Sorry für alles

Wie entschuldigt man sich perfekt? Eine Anleitung in fünf Schritten.

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Vorletzte Woche berichtete ich an dieser Stelle vom WDR, dem grössten Radiosender Deutschlands. Dessen Kinderchor hatte das satirische Lied «Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad» passend zur Klimakrise in «Meine Oma ist ne alte Umweltsau» umgedichtet. Daraufhin brach in den Kommentarspalten der Sender-Facebook-Seite ein Shitstorm los, der natürlich sofort von den Massenmedien verstärkt wurde.

Ältere Menschen seien beleidigt worden, Kinder instrumentalisiert. Der Intendant des WDR sah keinen anderen Weg, als sich «ohne Wenn und Aber» zu entschuldigen. Womit er zwar die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erschütterte und seinem Team in den ­Rücken fiel, aber den Shitstorm über sich hinwegziehen lassen konnte.

Ein kluger Mann: Wir leben in einem Zeitalter der absichtlichen Missverständnisse, der narzisstischen Beleidigtheiten und maoistischen Entschuldigungsrituale. Wer nicht weiss, wann man sich das Mea-culpa-Schild umhängen und mit gebücktem Haupt auf dem Marktplatz erscheinen muss, führt ein Kamikaze-Leben. Weshalb ich hier eine Anleitung zum perfekten «So Sorry» in fünf Schritten geben will.

Erstens: Entschuldigen Sie sich umgehend, am besten präventiv! Warten führt nicht zur Entspannung der Lage, wie rational zu erwarten wäre, sondern wird als Herzenskälte gedeutet. Wenn Sie Pech haben, werden Sie noch vor Ihrer Entschuldigung feiernd in einer Diskothek oder Pizzeria gesichtet. Also: Machen Sie schnell!

Zweitens: Hat man Sie falsch zitiert? Wurden Ihre Worte aus dem Kontext gerissen? Oder haben Sie gar nicht gesagt, was man Ihnen unterstellt? Ganz gleichgültig, wie absurd die Vorwürfe sind: ­Suchen Sie auf gar keinen Fall die sachliche Diskussion! Erklärungen gelten als Rechthaberei, ja Uneinsichtigkeit. Und darauf steht die Höchststrafe.

Drittens: Keine Teil-Entschuldigungen! Schwören Sie Ihren Aussagen zu hundert Prozent ab, auch wenn Sie sie grösstenteils für richtig halten oder gar nicht getätigt haben. Und völlig egal, wie unwichtig oder kompliziert alles ist: Entschuldigen Sie sich «ohne Wenn und Aber». Keine halben Sachen!

Viertens: Solidarisieren Sie sich mit Ihren selbsterklärten Opfern! Haben Sie Spässe über alte Leute gemacht? Dann eilen Sie, wie der vorbildliche WDR-Intendant, sofort ans Krankenbett ihres greisen Vaters. Ist Ihnen eine fiese Bemerkung über Fussballer entrutscht? Erinnern Sie an Ihre Zeit in der vierten Mannschaft des Lokalclubs. Und so weiter.

Fünftens: Bleiben Sie dabei! Wie sich bei der WDR-Affäre zeigte, war der Shitstorm von rechten Netzwerken orchestriert worden, die die ­öffentlich-rechtlichen Medien eh loswerden wollen. Sollten Sie nicht darauf hinweisen? Geht es hier also nicht eigentlich um die Pressefreiheit? Natürlich. Aber jetzt geht es um Sie!

Die vorangegangenen Zeilen könnten Spuren von Ironie oder Gesellschaftskritik enthalten. Der Autor entschuldigt sich rückhaltlos und uneingeschränkt bei seinen Leser*innen. Für alles.



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Erstellt: 11.01.2020, 23:47 Uhr

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