Sie spielte gegen den Tod

Miriam Maertens, Ensemblemitglied des Schauspielhauses Zürich, sollte bereits als Kind sterben – sie leidet an einer Erbkrankheit. Bericht einer Überlebens-Künstlerin.

Auf der Bühne scheinbar mühelos im Fokus, privat war sie sterbenskrank: Schauspielerin Miriam Maertens.

Auf der Bühne scheinbar mühelos im Fokus, privat war sie sterbenskrank: Schauspielerin Miriam Maertens. Bild: T & T Fotografie

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Vorsicht mag die Mutter der Porzellankiste sein – aber Scherben bringen Glück. Miriam Maertens verhält sich jedenfalls grundsätzlich ganz und gar nicht vorsichtig. Am Freitag stand sie gar mit angeschlagener Stimme auf der Pfauenbühne und sprudelte in Herbert Fritschs Uraufführung seines Krimi-Variétés «Totart Tatort» munter mit, inklusive Gesangssolo. Allein letzteres ist ohnehin ein Wunder.

2012 musste sich die Schauspielerin einer Lungentransplantation unterziehen – und was die Ärzte da in letzter Minute aus ihrem Körper herausschnitten, war nicht mehr als ein «löchriger, eitriger Fetzen», zerstört durch die Erbkrankheit Mukoviszidose. So erzählt es Miriam Maertens im Buch «Verschieben wir es auf morgen», aus dem sie heute in der Pfauenkammer liest. Und sie singt auch dazu, etwa Gisbert zu Knyphausens «Licht dieser Welt»: In das soll man sich hineinwerfen trotz aller Zweifel, aller Wut, die Teil eines jeden Lebens sind. «Das ist meine Philosophie, und mit diesem Song kriegen wir sie alle», lacht die Künstlerin des Überlebens unter ihrem dicken, dunkelblauen Schal, als wir uns vor der Premiere auf einen Tee treffen.

Nein, «die Kranke» hatte sie nie sein wollen. Auch ihr Buch darüber mit dem Untertitel «Wie ich dem Tod ein Schnippchen schlug» legte sie dezidiert nicht als Krankheitsreport an, sondern als Mutmach-Lektüre und Feier des neugeschenkten Lebens. «Auch wenn das wie ein Klischee klingt», räumt sie ein. Im Kopf entstand es bereits in der Reha, nach der OP: Jetzt endlich konnte sie ihn zulassen, den Blick zurück auf ein Leben wider alle Wahrscheinlichkeit. Und als der Ullstein-Verlag bei ihr anklopfte, hatte sie das Manuskript bereits in der Schublade.

Allen Prophezeiungen zum Trotz

«Als Kind hab ich mich quasi immer nach oben zu den Robusten hin orientiert. Bei einer chronischen Krankheit kann man sich entweder total ins Leiden fallen lassen oder dagegen mit aller Macht ankämpfen. Und der Wille dazu war von Anfang an in mir drin. Ich bin ein Fighter.» Sie machte bei den wilden Spielen der gesunden Kinder mit. Sie wurde wider alle Warnungen schwanger (das würde ihr Körper nicht packen, hiess es; dass das Kind die Krankheit nicht haben würde, war dagegen sicher). Sie hielt ihre unheilbare Krankheit so gut wie möglich geheim. Und lebte, allen Prophezeiungen zum Trotz, weiter und weiter.

1970 als Tochter des Hamburger Thalia-Schauspielers Peter Maertens und als Enkelin des Thalia-Intendanten Willy Maertens geboren, zeigte das Mädchen bald deutliche Symptome der Krankheit, an der, unerkannterweise, wohl schon die Schwester halbjährig gestorben war. Man riet den Eltern, Miriam in ein Heim zu geben, damit ihr früher Tod nicht so traumatisch für die Familie mit den Buben Kai und Michael ausfalle. Doch da waren die Ärzte an die Falschen geraten. «Die Familie gab mir unheimlich viel Kraft, besonders meine Mutter.»

Man glaubt kaum, dass diese Frau, die sich auf der Bühne scheinbar mühelos in den Fokus spielen kann, tatsächlich sterbenskrank war während vieler Jahre als Ensemblemitglied des Schauspielhauses Zürich; dass sie vor Auftritten stundenlang inhalierte, um es zu schaffen.

Seit Herbst 2005 ist Miriam Maertens fix an dem Haus, das sie nun am Ende von Barbara Freys Direktion, trotz Angebot der Nachfolger, Richtung Hannover verlassen wird. Auch da gilt für sie: Lieber mal ein bisschen Porzellan zerschlagen; lieber mal die Gemütlichkeiten und Biederkeiten von 14 Jahren Zürich hinter sich lassen; Neues wagen nach dem Häuschen in Leimbach, einer Zwischenstation am Züriberg – «das superreiche Pack stösst mich irgendwie ab» – und einer tollen Zeit am Römerhof.

Ungeschönte Emotionalität

Der 18-jährige Sohn wird dableiben, er macht eine Lehre in Küsnacht. Und Miriam Maertens wird zu Besuch kommen nach Zürich, die Stadt, die für sie so viel Unerwartetes bereithielt: eine grosse Liebe, den Vater des Sohnes (der heutige Lebensgefährte lebt auf Sylt). Eine gute berufliche Heimat, die zu bleibenden Freundschaften führte und zu Begeisterungen, etwa für Regisseur David Dusan Parizek. Und eine hohe Lebensqualität.

Aber die Schauspielerin weiss auch: «Für Intendanten ist Zürich schwer zu knacken, es ist entschieden keine Theaterstadt. Manche Stücke wären anderswo viel besser angekommen als hier», ist sie überzeugt. «Trotz des treuen Stammpublikums: Manchmal fühlt sich das an wie vergebene Liebesmüh.» In Wien, wo der Bruder Michael am Burgtheater engagiert ist, sei der Theaterbesuch eine Selbstverständlichkeit für jung und alt. Und Schweizerin zu werden, war nie eine Option für die eingefleischte Hamburgerin, auch wenn der Sohn die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt.

Aber egal wo: Theaterspielen war für Miriam Maertens stets ein Gesundbrunnen, selbst wenn es sie kräftemässig an Grenzen führte. In Rollen schlüpfen, die Freiheit haben, jemand anders zu sein: Was wäre erfrischender? Höchstens, wie sie zu ihrer Überraschung entdeckte, das Schreiben. «Erst musste ich alles sortieren, aber plötzlich ging eine Klammer auf im Kopf.» Statt Geheimhaltung Öffnung: Die Erinnerungen flossen – und als Leser staunt man über die Detailgenauigkeit und ungeschönte Emotionalität.

Dann schaut Miriam Maertens im Gespräch wieder nach vorn und schwärmt vom See, in dem sie mit ihrem schwarzen Labrador Karenin schwimmen wird, noch einen letzten Frühling: «Ab Ostern fang ich an!» Vorsicht? Ach was.

Miriam Maertens: Verschieben wir es auf morgen. Ullstein Leben. 267 S., ca. 28 Fr. Morgen Lesung mit Livemusik, Pfauenkammer, 19.30 Uhr.

Erstellt: 26.02.2019, 14:06 Uhr

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