So schräg war das letzte Jahr

Steff La Cheffe als Loredana und weitere tolle Nummern: Im Casinotheater Winterthur ist die satirische Show «Bundesordner 2019» zu sehen.

Das Jahr singt seine Lieder. Und grüne Mäuse sind in diesem satirischen Rückblick auch dabei.

Das Jahr singt seine Lieder. Und grüne Mäuse sind in diesem satirischen Rückblick auch dabei. Bild: Michael Bigler

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Im Regal auf der Bühne eine Reihe von Biella-Bundesordner, klassisch die Farben. Abgeheftet ist dort, was das Jahr uns brachte, als wäre alles schon unter dem Deckel. Im satirischen Jahresrückblick das Casinotheaters Winterthur wird auf der Bühne jetzt ausgebreitet, was die Zeit bewegte. Hier sticht zu Anfang eine Farbe heraus: Es ist das Violett. Viel Grün kommt später dazu.

Eine Marke ist dieser «Bundesordner» selber geworden. Seit 2008 ist diese Show fester Teil des Casinotheater-Programms. Die Münchner Lach- und Schiessgesellschaft stand hier mit ihrer Jahresend-Produktion einst Pate. Aber eben: Biella steht für die Schweizer Ordnung, und mit dieser Hebelmechanik kennt sich die Regisseurin Fabienne Hadorn aus. In ein Format bringt sie Comedy, Puppenspiel, Musik und Gesang. Von Pappe ist das nicht. Denn manchmal tun die Nummern richtig weh. Der Abend zeigt Kante.

Wieder dabei in dieser Ausgabe: der Sänger und Comedian Nils Althaus, der Vaterschaftsurlaub ist sein Thema. Was für ein Jahr!, versucht er zu sagen: Schon zwei Wochen zu Hause beim Kind sind für einen Mann eine Qual! Schnell mit dem Jammeri ab in die dunkle Ecke. Denn im Licht stehen am Anfang die Frauen. Es ist Frauenstreik! Eine halbe Million Menschen auf der Strasse, die grösste Manifestation seit dem Generalstreik. Da spielt die Musik auf der Bühne, famose Begleiter sind Resli Burri und Pascal Bussex von Les trois Suisses. Was ist vom Frauenstreik aber geblieben?, fragt die Slam-Poetin Lisa Christ. «Eine violette Fahne im Keller.»

Auf zum Frauenstreik und mehr. Bild: Michael Bigler

Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter vom Duo Schön & Gut bringen den Jahreslauf aufs Plakat, «Klima-Erwärmung sei Dank» tragen sie vor sich her. Damit buchstabieren sie sich durchs Register eines Jahres, zu den verschwundenen Dingen zählen sie Schawinski und seine Sendung. 2018 war es noch das männliche Nördliche Breitmaulnashorn. Immerhin zeigt die Puppenspielerin Kathrin Bosshard den Neuzugang der Saison: der Wurm aus dem SVP-Apfel. Grüne Mäuse sind auch dabei.

Natürlich, könnte man sagen: Das ist Mainstream im Kabarett. Man macht sich lustig über Roger Köppel, Blocher und auch Ueli Maurers Auftritt im Weissen Haus: «Togethe ahead!» Donald Trump kommt traditionellerweise nur am Rand vor in diesem Rückblick – orange Haut, kein Hirni, das ist es auch schon gewesen.

Die Welt in Flammen

Wenn das Jahr sein Lied singt, tönt es manchmal schaurig. Denn die Welt zeigt sich in Flammen: Notre-Dame, Kalifornien, Australien. Oder Venedig versinkt im Wasser. Die Schweizer, so zeigt sich, haben aber, was Katastrophen angeht, nur ein Bild im Kopf, es ist der Wimbledon-Final. Zu Roger Federer gibt es eine sehr schöne Pointe. Es heisst, niemand könne etwas verlieren, wenn er schon alles hat.

Eine Frau schlägt aber Federer. Es ist Loredana. Steff La Cheffe hat ihren Auftritt mit einer Hommage an die Gangsta-Sonnenbrillen-Rapperin, die es vom Boulevard nach oben geschafft hat. Steff La Cheffe, die viel besser als Loredana rappen kann, bringt so etwas wie die Basslinie in diesen Abend rein. Sie zeigt, wie viel Power die Frauen haben. Mit Greta, der Ikone des Jahres, öffnet sich wieder ein ganz anderer Ordner.

Nicht schmerzfrei ist dieser Abend. Das Jahr hat für den deutschen Kabarettisten Jess Jochimsen mit einem Bandscheibenvorfall begonnen. Per Video-Einspieler meldet er sich aus Freiburg mit einem Seitenhieb auf die deutsche Politik. Karl Lagerfeld kommt auch vor. Und weil der sich so heftig über Jogginghosen echauffieren konnte («Wer solche Hosen trägt, hat die Kontrolle über das Leben verloren»), tragen am Schluss alle auf der Bühne Freizeitgewand. Weil erstens: bequem. Zweitens: ist die Welt eh out of control. Zu diesem Stichwort fallen die Biella-Bundesordner aus dem Regal. Das Ende ist nah. Und dann singen alle, fast trotzig: Wir schauen nach vorn. Bis zum nächsten Rückblick.

Casinotheater Winterthur, bis 9. Feb., auch auf Tour, u. a. La Capella, Bern, 24. Jan.

Erstellt: 10.01.2020, 15:40 Uhr

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