Sie spielen wie gedruckt

Das Theater Kanton Zürich bringt in der neuen Saison viele Schweizer Stoffe auf die Bühne. Aber weshalb wagt es sich nicht, Mundart zu sprechen?

Ein Bravo auf den Zürcher Goalie: Nicolas Batthyany spielte das Stück nach Pedro Lenz 39-mal. Foto: Judith Schlosser

Ein Bravo auf den Zürcher Goalie: Nicolas Batthyany spielte das Stück nach Pedro Lenz 39-mal. Foto: Judith Schlosser

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Das Theater Zürich redet Dialekt mit uns: «Isch öppis?», fragt der Kugelfisch auf dem Imageplakat für die neue Saison. Aber die Stücke geben in einer anderen Sprache Antwort. Denn «Zwingli Roadshow» tönt nicht unbedingt Züri­tüütsch. Auch wenn dieses Projekt von Brigitte und Niklaus Helbling, das die Spielzeit eröffnet, vom Glauben gestern und heute in der Zürcher Landschaft handelt – Zwingli und Co. sprechen auf der Bühne wie gedruckt.

Und doch: Die Haussprache des Theaters Kanton Zürich ist das Zürichdeutsch. Aber es gilt ein strenges Verbot: «Deutsche dürfen nicht Schweizerdeutsch sprechen, das find ich gruusig», sagt Hausherr Rüdiger Burbach halb im Scherz. Als Burbach vor 25 Jahren als Dramaturg von Deutschland ans Schauspielhaus Zürich kam, arbeitete dort ein Disponent, der ein richtiger Preusse war – und schauderhaft Schweizerdeutsch sprach. «Ich habe selten Schweizer kennen gelernt, die das gerne haben. Die Versuche: ja. Aber die Durchführung: eigentlich nicht.»

Caveman kommt aus Solothurn

Manchmal haben auch Schweizer Mühe mit dem Schweizerdeutschen auf der Bühne. Ein Basler wollte am Schauspielhaus im Märli-Stück nicht Dialekt sprechen; seine Begründung war, er dürfe sich doch sein gutes Bühnendeutsch, das er sich über die Jahre in Deutschland angeeignet habe, nicht versauen. Aber es gibt auch das Gegenteil. Rüdiger Burbach kennt viele Schweizer Schauspieler, die in der Mundart auf der Bühne ganz anders sind: sicherer, spielerischer, mit grösserer Bandbreite. Die eigene Sprache vermittelt auch Nähe.

Rüdiger Burbach hat einige Produktionen als Dramaturg begleitet, die auf Schweizerdeutsch gespielt wurden, «Narzissen» zum Beispiel im Casinotheater Winterthur, und auch einige auf Schweizerdeutsch inszeniert wie das Stück «Caveman». Sein Swiss Caveman sprach dann Solothurner Dialekt. In «Traumfrau Mutter» haben die Schauspielerinnen die verschiedenen Schweizer Dialekte richtiggehend zelebriert. Burbach hat auch einige Stücke vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt.

Eigentlich sollte ein Stück für Schulen in Mundart gespielt werden. Aber da wurde geraten, es auf Hochdeutsch zu geben. 

Das Theater Kanton Zürich wäre also ein guter Ort für einen Swiss Molière. Reinhart Spörri, der Gründer des Wandertheaters, das in Winterthur domiziliert ist, brachte 1996 zum 25-Jahr-Jubiläum Molière im Dialekt auf die Bühne. Sein eingebildeter Kranke war «De Grochsi». «Wir haben den Auftrag, Volkstheater zu machen», sagt auch Burbach. «Es ist aber nicht so, dass wahnsinnig viel auf Schweizerdeutsch geschrieben wird, in der Dramatik ist das sehr selten der Fall. Über einen zweiten Molière auf Schweizerdeutsch müssten wir mal nachdenken, vielleicht zum 50-Jahr-Jubiläum.» Man ist also eher mit Übersetzen beschäftigt oder sucht sonst nach Stoffen. So ein Fall war «Servus Kabul» von Jörg Graser, als «Grüezi Kabul» kam das Stück auf die Bühne des Theaters Kanton Zürich. Die Bayrische Volkstheatertradition lässt sich aber nicht so einfach auf Schweizer Verhältnisse übertragen. «Grüezi Kabul» funktionierte nicht besonders gut auf der Bühne – was aber nicht unbedingt an der Sprache lag, sondern an der Regie.

«Man kennt den Roman, man kennt den Film, und so wollen die Menschen auch das Theaterstück haben.»Rüdiger Burbach

Dabei war die zürichdeutsche Adaption von Pedro Lenz’ Erzählung «Der Goalie bin ig» am Theater Kanton Zürich ein grosser Erfolg: 39-mal spielte Nicolas Batthyany das Solostück. Auf die Sprachform kommt es hier aber gar nicht so an. «Man kennt den Roman, man kennt den Film, und so wollen die Menschen auch das Theaterstück haben», sagt Burbach. «Wir waren sehr happy, dass wir das machen konnten.»

Und er wäre auch glücklich über weitere Stücke auf Dialekt: zum Beispiel «Die schöne Fanny» von Pedro Lenz oder Arno Camenischs «Der letzte Schnee». «Das sind Stoffe, über die wir für die Bühne nachdenken. Die Schauspielerinnen und Schauspieler dafür hätten wir.» Camenischs Kunstsprache, die mit dialektalen Einsprengseln durchsetzt ist, gefällt Burbach sehr, und von Pedro Lenz ist er ohnehin Fan.

Beckett für das Volk

Andere wünschen sich den Dialekt aus dem Theater weg. Das Volksschulamt des Kantons Zürich gehört zu dieser Fraktion. Eigentlich sollte das «Klassenzimmerstück», mit dem das Theater Kanton Zürich in der nächsten Saison die Klassenzimmer stürmt, in Mundart gespielt werden. Aber da gab es die Empfehlung, die Geschichte doch bitte auf Hochdeutsch zu geben. Im Klassenzimmer soll man nicht Dialekt sprechen.

Die Dialektform ist auch in den Gemeinden kein grosses Verkaufsargument. «Unser Bedürfnis nach Mundarttheater ist bei uns fast grösser als draussen auf den Dörfern», sagt Burbach. Das Laientheater darf im Dorfsäli Dialekt sprechen, aber «vom Theater Kanton Zürich wird oft Höherstehen­de­res erwartet». Immerhin hat es aber einmal «Warte uf de Godot» gegeben, Urs Widmer schrieb die schweizerdeutsche Fassung von Becketts Stück. Ruedi Walter und Jörg Schneider feierten damit im Tramdepot Tiefenbrunnen einen Triumph.

Und wie hält es Rüdiger Burbach, geboren 1966 und aufgewachsen in Frankfurt am Main, mit dem eigenen Dialekt? «Ich hätte gesagt, dass wir zu Hause Hochdeutsch geredet haben, schliesslich komme ich ja aus einem Lehrerhaushalt.» Aber kürzlich hat er sich eine selbst aufgenommene Musikkassette aus seiner Jugend wieder angehört. Als die Musik endete, hörte er auf einmal jemanden in heftigstem Hessisch einen Vortrag üben. Wer redete da? Die Antwort: «Ups, das bin ja ich. Ich habe mich fast nicht erkannt», sagt Burbach. «Ja, ich würde sagen, da war ich birebitzeli nicht akzentfrei.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2018, 18:48 Uhr

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