Hazel Brugger, enthemmt

Hazel Brugger macht nun Trash fürs Internet. Warum nur?

«Warum haben Sie sich entschieden, nackt aufzutreten?» – Hazel Brugger hat mit dem Slammer Thomas Spitzer eine «Show» produziert, die nur im Internet zu sehen ist.

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Eines Abends mal wieder auf Facebook: Jemand hat einen Weltverbesserungspost abgesetzt, jemand anderes hat ihn gelikt. Ein anderer bewirbt sich selbst. Ein anderer auch. Weiterscrollen. Noch jemand will die Welt verbessern. Eigenwerbung, Werbung, Weltverbesserung. Weiterscrollen. Dann ein Video mit Hazel Brugger, in dem Angela Merkel von einem hechelnden Mops vertreten wird, in dem Brugger Perücken trägt und in dem sie singend und mit weit aufgerissenen Augen die Frage aufwirft, ob es die Partydroge Ecstasy sei, die «aus mir spricht, wenn ich sage: Ich liebe dich».

Irre gut: Hazel Brugger im Stil von Nina Hagen. Fotos und Videos: facebook.com/hazelbrugger

Insgesamt vier Folgen der Show, die den Titel «Show» trägt, hat Hazel Brugger zusammen mit dem Slammer Thomas Spitzer produziert. Ausschliesslich fürs Internet und in einer ziemlich harten Trash-Ästhetik – mit schlimmen Kostümen und schröppigen Songs. Das erstaunt bei einer Firstclass-Comedian wie Hazel Brugger, die schon früh Roger Federer zum Endgegner ihrer humoristischen Bemühungen gemacht hat: Federer sei wie ein Verkehrskreisel, nur «weniger verrückt dekoriert», hat Brugger vor drei Jahren in einer ihrer «Magazin»-Kolumnen geschrieben. Seither hat die heute 23-Jährige fast alles erreicht: Sie tritt mit ihrem Bühnenprogramm bis zu sechs Mal in der Woche auf, gehört seit einem Jahr zum Cast von Oliver Welkes «heute-show»; in diesem Jahr gewann Brugger zudem als bisher jüngste Künstlerin den «Salzburger Stier», einen der renommiertesten Kabarettpreise.

Ziemlich viele Untenrum-Witze

Warum ausgerechnet jetzt ein Trash-Format fürs Internet, wo doch die Türen aller Bühnen und Fernsehanstalten offen stehen? Hazel Brugger telefoniert nicht gerne, also treffen wir uns in einem Café in Zürich. Brugger trägt Shirt und Jeans, also immer noch das unangestrengte Understatement, das sie seit Beginn ihrer Bühnenkarriere pflegt. «Wenn du wirklich Muskeln hast, dann musst du sie nicht anspannen, wenn du im Tram stehst. Die sieht man auch, wenn du eine Jacke drüber trägst», wird sie später sagen. Hazel Brugger ist denn auch ziemlich genau das Gegenteil von dem, was sie gerade auf Youtube in ihrer «Show» macht, wo es sehr laut ist und wo es ziemlich viele Untenrum-Witze gibt.

Video: Hazel Brugger in ihrer Show

«Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man voll in die Eier getreten wird?»

Hazel Brugger bestellt einen Kaffee und beantwortet die Frage nach dem Warum mit einem Umweg über ihre letzten Ferien: «Ich war an Weihnachten in Hanoi in einem Hotel.» Brugger war kaputt und hatte keine Lust auf Sightseeing. Also schaltete sie den Fernseher ein, wo gerade eine Show mit jungen Vietnamesen lief, die in Gemüsekostümen in einem Studio herumtanzten. «Alles war sehr laut und aggressiv: ein Lauch, ein Rüebli, vielleicht war da auch noch ein Apfel oder ein Pfirsich. Das war die ganze Show. Zunächst dachte ich, die sind alle geisteskrank. Aber dann stellte ich mir einen Vietnamesen vor, der zur gleichen Zeit in einem Hotel in Deutschland sitzt und im Fernsehen Hazel Brugger sieht. Der denkt sich dann vielleicht auch: Was geht mit der gerade ab?»

Die Konfrontation mit dem vietnamesischen Rüebli

Die Frage, wie Fernsehen funktioniert, interessierte Hazel Brugger schon immer. Aber die Konfrontation mit den vietnamesischen TV-Rüebli war ein Schlüsselerlebnis, das sie auf die Grundfragen zurückstiess, was sie da eigentlich macht, wenn sie selbst im Fernsehen ist, und was mit den Zuschauern geschieht, wenn sie sich das anschauen. Zurück in Europa beschloss Brugger, zusammen mit Thomas Spitzer in einer Art Vivisektion das Fernsehen zu untersuchen – mit einer eigenen Show namens «Show».

Ermöglicht wurde dies dank dem Kleinkunstpreis der Stadt Mainz, den Brugger in diesem Jahr gewann und der mit 5000 Euro dotiert ist. Aber auch durch die radikale Ausbeutung der eigenen Kräfte: Brugger baute mit Spitzer ihr Wohnzimmer zum Studio um – neben ihren zahlreichen Auftritten. «Alles, was man in den Videos sieht, wurde zwischen zwei und vier Uhr morgens gefilmt», sagt Brugger. Die Sache sei «völlig eskaliert und zu einem Riesenprojekt geworden».

Hazel Brugger in ihrem Wohnzimmerstudio.

Wenn jemand das Ergebnis dieses Riesenprojekts nun eher «geht so» oder gar «scheisse» findet, ist das «völlig okay» für Hazel Brugger. «Unsere Show ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Persiflage, denn eigentlich hat sie alles, was Fernsehen auch ist: Sie ist laut, sie ist schnell. Es hat darin viele Sachen, bei denen man sich fragt, warum passiert das jetzt. Oder die man scheisse finden kann», sagt Brugger. «Aber auch Elemente, die man mögen kann. Und genau so ist Fernsehen für mich: ein Medium, das gefüllt wird.»

Rammstein-Song über Gluten

Brugger und Spitzer füllen ihre eigene Show mit einem Rammstein-Song über Gluten, mit affigen Tierkostümen, unterirdischen Witzen, wackelnden Brüsten und echten Tieren, die als deutsche Politiker wie Angela Merkel oder Alice Weidel interviewt werden. «In meiner Show ist alles ein wenig drüber. Wie im richtigen Fernsehen, aber dort wird immer so getan, als hätte das alles eine Daseinsberechtigung. Das ist bei unserer Show überhaupt nicht der Fall.» Es geht ihr also darum, das Fernsehen zur Kenntlichkeit zu entstellen – und so zu hinterfragen.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Hazel Brugger liebt das Fernsehen und seine Möglichkeiten. Und sie ist mit Sendern im Gespräch, die sich ein Format von ihr wünschen. «Aber ich wüsste zurzeit gar nicht, was ich in einer eigenen Show am Fernsehen machen sollte. Und ich versteh auch nicht, warum ich etwas machen sollte, nur weil ich es darf. Ich darf ja so einiges. Aber ich will nicht nur deshalb etwas machen, damit mein Gesicht im Fernsehen zu sehen ist. Dafür ist mein Gesicht nicht schön genug. Also kein Gesicht der Welt ist schön genug, um das aufzufangen», sagt Brugger.

Zudem ist Hazel Brugger ja auch glücklich mit dem, was sie zurzeit im Fernsehen machen kann: Für die «heute-show» hat sie gerade eine Serie mit Politikergesprächen aufgenommen, die viel länger sind als ihre Überfallinterviews, die sie bisher auf den deutschen Parteitagen gedreht hat. «Aber ich bin noch nicht am Ende meiner Entwicklung. Vielleicht kann ich ja etwas sehr gut im Liegen moderieren? Wer weiss. Ich habe es ja noch nie versucht.» Das ist übrigens auch etwas, was sie an Deutschland schätzt: dass man sie dort machen lässt, ohne sie auf etwas festzulegen. «In der Schweiz macht es mir Angst, dass man so rasch als fertiger Mensch angesehen wird und dass die Leute sagen, das ist es jetzt.» Das sei in Deutschland anders, irgendwie sportlicher. «Da sagt man mir: Dann schau mal, ob das etwas wird.»

Video: «Ist die Lady eigentlich auch auf Insta?»

Hazel Brugger über Frauke Petry.

Damit es etwas wird und Neues entsteht, muss man auch einmal in den «pubertären Modus» wechseln, davon ist Brugger überzeugt: «Ich glaube, dass man auf Dauer immer gehemmter wird.» Dagegen muss man etwas tun. Und deshalb gibt es nun also die Youtube-«Show». Brugger geht es aber nicht nur um ihre persönliche Entwicklung; sie hat auch den Wunsch nach einem neuen, anderen Fernsehen. «Ein chaotischeres Fernsehen wäre angebracht», sagt sie. «Zurzeit wird alles sehr stark homogenisiert. Gerade in Deutschland fällt das sehr stark auf, wo der Markt viel grösser ist als in der Schweiz, wo man die Homogenität mit Verweis auf das Schweizer Fernsehen als einzigen Sender entschuldigen kann.»

Was im deutschsprachigen Comedy-Fernsehen gezeigt wird, sind oftmals Kopien von Sendungen aus den USA. Etwa von John Oliver, dessen Formate viele nur von Jan Böhmermanns Kopien kennen. Neu ist diese Copy-Kultur nicht: Schon die Harald-Schmidt-Show war vom Stand-up bis hin zum Bühnenbild eine Imitation von David Lettermans «Late Show». Meint Hazel Brugger das, wenn sie von einer Homogenisierung spricht? «Nein», sagt Brugger, «auch Thomas Spitzer und ich haben mit der Eric-André-Show ein Vorbild. Aber André lädt in seine Sendung echte Stars ein, die er dann verarscht. Dafür fehlt uns das Budget.» Und in der Eric-André-Show wird in jeder Sendung das Bühnenbild zerstört. «Das geht in einer Wohnung nicht, unter der eine Familie mit einem Baby wohnt. Gut, einmal schon, aber dann muss man umziehen.»

Video: «Es gibt Frauen, die können dich als Dildo verwenden»

Hazel Brugger in ihrer «Show» auf Facebook.

Brugger bezeichnet ihre gegenwärtige Karriereplanung als «sehr solide, ausser dass ich nicht weiss, wie und was ich machen soll». Was ein Witz ist. Denn Brugger weiss sehr genau, was ihre Ziele sind. «Ich will ganz klar die Kluft zwischen Quatschmachen und ernsthaftem Humor schliessen. Ich will, dass sich die Leute mit komplexen Gedanken und völlig banalen Sachen innert einer Minute beschäftigen können.» Eine Verengung auf das Elitäre kommt für sie nicht infrage. «Ich finde es schade, wenn Leute unbedingt erreichen wollen, dass alle wissen, wie klug sie sind.» Doch auch die Fixierung auf das Anti-Elitäre mag sie nicht. «Mir ist es aber egal, wer in meinem Publikum sitzt und ob jemand nur lacht, weil ich ‹Schnäbi› sage.»

Dennoch hat Hazel Brugger einen ziemlich scharf definierten Qualitätsbegriff, wenn es um Humor geht: «Qualität ist, wenn etwas faszinierend genug ist, dass man nicht ausschaltet. Und irritierend genug, dass man Emotionen verspürt.» Brugger findet es denn auch nicht schlimm, wenn man ein Fernsehformat klaut oder kopiert. «Aber meistens gibt es ja einen Grund, warum ein Format genau so in den USA gemacht wird: weil es dort zu den politischen und gesellschaftlichen Strukturen passt. In Deutschland oder anderswo muss man es vielleicht anders machen.» Und wenn am Ende alle Netflix gucken oder nur noch darüber lachen, wenn Jimmy Fallon seine Pointen gegen Trump abfeuert, «dann werden ja gar keine Witze mehr über die Leute in der Schweiz gemacht. Und es wäre doch furchtbar, wenn Roger Federer ungeprügelt davonkäme.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2017, 17:48 Uhr

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