«Schnell, lokal, zeitgenössisch»

Das Theater Neumarkt präsentiert Besucherzahlen, die über dem Schnitt der letzten 10 Jahre liegen – und ein zorniges Programm. Auch zur Anti-Köppel-Aktion äussert man sich.

«Schweiz entköppeln», die Aktion von Philipp Ruch (sitzend) im Neumarkttheater sorgte im Frühling für einen Skandal. Bild: Urs Jaudas

«Schweiz entköppeln», die Aktion von Philipp Ruch (sitzend) im Neumarkttheater sorgte im Frühling für einen Skandal. Bild: Urs Jaudas

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Noch liegen die exakten Zahlen nicht vor, aber eins steht schon fest für die Saison 2015/16: Theater war beliebter als im Vorjahr, egal, ob es sich um das Schauspielhaus handelt oder das Theater Neumarkt. Hatte Neumarktchef Peter Kastenmüller am Ende seiner Einstandssaison, im Sommer 2014, einen Einbruch der Besucherzahlen auf rund 10'000 melden müssen, so berappelte man sich bereits in der zweiten Saison. Und für die nun auslaufende dritte Kastenmüller-Spielzeit kann das Haus schon jetzt über 20'000 Besucher ausweisen. Das ist eine Steigerung von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr, und der Direktor unterstreicht stolz: «Damit liegen wir über dem Schnitt der letzten 10 Jahre.»

Man habe mit Kontinuität, ohne Abonnement, sein Publikum finden und binden können. «Was die Einheit Theaterabend angeht, sind wir besser geworden, das Rundumpaket für den Kulturfan stimmt», erläutert Kastenmüller; so waren es, bis auf die Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs «Bilder deiner grossen Liebe» mit der grossen Sandra Hüller – die wieder aufgenommen wird – nicht einzelne Hits, die das Haus füllten, sondern es gab eine kontinuierlich gute Auslastung. Die Eigenfinanzierung habe man seit dem schwierigen ersten Jahr auf rund 20 Prozent verdoppeln können, sagt Geschäftsführer Michel Binggeli, und die Subvention pro Ticket dafür reduzieren auf etwa 280 Franken pro Karte – womit man mit anderen Häusern gleichauf liege.

Profil verschärfen

Dass die Einladung an Philipp Ruch im Frühling zu einem Eklat geführt hat und nun der Subventionsvertrag zur Debatte steht, bedauern Kastenmüller und Chefdramaturg Ralf Fiedler. «Wir waren nicht glücklich, dass der symbolische Charakter des Projekts nicht eingehalten wurde», gesteht Fiedler. Aber die Zürcher würden sich selber eines starken Labels und eines grossen Potenzials berauben, wenn sie aufs Ensemblehaus im Herzen des Niederdorfs verzichteten. «Wenn man Neumarkt sagt, kriegt man jeden Künstler», schwärmt Kastenmüller. «Wieso solche Strukturen zerstören? Wir sind schnell, lokal, zeitgenössisch.»

Und dieses Profil soll noch verschärft werden. Zum Thema «Zorn» – zwischen Empörungsgeilheit und Aufstand gegen Ungerechtigkeit – wird es bis Weihnachten drei Premieren geben: die Uraufführung «Zeit der Kannibalen» von Stefan Weigl nach dem gleichnamigen Film (Regie: Kastenmüller); die Schweizer Erstaufführung von Wajdi Mouawads «Himmel» über eine sich radikalisierende Jugend (Simone Blattner) und nicht zuletzt «Bonnie und Clyde» (Wojtek Klemm). Nein, man wolle weder dem Theater Winkelwiese, einem «Autorentheater erster Güte» und Heimat von Uraufführungen, ins Gehege kommen, noch lasse man sich durch die angesagte «Profiljagd» einschränken, sagt Kastenmüller.

«Wir lassen alles durchs Label Neumarkt laufen, machen hier Stadtprojekte wie ‹Schools of Normal› und haben da, grössenwahnsinnigerweise, eine gegen den Strich gebürstete Operette in Planung», umreisst er die Verortung des Hauses zwischen Schauspielhaus, Gessnerallee und Winkelwiese. Der Weg der Vielfalt habe sich ausgezahlt. Das Ensemble vergrössert sich im Herbst von vier auf sechs Personen: «Diese Zahl ist am Haus Usus, und die Vergrösserung macht Sinn, da es teurer ist, mit vielen Gästen zu arbeiten», sagt Binggeli. Die guten Zahlen gaben Auftrieb, und Kastenmüller scheint allen aus dem Herzen zu sprechen, als er resümiert: «Wir arbeiten wahnsinnig gern hier in diesem Laden.»

Erstellt: 23.06.2016, 14:29 Uhr

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