, was er haben kann, versucht, es zu behalten, auch Kindheit, um noch mehr zu bekommen, egal wie. Diktaturen funktionieren eigentlich ähnlich, nur dass man da schneller tot ist, wenn man dagegen ist ...Wer kann sich schon auf die Wahrheit verlassen, wenn jeder Widerspruch verschwindet, alles etwas nutzen muss … Und irgendwann, wenn der Kapitalismus vorbei ist, mmh, und niemand ein finanzielles Interesse an uns hat, mmhmmh; wenn die Religionen beendet sind, mmhmmh, und niemand ein moralisches Bedürfnis an uns hat – dann will ich Hand in Hand mit dir durch Zürich gehen und dir sagen: Vielleicht brauchen wir keine Märchen mehr ...»

Zum Schmelzen wie der Schnee von der global erwärmten Erde! Nein, der neue Intendant des Schauspielhauses schenkt uns nichts. Doch genau dadurch eine ganze amüsante Menge: ein «Schneewittchen»-Kabarett, das anschlussfähig ist an alle aktuellen Diskurse, durchzogen von kindlicher Sehnsucht und erwachsener Schwäche des Herzens.

Vegane Leber und Reisbällchen an Reis: Nicolas Stemanns «Schneewittchen» für Erwachsene – und auch die Fassung für Kids – zieht aktuelle Esstrends durch den Mandelmilch-Kakao. Foto: Zoé Aubry
Vegane Leber und Reisbällchen an Reis: Nicolas Stemanns «Schneewittchen» für Erwachsene – und auch die Fassung für Kids – zieht aktuelle Esstrends durch den Mandelmilch-Kakao. Foto: Zoé Aubry

Es ist ein hochkomisches, mit heisser Nadel gestricktes Ding mit sechs dumpfbackigen Rechtsaussen-Zwergen, die geläutert werden; mit einem erbarmungslos berechnenden Spielleiter und geldgeilen Schneewittchen-Papi (Matthias Neukirch), der nicht geläutert wird, und einer schönheitsgeilen Stiefmutter (Tabita Johannes); mit einem Rotkäppchen (Henni Jörissen), das sich, in der Erwachsenen-Version, letztendlich als ebenso korrumpierbar erweist wie das Schneewittchen (Giorgina Hämmerli), der Jäger (Kay Kysela) und der liebe Wolf (Songhay Toldon).

Herbert Fritsch hatte seinem umwerfenden Märchenabend für Erwachsene am Pfauen, «Grimmige Märchen», 2017 durchaus mehr Abgründigkeit und grabesdunkle Offenheit verliehen. Die heillosen Gestalten sprangen in einer erstickenden Welt aus bunten Monsterkissen auf Trampolinen auf und nieder, als liefe gerade eine Kindergeburtstagsparty aus dem Ruder. Und sie sprachen dabei, ohne grosse Zusätze, die alten, blutigen Märchentexte mit den vielen toten Kindern und drakonischen Strafen, dem Hunger und Elend und dem scheinbaren Heiratsglück.

Der Bühnenentertainment-Master Stemann flachst sich munter durch die Reizwörterliste von «Ausländer raus» bis «vegan».

Herbert Fritschs Hochdruck-Hopsen zwischen Kaspertheater und Horrortheater, zwischen Abstraktion und Körperlichkeit, Geblödel und Grausamkeit war wie eine kalte Hand: So viel Entsetzen, so viel Schauer über die echte Not im Märchenwunderland war auf der Bühne nie.

Aber Stemann strebt nicht nach zeitloser und strenger Kritik an den Verhältnissen, die ungerecht waren, sind und bleiben werden. Sondern der Bühnenentertainment-Master flachst sich bereits in der Kinderfassung munter durch die Reizwörterliste von «Ausländer» über «politisch korrekt» bis «vegan», von Trump-Zitaten bis AfD-Slogans – und will den zuguckenden Bibis und Tinas trotzdem den Traum von einer fairen, feministischen Regenbogen-Green-Deal-Zukunft nicht nehmen. Zumindest nicht ganz. In all die Ironie lässt er, frei nach Nicole, von ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe summen. Und seine tollen Theaterleute schunkeln in dieser Politcomedy derart ansteckend mit, dass am Ende alles jubelt.

«Schneewittchen» für Erwachsene: 10.12., 26.12., 8.1.2020, 28.1.. Mehr Informationen finden Sie hier.

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