Theater müssen mehr leisten

Ein neues Modell für die Theater- und Tanzwelt Zürichs soll regelmässig Häuser und Gruppen in einen Ideenwettbewerb schicken. Aber nicht alle.

Sorgte für politische Aufregung: das Theater Neumarkt. Bild: Keystone

Sorgte für politische Aufregung: das Theater Neumarkt. Bild: Keystone

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Angstvoll erwartet, skeptisch herbeigesehnt: Nun liegt sie vor, die grosse Evaluation «Tanz- und Theaterlandschaft Zürich» der Stadt Zürich. Im Juli 2017 hatte man, als erste Etappe, die Bestandsaufnahme veröffentlicht. Gestern präsentierten Stadtpräsidentin Corine Mauch, Kulturdirektor Peter Haerle sowie der Leiter Theaterförderung Daniel Imboden als Chef des Projekts Theaterlandschaft und die Experten der Grazer Integrated Consulting Group an einer Medienkonferenz im Stadthaus den Schlussbericht.

Er enthält vier Konzeptvarianten und eine kleine Liste von Direktmassnahmen. Die letzte Gesamtschau liege 27 Jahre zurück, so Mauch. Gesellschaft und Theater hätten sich verändert, man wolle daher eine neue Gesamtschau und ein zukunftsfähiges Fördermodell bieten. 2019 soll ein detailliertes Modell den zuständigen Instanzen – Stadtrat, Gemeinderat oder Stimmberechtigte – zur Entscheidung vorgelegt und ins Kulturleitbild 2020–23 integriert werden.

Ziel sind «Erhalt und Stärkung der Zürcher Tanz- und Theaterlandschaft», dies möglichst «budgetneutral», jedoch ohne Sparvorgabe. Der Anfangsverdacht – Überangebot und extreme Profilüberschneidungen – hat sich nicht bestätigt, ein verbessertes Steuerungssystem ist allerdings laut Bericht vorstellbar. In den letzten Jahren hätten einzelne Theater wie die Winkelwiese oder das Neumarkt punktuell für politische Aufregung gesorgt, ohne dass sich durchdachte Zukunftsstrategien ergeben hätten, betonte Mauch. Weil man erkannt habe, dass kulturpolitische Weichenstellungen von den Akteuren prinzipiell mitgetragen sein müssten, waren an der Studie neben der Stadt und den Grazern auch 70 Akteure aus der hiesigen Tanz- und Theaterwelt beteiligt.

Kinder- und Jugendtheaterhaus

Fünf Massnahmen wurden im Bericht bereits herausgemeisselt, die in der Szene breit abgestützt seien und die das Präsidialdepartement auf jeden Fall umsetzen will – egal, welches der Fördersysteme am Ende implementiert wird.

  • An erster Stelle des Katalogs steht die Einrichtung eines Kinder- und Jugendtheaterhauses. Der einst mit grosser Kelle angerichtete Plan eines Kinderkulturhauses sei verbrannte Erde, kommentierte Imboden im Gespräch. Die Idee einer kleineren, fokussierten Institution hingegen habe grossen Zuspruch gefunden. Und bei Umsetzung und Ausstattung könne man allenfalls auf Bestehendes zurückgreifen; viele Formen und Grössenordnungen seien denkbar.
  • Ein Desiderat ist zweitens die Stärkung des Tanzes – wobei die Zauberformel dafür aussteht. Das Zürcher Bekenntnis zum Tanz ist ja nicht neu, zeitigte allerdings keine umwerfenden Resultate. Um Geld oder Infrastruktur gehe es nicht, sagte Haerle daher, eher um die Anbindung von Kompanien, die Kooperation unter Festivals.

Konkreter klingen die restlichen Massnahmen:

  • Drittens die Schärfung der Leistungsvereinbarungen mit den Förderempfängern, etwa im Hinblick auf kulturelle Teilhabe, Jungdramatikerförderung, Einbindung lokaler Gruppen; neu sollen auch die grossen Häuser mit unbefristeter Subvention eine solche Leistungsvereinbarungen unterzeichnen müssen.
  • Viertens der Aufbau eines Produktionsbüros, das den Freien bei ihren Projekten hilft, so bei Networking und Administration. In vergleichbaren Städten kennt man Derartiges, teils wird die Nutzung von den Künstlern bezahlt.
  • Fünftens die Unterstützung – wohlgemerkt nicht die Führung – eines schlichten unkuratierten Raums für niederschwellige, spontane Formate. Dieser soll ohne künstlerische Handschrift funktionieren, etwa nach dem Prinzip «first come, first served». Auch die Zwischennutzung von Räumlichkeiten sei denkbar; auf keinen Fall solle eine weitere Institution zementiert werden, unterstreicht Haerle.

Fordern und fördern

Es ist ein Hauptanliegen des Präsidialdepartements, dem Förderwesen grössere Durchlässigkeit – nach unten wie oben – zu verleihen. Was in allen vier Modellvorschlägen spürbar wird, ist das Bestreben, deutlicher zu fordern und flexibler zu fördern. Letztlich geht es dabei um die Verteilung der rund 60 Theater- und Tanz-Millionen Franken pro Jahr.

Das erste Modell ist eine Weiterentwicklung des bisherigen. In diesem urteilt eine Kommission über die Förderwürdigkeit von Projekten und freien Gruppen – für den Zuschlag ist auch eine Spielstättenbestätigung nötig. Die Hoheit zwischen Kommission, Häusern und Gruppen ist fein austariert. Dieses System habe sich trotz Schwachpunkten insgesamt bewährt, so Haerle. Seine Weiterentwicklung könnte sich am Ende gegenüber den anderen Ansätzen durchsetzen. Es gäbe, als zweites Modell, auch die Option, über eine Abschaffung des Spielstättennachweises mehr Macht zur freien Szene hin zu verschieben. Die Häuser würden zu Slots für die Freien verpflichtet; diese würden das Geld mitbringen. Eine dritte Möglichkeit: die Häuser zu stärken, die Kommission aufzuheben und an die Szene direkt nur kleinere Beträge zu verteilen.

Lieblingsprojekt der Stadt

Die vierte Variante – mit Abstand das Lieblingsprojekt der Stadt – wird «Öffnung» genannt. Es ist das komplexeste Konzept, das auf Entwicklungen am flexibelsten reagieren könne oder diese erst anstosse, sagte Haerle. Ein Teil der Gelder bleibt dabei fix gebunden an bestimmte Produktions- und Koproduktionshäuser wie das Schauspielhaus; kleinere Beiträge gehen an die Freien. Doch ein weiterer Block ist durch eine Jury zu verteilen. Die nicht fixen Häuser und Gruppen müssen bei ihr alle vier bis sechs Jahre Langzeitkonzepte – gern auch Kombiprojekte Haus/Gruppe – einreichen, die miteinander verglichen werden. Gesprächsweise war mal von einem Viertel der Akteure die Rede, die sich dem Prozess stellen müssten, aber dies ist offen. Der Gemeinderat würde einen sehr substanziellen, allgemeinen Theater- und Tanzkredit sprechen und seine Entscheidungskompetenz dann an Jury und Stadtrat übertragen.

Dieses Modell soll bis Ende 2018 ausgefeilt werden. Es hebe die scharfe Trennung zwischen Haus und Freien auf, hiess es am Mittwoch; man werde zur Zusammenarbeit ermuntert. Die Arbeit an längerfristigen Konzepten zwinge die Theatermacher zudem zu vertiefter Reflexion. Willkürliche, retrospektive Einzelfallentscheidungen der Politik, die das Gesamte vernachlässigten, seien bei diesem Wettbewerb der Ideen ausgeschlossen. «Zukunftsfähig» war das Wort, das hier immer wieder fiel.

«Es wäre ein wirklich grosser Schritt mit grossen Chancen – und grossen Risiken», räumte Haerle ein. Als Vorbilder nannte er Wien, Frankfurt, Köln. Ein Plus sei die Chance, den «historischen Kanon» zu öffnen. Auch Häuser würden geprüft. Der Anreiz für besondere Anstrengung sei höher, der Selektionsprozess transparenter. Dass es da einigen Klärungsbedarf gibt – wie sklavisch müsste sich etwa eine neue Theaterleitung an ein altes Konzept oder eine überholte Leistungsvereinbarungen halten? –, ist allen bewusst.

Erstellt: 31.05.2018, 10:29 Uhr

«Schauspielhaus und Gessnerallee betrachten wir als Fixpunkte»

Auch Innovatives solle sich klar messen lassen, sagen die Vertreter der Stadt.

Mit dem jetzt vorgestellten neuen Fördermodell der Stadt sind harte Kämpfe abzusehen. Muss nun auch die Gessnerallee alle vier Jahre um ihre Existenz bangen?
Haerle: Wir wollen Bewegung erreichen, keine Destabilisierung. Schauspielhaus und Gessnerallee mit ihren sehr unterschiedlichen Funktionen und ihrer Grösse betrachten wir als Fixpunkte. Aber generell stimmt: Es kann aufgrund der Qualität der Konzepte zu Veränderungen kommen, neue Ideen erhalten eine Chance, alte sind zu prüfen.
Imboden: Aber wichtig: Wir haben keine «hidden agenda»! Es wären nicht alle beteiligten Theaterleute bis zum Schluss dabeigeblieben, hätten sie den Eindruck gehabt, es ginge ums Wegsparen oder darum, bereits beschlossenen Streichungen das Mäntelchen der Legitimation umzuhängen. Wir wollen die Theaterlandschaft so anlegen, dass sie einen kreativen Schub bekommen kann.
Haerle: Übrigens könnte der Gemeinderat auch heute schon ein Haus kippen, wenn er wollte. Mit dem neuen, inhaltlich abgestützten System wären allenfalls politisch motivierte Spontanentscheide eher weniger möglich.

Laufen die Gruppen und Häuser nicht Gefahr, sich in Antragsstellerei zu verzetteln statt zu arbeiten?
Haerle: Anträge müssen ja jetzt schon geschrieben werden. Zudem: Die jetzige Starrheit im Fördersystem ist strukturell bedingt und historisch gewachsen. Auch im jetzigen System würde sich die Frage der Selektion mittelfristig verstärkt stellen, die Konkurrenz härter werden. Wir meinen, dass das neue Steuerungssystem fairer und transparenter gestaltet wäre und frische Luft aufgrund von Konzepten und Ideen ermöglichen würde. Zudem hätten auch jene erhöhte Chancen, die bisher nie Beachtung fanden.

Inhaltlich läge die Macht bei der Jury, der Entscheid beim Stadtrat. Der Gemeinderat wäre draussen.
Imboden: Es wäre viel Verantwortung für die Jury. Entsprechend gut müsste sie zusammengesetzt sein.

Kinder- und Jugendtheaterhaus, Produktionsbüro, unkuratierter Raum, Jury: Ist das «budgetneutral»?
Haerle: Das wissen wir momentan noch nicht. Ein neues Kinder- und Jugendtheater würde sicher etwas kosten. Die geplanten Massnahmen werden wir bis Ende Jahr konkretisieren und dabei wiederum alle beteiligten Kulturschaffenden einbeziehen. Teil der Konkretisierung wird auch die Prüfung der finanziellen Konsequenzen sein.

Was heisst «Schärfung der Leistungsvereinbarung»? Staatlich gelenkte, mithin unflexible Kultur?
Imboden: Auf keinen Fall. Aber es muss transparente Vorgaben für die städtischen Gelder geben, um eine Erfüllung zu definieren. Wenn ein Theater etwa «Innovatives» zeigen soll wie das Neumarkt – woran misst man, ob es das tut? Hier brauchen wir mehr Klarheit. Auch, beispielsweise, darüber, wie viele lokale Gruppen gezeigt werden müssen.
Haerle: Es braucht eine Balance zwischen Leitlinien und Offenheit.

Mit Peter Haerle und Daniel Imboden sprach Alexandra Kedves

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