«Theater ist Protest gegen die Kälte der Welt»

Theaterleiter Christian Seiler gibt nach 22 Jahren seine Abschiedsvorstellung – und reflektiert über Chancen und Aufgaben des Theaters an der Schule.

«In der Schule wird zu viel Gewicht auf den Kopf gelegt»: Mit dem Theater gibt Christian Seiler ein Gegengewicht. Foto: Thomas Egli

«In der Schule wird zu viel Gewicht auf den Kopf gelegt»: Mit dem Theater gibt Christian Seiler ein Gegengewicht. Foto: Thomas Egli

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Das Bühnenbild für «To Like or Not to Like» nach William Shakespeare steht: Die Bogengänge mit der antiken Anmutung reichen fast an die Decke. Hinter der Bühne führt ein schmaler Gang in ein kleines, fensterloses Büro, an den Wänden Theaterbilder und begeisterte Schülerpost. Der Zürcher Regisseur Stefan Bachmann ist da ebenso als junger Darsteller zu sehen wie die Zürcher Dramatikerin Katja Brunner: Die AG Theater der drei Gymnasien Rämibühl war von Anfang an – und besonders unter der Leitung Christian Seilers in den letzten Jahrzehnten – eine Art Talentschuppen, wo Künstlernachwuchs entdeckt und gefördert wurde. Nun geht Seiler, der am liebsten in Turnschuhen und Jeans unterwegs ist und in einem Plastiksack zahlreiche Sorten Bio-Tee zur Bewirtung bereithält, in den Ruhestand.

Sie leiten seit 1996 die AG Theater Rämibühl, die 1972 gegründet wurde. Die Schule hat sich seit damals gewandelt. Welche Rolle spielt da heute noch das Theater?
Es ist wichtiger denn je. Erinnern Sie sich an die Demonstrationen vor zwei Jahren gegen die Sparvorgabe von 18 Millionen Franken an den Mittelschulen? Ich beobachte das Schulwesen quasi von aussen und muss sagen: Es wird auf maximale Effizienz gedrillt und läuft Gefahr, seinen Kern zu verlieren. Kantonsschulleiter werden heute genötigt, viel mehr Manager als Hüter der humanistischen Tradition zu sein. Man vergisst, dass der Homo oeconomicus nur eine Erfindung ist und dass wir – um mit Alexander Kluge zu sprechen – am Herzen angebunden sind. Im Theater haben wir die Aufgabe, dieser Angebundenheit ans Irrationale Rechnung zu tragen.

Wie meinen Sie das?
Heiner Müller sagte mal, Theater sei ein Dialog zwischen Körpern und nicht zwischen Köpfen. In der Schule wird tendenziell zu viel Gewicht auf den Kopf gelegt, auf Bewertung und Selektion. Dabei ist Gefühllosigkeit für uns Menschen das Gefährlichste überhaupt. Unsere wichtigste basale Kompetenz ist es, die Neugierde lebendig zu halten, weiterzufragen, wenn die Antwort verkehrt erscheint. Aus dem Selektionsmodus heraus- und in den Entdeckermodus hineinzukommen. Ich halte es mit dem Neurobiologen Gerald Hüther: Nicht utilitaristisches Leistungsdenken, sondern Erfahrung, Emotion und Selbstschöpfung fördern den Menschen. Das Theater zeigt uns die Zonen der Verletzlichkeit. Es ist ein Protest gegen die Kälte der Welt. Es lässt den Menschen fühlen, dass er endlich ist – und was am Ende zählt.

Wie erreichen Sie das in einer schulischen Theatergruppe?
Die Schüler werden nicht immer dümmer, wie oft geklagt wird. Es wäre an der Zeit, eine andere Schule aufzubauen, wo die jungen Erwachsenen bewusst aus der Interdependenz zwischen Kopf, Körper und Gefühl schöpfen. Zum Beispiel wenn im Deutschunterricht Texte nicht nur gelesen, sondern gesprochen werden. Beim Sprechen muss man den eigenen Körperrhythmus spüren. Für mich war die Begegnung mit dem Tänzer und Choreografen Bruno Catalano prägend; seit 2011 arbeitet er in meinen Inszenierungen mit. Wir helfen unseren Ensemblemitgliedern erst einmal, den kopfgesteuerten Leistungsstress abzubauen und in den Körper zurückzukommen. Das dauert, bis sie zu ihrer Mitte kommen: Der Druck ist unübersehbar stärker als früher.

Wie ist das mit digitalen Reizen?
Während der Probe und im Raum herrscht Handyverbot. Das Ding schafft sonst eine Dauerunruhe und zieht Energie ab. Es ist jedes Jahr ein neuer Effort, die Neueinsteiger an den Punkt des Loslassens und Einlassens zu bringen, aber die alten Hasen unterstützen sie dabei. Theater ist nicht mehr wie früher eine bildungsbürgerliche Selbstverständlichkeit. Die Schule müsste ihre Zöglinge an neue Dramatik diesseits von Frisch und Dürrenmatt und ans Theater der Gegenwart heranführen. Es wäre wünschenswert, Theater als versetzungsrelevantes Fach anzubieten, neben Musik und Bildnerischem Gestalten. Und die AG als eine weitere Theateroption. Aber immerhin: Der Andrang ist ungebrochen. Wir mussten sogar eine Alterskeule setzen: Erst ab der 4. Klasse kann man teilnehmen – und trotzdem sind beim Shakespeare dieses Jahr wieder 27 Kantonsschüler dabei.

Wie bringt man die alle unter?
Das richtige Stück für so eine Crew herauszufiltern, ist eine Herausforderung. Meistens sind es auch viel mehr junge Frauen als Männer – daran hat sich in all der Zeit nichts geändert. Aber es ist sowieso stets die Gruppe im Zentrum. Wir haben in «To Like or Not to Like» beispielsweise acht Rosalindes, und die gaben viel Input, was ihren Text angeht. Da sind zehn Prozent Original-Shakespeare, der Rest stammt von mir, der Dramaturgiegruppe und dem Ensemble. Als um 1600 «As You Like It» entstand, war England politisch und kulturell in einem ähnlichen Umbruch wie unsere Zeit; das Theater war eine Art Multiplex-Kino im Rotlichtviertel. Politthriller und Romanze, Sex and Crime vermischen sich hier und provozieren aktuelle Bezüge – vom Trans-Thema über #MeToo bis zur Burn-out-Problematik. Shakespeares Wald Arden wird zum Möglich­keits­karus­sell. Theater: Das bedeutet vor allem und in vollem Ernst Verwandlung.

Ist das kein überholtes Konzept?
Gar nicht! Mich persönlich nervt jede falsche «Casualness», also dieses «Wir performen jetzt hier ein bisschen, ihr braucht das nicht zu glauben». Da frage ich mich: Gibt es die Urszene der Kommunikation noch, wo Menschen sich in die Augen schauen, wenn sie miteinander reden? Wieso soll ich so eine Als-ob-Performance besuchen? Ich will das Ensemble in Metamorphose bringen.

Manche Erwachsene wie auch Junge verbinden immer noch stereotype, recht schlichte Vorstellungen mit dem Begriff «Schultheater».
Es ist ein ewiger Kampf, diese zu durchbrechen. Internet, Kino und Theater dürfen beispielsweise eine Welt spiegeln, die nicht mehr heil ist, aber das sogenannte Schultheater nicht. So können schon etwas nackte Haut und derbere Alltagssprache Anstoss erregen. Wie 2016, als wir Roland Schimmelpfennigs «Push-up 1–3» spielten und schockierte Eltern zu «20 Minuten» gingen. Oder wie 2011, als es bei «Biografien des Hungers» mit Katja-Brunner-Texten zum Eklat kam wegen einer Unterwäscheszene.

Ist es ein guter Moment, um von der Rämibühl-Bühne abzutreten?
Ich persönlich würde gerne mal noch eine grosse Oper von Verdi oder Wagner inszenieren und auch wieder selber mehr spielen. Aber was die AG Theater betrifft, habe ich keine offenen Wünsche mehr. In den 22 Jahren meiner «Intendanz» gab es Krisen zu meistern; der Karren musste immer wieder aus dem Schlamm gezogen werden. Der Umgang mit der Schulstruktur war, bei allem Wohlwollen der Schulleitungen, auch strapaziös. Aber ich habe mich in diesen zwei Jahrzehnten sehr verändert, bin ­offener, direkter geworden – und aus meiner für zwei Jahre angedachten Vernunftheirat mit der AG Theater wurde eine lange, leidenschaftliche Liebes­beziehung.

Erstellt: 03.04.2018, 21:37 Uhr

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Christian SeilerRegisseur, Akteur, Dozent

1953 geboren, übernahm der Schauspieler mit Lizenziat in Germanistik und Geschichte 1996 die Leitung der AG Theater Rämibühl, nachdem der Gründer 1995 überraschend gestorben war. Was als Zwischenspiel gedacht war, wurde Berufung. (ked)

Premiere von «To Like or Not to Like» nach Shakespeare, Aula Rämibühl, Cäcilienstrasse 1, 4. April (19.30 Uhr).

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