Sie jagen das Patriarchat – und sich selbst

Theater mit und über Frauen versteckt sich nicht mehr, auch nicht hinter Ironie. Wie jetzt am Zürcher Theater Spektakel.

Kreischen, Schreien, Ausrasten: «Saison Sèche» am Theater Spektakel. Foto: Jean-Luc Beaujault

Kreischen, Schreien, Ausrasten: «Saison Sèche» am Theater Spektakel. Foto: Jean-Luc Beaujault

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Zeit, zu schreien! Sie tuns, auf den Strassen – und auf den Bühnen des Zürcher Theater Spektakel.

Nun ist es ja nicht so, als sei die Unterdrückung der Frau am Theater noch nie thematisiert worden. Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenheim» beispielsweise wurde 1879 uraufgeführt. Seither haben es die in der Gesellschaft oft ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen auf verschiedenste Weise auf die Bretter geschafft, die bekanntlich die Welt, also vor allem die patriarchale Welt, bedeuten; beliebig ins Repertoire greifend, zieht man etwa Elfriede Jelineks «Krankheit oder moderne Frauen», uraufgeführt 1987, heraus oder Eve Enslers «Vagina Monologues» von 1996. Aber neue Frauen-Performances aus Europa und aller Welt machen klar: Da geht noch was. Besser: Da muss noch was gehen!

Emanzipation heisst Befreiung für alle

Denn eine gleichberechtigte Gesellschaft würde anders aussehen, sich anders anfühlen. Wie verkehrt es noch zu und hergeht und welche Wut in den Frauen brodelt: Das skandierten die beiden Auftaktveranstaltungen des 40. Zürcher Theater Spektakel auf die Bühne – in der Werft «Saison Sèche» der Franzosen Phia Ménard und Jean-Luc Beaujault und im Haus Nord «Paisajes para no colorear» («Landschaften nicht zum Ausmalen») der chilenischen Gruppe Teatro La Re-Sentida.

«Weibliche» Intimität, sprachlicher Feinstrick widerständiger Netze, lange Ich-Entdeckungsreisen und auch Spott und Ironie scheinen erst mal passé. Frau klagt und schreit, zeigt nackten Körper und nacktes, ungenormtes Begehren: Emanzipation heisst auch Befreiung der LGBTQ-Community. Das Frauentheater hier und heute versteht sich als Demonstration, als eine Art dramatischer Pussyhat-Marsch; wobei es im Fall der Chilenen eher ein Marsch des Grünen Halstuchs ist.

Tödliche Abtreibungsgesetze

Diese werden mittlerweile in ganz Lateinamerika als Zeichen der Bewegung für die Legalisierung der Abtreibung und das Recht auf Selbstbestimmung der Frau umgebunden. Davon, wie krass dieses Recht in Chile beschnitten wird, erzählen und spielen in «Paisajes» neun Teenies zwischen 13 und 17 Jahren.

Ironie wäre unangemessen: Die chilenische Gruppe Teatro La Re-Sentida am Theater Spektakel. Foto: Christian Altorfer

Da erfahren wir von einer Zehnjährigen, die, jahrelang missbraucht vom Stiefvater, schwanger wurde, aber laut Richterspruch nicht abtreiben durfte. An Backfisch Angi wiederum wird auf der Bühne das brutale Züchtigungssystem vorexerziert, das chilenische Erziehungsheime praktizieren, wenn die Mädchen nicht spuren. Und es werden Namen von Todesopfern des Systems rezitiert.

Dass die Lesbe der Gruppe ihre Liebe nicht ausleben darf und ein gender-fluides Kind als «Freak» gemobbt wird und in eine Prinzessinnenrolle hineingequetscht werden soll, an der es schier zerbricht: Diese Vignetten augmentierter chilenischer Realität sind freilich um einiges näher dran am Alltag hiesiger Teenager. Jene im Publikum fühlen sich sichtlich betroffen.

Weinen, Brüllen, Schreien

«Die Szene hat vielleicht einen geringen künstlerischen Wert, ja, aber das Soziale steht über dem Künstlerischen»: Den flapsig-selbstironischen Spruch hat La-Re-Sentida-Regisseur Marco Layera in eine frühere Arbeit infiltriert. Und er hätte hier auch gepasst. Aber Ironie wäre unangemessen und feige, wenn junge Frauen die harten statistischen Fakten rapportieren und blutige Einzelfälle aus jüngster Zeit nachstellen. Wenn sie weinen, brüllen, sich krümmen unter der Knute des Patriarchats, das ihren Körper zur Verfügbarkeit verdammt – und ihren Geist.

Ähnlich wehrt sich auch die erstklassige Performerin und Regisseurin Phia Ménard, die 2008 ihren männlichen Geburtsnamen samt der zugehörigen Geschlechteridentität ablegte, gegen künstlerische Distanz und Aufgeblasenheit. «Ich hasse die Sakralisierung von Künstlern», hält sie einmal fest. «Ich brauche Fleisch, Schweiss, Ehrlichkeit», sekundiert Jean-Luc Beaujault. In einer normativen Gesellschaft sich selbst zu sein, sei eine Tortur und total riskant in einer Ära der Dauerkontrolle. Gender als Zuweisung sei obsolet und müsse deprogrammiert werden, so schwer das auch sei; Theater könne da zur Verbesserung der Welt beitragen. Dieses schon, zumindest für 90 Minuten.

Trailer zu «Saison Sèche», Quelle: Youtube

Wie schwer es wirklich ist und wohin man hier mit dem Theater trotzdem kommen kann: «Saison Sèche» findet dafür eine schlicht überwältigende, dabei fast wortlose Darstellung. Die weit abgesenkte Decke lastet auf sieben hilflosen Gebärenden in ihren Spitalhemdchen, welche die Genitalien entblössen. Nach der Geburt von Puppen, die sich als Farbbehälter entpuppen, wagen die splitternackten Frauen eine Kriegsbemalung und rituelle Tänze, bevor sie wieder und wieder eingekesselt und niedergeworfen werden. Kreischen, Schreien, Ausrasten.

Revolution im Kleinen

Schliesslich erfinden sie sich als Männer neu, wo sie jedoch ebenso im Klischee gefangen sind wie als Frauen: Ménard hat genau hingeschaut und überträgt grobe wie subtilere Machismen in eine hochexakte, grossartige Tanztheater-Grammatik. Das zotige «Je te claque la chatte» aus der Ouvertüre des Stücks wird Körpersprache. Erst am Schluss werden buchstäblich alle Mauern eingerissen, Gender-Fesseln gesprengt. Es sei im Grunde eine Jagdexpedition gegen sich selbst und die althergebrachten Muster in uns, erklärt Beaujault.

Auf eine solche gehen auch die jungen Chileninnen, retten sich zwischendurch ins graffitiverschmierte Ibsensche Puppenhaus (Bühnenbild: Pablo de la Fuente) und rocken dort ab – mit angesagten Songs, die auch die Zuschauer mitreissen. Revolution im Kleinen, ein Hauch von Selbstkritik, der den aufrüttelnden Ruf zum Umsturz begleitet. Ihm schuf das Theater Spektakel den nötigen Hallraum.

Sie schrien. Wir klatschten.

Phia Ménard, Freitag/Samstag, 19 Uhr. La Re-Sentida, Freitag/Samstag, 20.30 Uhr.

Erstellt: 16.08.2019, 16:17 Uhr

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