Sehnsucht nach Radikalität

Doppeljubiläum: Das Theater Neumarkt feiert sein 50-Jähriges mit einer Reminiszenz an 100 Jahre Dada.

Maximilian Kraus als Tristan Tzara in «Was tun?». Foto: Doris Fanconi

Maximilian Kraus als Tristan Tzara in «Was tun?». Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Fest beganns und ist Nostalgie und Melancholie geworden: Dada, sie waren alle da, das ganze Personal aus der dadaistischen Enzyklopädie. Tristan Tza-ra, Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, die Gespenster der grossen Sprach- und Sinn- und Kausalitäts- und Proportionszertrümmerer, und auch Emmy Hennings, «das schlecht gezimmerte bunte Wimpelboot». Alle da zur Erinnerung an die Gründung der einzigen Sparkasse, die in der Ewigkeit künstlerischen Zins zahlt, wie seinerzeit versprochen wurde vor hundert Jahren im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1, Zürich.

Jetzt holt man sich diese Zinsen im «Festakt» mit dem Titel «Was tun?», der Jubiläumsproduktion im Theater Neumarkt – welches auch schon 50 ist und des Feierns würdig, vor 100 Jahren aber noch Sitz eines Arbeiterbildungsvereins war, der damals Eintracht hiess und gelegentlich von Lenin besucht wurde, der es nicht weit hatte von seiner Wohnung in der Spiegelgasse 14.

Lenin hatte nicht wirklich etwas zu tun mit Dada und der Sinnzertrümmerung. Er las gerne Puschkin, wenn er nicht die Weltrevolution entwarf, und das Getrommel aus dem Voltaire störte ihn oft; und überhaupt, was könnte er gefunden haben an einem Tzara beispielsweise, der (wie Tom Stoppard 1974 in seinem Schauspiel «Travesties» behaupten liess, an das dieser Neumarkt-Abend manchmal erinnert) mit einem Stock seinen Namen in den Schnee schrieb und rief: «Da! Ich glaube, ich nenne das die Alpen»?

Das kommt aber doch alles zusammen in «Was tun?», dieser festlichen Collage (Textfassung und Regie: Friederike Heller), die nur vorgibt, das zu feiernde Neumarkt-Theater zu würdigen. Denn so ein Laudator von der Präsidialabteilung (Marcus Signer) hat mit seiner Rede über 50 Jahre polarisierende theatralische Provokation (und was man halt so sagt in den besseren subventionierten Kreisen) ja keine Chance gegen die plötzlich erscheinenden Geister einer Vergangenheit, deren provokative Radikalität sich wirklich gewaschen hatte seinerzeit. Sie nehmen ihm gleich das Heft aus der Hand und zeigen ihm sozusagen den historischen Provokationsmeister.

Republik der Lakaien

Auf der Flöte gross und bieder spielt der Dadaiste wieder, tandaradei und «gadji beri bimba». Huelsenbeck (Johannes Dullin) – oder wars Hugo Ball (Marcus Signer)? – als eine Art Riesenschlange in Begleitung eines Flamingos fordert die Einführung der «progressiven Arbeits­losigkeit» und die «kommunistische Ernährung aller». Tzara (Maximilian Kraus) zerschnipselt Zeitungen, bis sie Gedicht werden. Und Lenin (Martin Butzke) wiederum redet von der Schweiz einerseits als Lakaienrepublik und andererseits als einem möglichen Zentrum des notwendigen Weltbürgerkriegs.

Es findet alles auf zwei Bühnen statt und mitten im Saal des Neumarkt, wo dem Karussellpferd Jonathan und der Emmy Hennings (Yanna Rüger), die einst die entgrenzte Freiheit der Frau forderte und später zu frömmeln begann, Konfetti gestreut werden, und es macht ein wenig wirblig; aber das ist das Wesen solcher Collagen, die mit Zitaten aufs Ganze eines grossen Geschichts­zitats gehen. Eine gewisse Wirbligkeit ist aus geschichtspädagogischen Gründen beabsichtigt, vermutlich.

«Was tun?» ist am Ende doch weniger Festakt als Einführung in die Wirrnis einer Zeit und ihre durcheinanderwirbelnden Hoffnungen.

Es ist eine Frage der angemessenen historischen Atmosphäre, könnte man sagen. «Was tun?» ist am Ende doch weniger Festakt als Einführung in die Wirrnis einer Zeit und ihre durcheinanderwirbelnden Hoffnungen. Oder im Sinn des «Dadaistischen Manifests» von 1918 ausgedrückt: ins «gewaltige Hokuspokus» des nervenbeschwingenden Einst.

Ein bisschen wirkt das manchmal wie ein in szenische Bewegung gesetzter Volkshochschulkurs. Wobei es dem Theater nicht schadet, wenn es manchmal auch bildet, und dies ist ja wirklich der Erinnerung wert: dieses Zürich, in dem in der gleichen Strasse, ganz nah beim Neumarkt, zwei Revolutionen in die Welt gebracht wurden, die bolschewistische und die dadaistische, die «wache» und die «geträumte» Revolution, wie der unglückliche deutsche Kommunist Willi Münzenberg sie nannte, der für beides Kopf und Herz hatte (eine fragil und zart gestaltete Figur am Neumarkt-Abend; Maximilian Kraus spielt sie als Tristan Tzaras Alter Ego).

Was aus Dada wurde

Eine Grundlage von dada- und revolu­tionsmelodischem Wissen ist durch «Was tun?» nun mal geschaffen, wir sind insbesondere in dadaphiler Stimmung und bei Laune für die künstlerischen Folgen, die ein ausgedehntes Jubiläum noch zeitigen wird.

Ein wenig melancholisch und sogar nekromantisch wirkte der Abend aber eben doch. Wir wissen halt, was kam (und am Neumarkt weiss mans auch). Wie die Bäume von Lenins Revolution in Russland erst in den Himmel wuchsen und dann dorrten und eingingen über die Jahre; wie ein Hugo Ball und eine Emmy Hennings das Dada abtaten und schauerlich katholisch wurden; und wie der Dadaismus selbst aufging im grossen Unterhaltungskontinuum. «Was tun? Ein Festakt» feiert die Reinheit der Passionen, bevor man das wusste. Das ist schön vom Theater Neumarkt, dem auch zu gratulieren ist. Aber etwas können so ein Stück und so eine um Lebendigkeit sich mühende Inszenierung dann trotzdem nicht: Sie können durch die Sehnsucht nach Radikalität die Radikalität nicht ersetzen.

Bis 18. Februar.

Erstellt: 13.01.2016, 19:08 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Durchgestartet als alleinerziehende Mutter

Geldblog Sind Genossenschafts-Investitionen sicher?

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...