Theaterspektakel stemmt zum Jubiläum ein Mammutprojekt

Das 40. Zürcher Theaterspektakel stellt sein Programm 2019 vor. Mit dabei: ein französischer Gaststar und ein Kinderklassiker.

«Infini»: Die neue Arbeit von Boris Charmatz, der als Artist in Residence ans Zürcher Theaterspektakel kommt. Foto: Marc Domage

«Infini»: Die neue Arbeit von Boris Charmatz, der als Artist in Residence ans Zürcher Theaterspektakel kommt. Foto: Marc Domage

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«40 Jahre Zürcher Theaterspektakel, und Zürich kann stolz drauf sein»: So lautete die Ansage des städtischen Kulturchefs Peter Haerle an der Präsentation des neuen Theaterspektakelprogramms. In der Tat: Das Team um Matthias von Hartz hat, mit einem Budget von 5 Millionen, ein internationales Programm mit Anspruch und Biss zusammengestellt und behält dabei auf verschiedene Weise gesellschaftliche Fragen im Blick: Nachhaltigkeit (so mit einem neuen Petflaschen-Bann); Teilhabe und Integration, etwa via gespendete Solikarten und Partizipationsprojekte. Man ist von der Protestjugend der 1980-er zur heutigen fortgeschritten.

Zur Eröffnung bringt also das chilenische Theater La Re-Sentida junge Mädchen und Frauen auf die Bühne Nord, die von Missbrauch und Gewalt in einer patriarchalen Gesellschaft erzählen. Ein radikal feministisches Projekt präsentiert auch die Französin Phia Ménard zum Auftakt in der Werft: Szenen einer weiblichen Revolte. Insgesamt sind allerdings nicht mehr weibliche Künstlerinnen am Festival vertreten als in den letzten Jahren.

Nicht Umsturz, sondern Kontinuität hat sich der künstlerische Leiter Matthias von Hartz auf die Fahnen geschrieben. Eingeladen wurden darum auch Gäste, die in frühen Jahren mittaten und seither glänzende Karrieren hingelegt haben: etwa William Kentridge, der unter anderem die «Ursonate» von Kurt Schwitters performen wird. Auch der Schweizer Dimitri de Perrot oder die Belgierin Anna Teresa de Keersmaeker, deren «Violin Phase» zu den Jubiläums-Geschenken ans Publikum gehört und keinen Eintritt kostet.

Guest Star Boris Charmatz

Davon gibts noch eins: Boris Charmatz zeigt gratis «20 danseurs pour le XXème siècle». Charmatz ist der Guest Star oder Artist in Residence des Theaterspektakels 2019. Im letzten Sommer, beim Einstand als Leiter, implantierte von Hartz erfolgreich das Konzept der Werkschau, weil er gern regelrechte Künstler-Kennenlernpakete schnürt, in denen mehr steckt als zwei Aufführungen einer einzigen Produktion. Und der französische Tänzer, Choreograph und Direktor der neuen Compagnie Terrain wird 18 Tage lang einen Teil der Landiwiese unter freiem Himmel (in einem Pavillon ohne Dach und Wand) zur Bühne machen; auch zur Bühne für alle.

Inspiriert vom letztjährigen Gastspiel hier hat Charmatz einen nachhaltigen Kunstort imaginiert: Sein «Essai à ciel ouvert» sei «Wildniscamp» statt «Luxusoper», sagt er im Programmheft. Fast täglich und bei jedem Wetter gibts dort ein «Public Warm-up» zum Mitmachen, zudem Workshops sowie die Aufführung jüngster Arbeiten. «Infini» etwa wurde vom Theaterspektakel koproduziert. Mit diesem Mammutprojekt mit Charmatz sei man aber schon an die Grenzen des Machbaren gestossen, räumt von Hartz ein.

Kinder sagen, was Sache ist

Zu den weiteren Koproduktionen zählen beispielsweise die Produktion «All the good» der belgischen Needcompany von Spektakel-Routinier Jan Lauwers und die Hongkonger Multmediaperformance «Royce Ng». Ebenfalls eine Koproduktion ist einzige echte Uraufführung das Festivals: «Die unendliche Geschichte» von Kolypan (ab 7 Jahren), in die die Zürcher Gruppe heute einen fetzigen Einblick gab. Ab zehn Jahren empfohlen ist «We All Know What's Happening» der Australierinnen Samara Hersch und Lara Thoms: Sieben Kinder aus Melbourne nehmen die Zustände auf der berüchtigten Flüchtlingsinsel Nauru aufs Korn.

Neben den mittlerweile klassischen Spektakel-Disziplinen Theater, Tanz, Performance, Musik und Zirzensisches – nein, tanzlastig sei das Programm nicht, wehrt sich Theatermann von Hartz – wird heuer erstmal ein Fenster zur «Virtuellen Performance» aufgetan, die mit Kamera und Brillen zugange ist.

Diskursive Inputs wiederum geben in der begleitenden Vortragsreihe «Talking On Water» die niederländisch-surinamische Anthropologin Gloria Wekker und die amerikanische Soziologin Saskia Sassen. Und am gross angelegten Symposium «An Architecture of Bodies» wird auch Richard Sennett sprechen. Das macht Lust zum Mitbauen.

15. August bis 1. September, Landiwiese Zürich Vorverkauf: ab 10. Juli auf theaterspektakel.ch. Verkaufsstelle Bellevue 10.7.-14.8.

Erstellt: 05.07.2019, 18:50 Uhr

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