Shakespeare läuft Schlittschuh

Thomas Hürlimann versetzt «Was ihr wollt» in den Luzerner Sommer.

Manchmal wackelts fröhlich: Szene aus Hürlimanns Inszenierung. (Bild: Emanuel Wallimann)

Manchmal wackelts fröhlich: Szene aus Hürlimanns Inszenierung. (Bild: Emanuel Wallimann)

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Eismeister ist er geworden, der Sargtoni. Früher hat er Särge auf Vorrat produziert, jetzt vermietet er Schlittschuhe, fünf Franken kostet die Miete pro Paar und pro Stunde. So steht er am Rand seines Eisfeldes, links ein Kiosk, rechts das WC. Irgendwie hat der Jobwechsel mit dem Klimawechsel zu tun, auch der Tod ist heute auch nicht mehr das, was er war – egal: das Kunst-Eis ist voll öko, es braucht null Wasser, null Energie.

Wir befinden uns an der Industriestrasse in Luzern. Hier auf dem EWL-Gelände findet die diesjährige Produktion der Freilichtspiele Luzern statt. Am Dienstag war es an der Premiere recht kühl. Aber an diesem Ort kann man sich in den Sommer hinein träumen, wie es die Bäume und Büsche tun. Bald wird aus der alten Fabrik ein Schloss. Den Menschen, die an der Strasse wohnen, wird gesagt: «Hütt Znacht isch Illyrie dyni Adrässe.»

Spiel der Geschlechter

Wir kennen das Land. Wir kennen die Geschichte. Und das weiss auch Sargtoni, der das Spiel eröffnet: «Üsi Commedia heisst im englische Original: The Twelfth Night or What You Will», ist von Shakespeare und heisst übersetzt «Was ihr wollt». Die Komödie spielt in einer Januarnacht, die alles verändern kann. Ein Mann ist hier nicht unbedingt ein Mann, und eine Frau nicht immer eine Frau. Wer sich auf dieses Gebiet vorwagt, kann sich schnell verlieren im Spiel der Geschlechter und Metamorphosen. Oder fällt im dümmsten Moment auf den Kopf. Denn eben: Alles spielt auf Eis. Die Figuren haben von Sargtoni das Material gemietet, ohne Schlittschuhe geht in diesem Shakespeare nichts. Paarlauf ist auf Kufen besonders schwierig.

«Luut euere Expertise wird d Bucht hütt Znacht veryse.»Sargtoni in «Was ihr wollt»

Thomas Hürlimann, der grosse Schriftsteller aus der Innerschweiz, hat das Stück für die Freilichtspiele Luzern in die Mundart übersetzt und bearbeitet; es ist so ziemlich das Beste, was Shakespeare heute passieren kann. Denn Hürlimanns Sprache bewahrt den ganzen Zauber des Stücks, sie ist so kunstvoll wie alltäglich. Mit einem Wort steht alles kopf. Sargtoni sagt: «Luut euere Expertise wird d Bucht hütt Znacht veryse.» Illyrien, das Land der Träume, kann auch sehr kalt sein. Und so verändern die Menschen, die unterwegs sind, ständig ihren Aggregatzustand. Manchmal erstarren sie. Um dann wieder zu zerfliessen.

Die Idee zu Shakespeare on Ice hat die Regisseurin Barbara Schlumpf zusammen mit Thomas Hürlimann gehabt, die beiden bilden so etwas wie das Dreamteam in Sachen Freilichttheater. Das erste Mal haben sie 1981 für «De Franzos im Ybrig» zusammengearbeitet, in dieser Geschichte spielte schon die Figur des Sargtoni mit. Es folgte «Güdelmäntig». Zuletzt war von ihnen «De Casanova im Chloschter» in Einsiedeln zu sehen. Diese Produktionen sind alle, wie «Was ihr wollt», Liebeserklärungen an ein Theater, das so spricht, wie die Menschen sprechen, so wie sie sind.

Auf dem Glatteis: Sargtoni (in Schwarz) und das Mitensemble. Bild: Emanuel Wallimann

In den Freilichtspielen Luzern spielen Laien mit Profis zusammen. Das gibt jeder Produktion einen eigenen Ton, von «Ein Luzerner Sommernachtstraum» (2007) bis «Die Stadt der Vögel» (2017). Dieses Theater mit dem sehr ambitionierten Programm zeitigt Wirkung. Denn die Menschen werden mitgerissen vom Spiel. So geht es dem EWL-Beamten im Hawaii-Hemd. Am Anfang ist er noch am Rand gestanden und hat Bier am Kiosk getrunken. Dann ist Herr Junker in die Rolle des Sir Toby geschlüpft – ein Tuch über dem Alltagskleid genügt, und schon ist man in einer anderen Welt. So ist es übrigens auch Junkers Frau gegangen. Eine ähnliche Metamorphose machen im Stück die Tiere durch. Aus einem Delfin wird eine Ente, die dann so einen Hirsch lieben kann.

Wir folgen allen diesen Figuren durch das Stück, wie Viola, die an den Strand gespült wurde, sich als Boy ausgibt, um einen Job bei Herzog Orsino zu bekommen, den sie als Kind schon liebte, dann von ihm als Brautwerber ausgeschickt wird, um Olivia zu gewinnen. So geht es immer weiter, bis auch wir den Überblick ein bisschen verlieren. Wer ist wer? Wer will wen? Und für welchen Preis? Manchmal geht es in diesem Liebes-Durcheinander der Gefühle zu und her wie auf einer Eisdisco. Eine Jukebox steht als mobile Gefühlsschmettereinheit auf der Bahn. Sie ist programmiert auf Schlager, von «Junge, komm bald wieder» bis zu «La Paloma». So tönt Abschied und Wiederzusammenfinden. Das Theater findet auch die schönen Bilder dazu.

Eisprinzessinnen mit Glamour

Alles in allem ein tolles Spiel, wenn auch manchmal vieles fröhlich wackelt. Man befindet sich eben immer auf Glatteis – und manchmal krachen die Spieler mit Karacho in die Banden. Eleganter machen es die Eisprinzessinnen, die hier mitwirken, sie bringen in ihren Glitzerkleidchen richtig Glamour und auch den Versuch von Pirouetten auf die Eisfläche.

Gegen halb elf Uhr steht der Mond über der Bühne. Die Nacht ist für die Menschen in diesem Spiel bald vorbei, und langsam löst sich auch das Beziehungsknäuel auf. Es folgt eine grosse Hochzeit, das Ensemble formt sich zum Kreis. Nur Haushofmeister Malvolio, dem böse mitgespielt wurde und der sich zum Idioten machte, sitzt traurig und allein in der Ecke.

Das letzte Wort hat wieder Sargtoni, er zieht die Plache über die Eisfläche. Und wünscht uns dann: «Guet Nacht mitenand!» Wie es nur ein Tod sagen kann.

Bis 14. Juli

Erstellt: 12.06.2019, 13:42 Uhr

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