Tiroler Bergmädchen stemmt Königsdrama

Schlacht zwischen Apparat und Individuum: Nora Schlocker inszeniert am Theater Basel Marlowes «Edward II» – in einer starken Bearbeitung des Österreichers Ewald Palmetshofer.

Bilder, die eine klare Sprache sprechen: Der König (Simon Zagermann) begiesst seinen Lover (Thiemo Strutzenberger). Foto: Alexi Pelekanos

Bilder, die eine klare Sprache sprechen: Der König (Simon Zagermann) begiesst seinen Lover (Thiemo Strutzenberger). Foto: Alexi Pelekanos

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Kot auf dem Kopf, Sabber auf den Lippen und Blut am blossen Leib, den der zerrissene güldene Königsmantel nur notdürftig bedeckt: Da steht ein Mensch in extremis, verreckend, wie von Francis Bacon gemalt. So sieht Simon Zagermanns König Edward II. nach der Pause aus, als er den Kampf um seinen Thron verloren hat – und den um sein Leben bald auch.

Theater in extremis? Schreien tut sie jedenfalls, die zweieinhalbstündige Inszenierung von Nora Schlocker, und das nicht zu knapp. Wie mit Megaphon ist es vorgetragen, das Begehren und Aufbegehren und Niederstürzen im Käfig des Königtums, den die Bühnenbildnerin Marie Roth mit einer harten, rotgoldenen Wand abgeschlossen hat. Begehbar ist er nur über hohe, rotgoldene Stufen; die gierigen Blicke der noblen Peers und des einfachen Volks (also unsere) umzingeln ihn von drei Seiten.

Die Adligen in strengem Schwarz und perfekt gerüschter Halskrause sind ein Staatskörper gewordener Chor, der von Pragmatismus zischelt und von Politik. Der französische Herz- und Bettbube des Königs ist eine Peinlichkeit und Pein, er soll am Hof nicht sein – doch dem Kopf des Staates wurde derselbe verdreht. Edward, taub für die Tipps seiner Peers, erhebt sein Liebesrasen zum Gesetz: «Ich bin die Liebe / schenk mich, wem ich will / Wo ist dem Herrn von ­allen / so ein Herr wie er für alle ist? / Es gibt ihn nicht / drum beug vor keinem mich / allein nur vor der Liebe / diesem Gott / der keiner ist.»

Bearbeitet ohne Übertünchung

Wir verbeugen uns auch. Vor der geradezu königlichen Präsenz Zagermanns, der als kindlich unkluger, leidenschaftlicher Herrscher die Bühne klar im Griff hat, wenn schon nicht sein Reich. Vor Thiemo Strutzenbergers irrem Königslover Gaveston, ein Kunstwerk für sich: Er ist schmieriger Emporkömmling und dauerdiskriminierter Bürgersohn, ein grosser Liebender und rachsüchtiger ­Gigolo, ständig in erotischer Auflösung, zerstrubbelt, Lippen leckend, züngelnd und knutschend, hier katzbuckelnd und da tyrannosaurisch tretend. Vor Hannes Mareks Purcell-inspirierter Glasperlenmusik. Aber am tiefsten verbeugen wir uns vor Ewald Palmetshofer.

Der 1978 in Linz geborene Autor und Dramaturg (Letzteres derzeit in Basel), der im Juni den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, hat Christopher Marlowes Stück «Edward II» (1592) neu «übersetzt», neu verfasst, ohne das Vorbild zu übertünchen. Aus 30 Rollen wurden 10 – für den fokussierten Blick auf die Schlacht von Apparat und Individuum. Der Apparat siegt, und die Überlebenden marschieren als Apparatschiks ­weiter durch die Geschichte. Selbst ­Edwards Söhnchen mit dem zarten Sopran (Noah Zanolari von der Knabenkantorei Basel) wird als Edward III. die eigene Mutter in den Tower werfen und im Finale mit dem abgeschlagenen Kopf des Stiefvaters Fussball spielen.

Marlowes seinerzeit hochmoderner fünfhebiger Blankvers wird dabei nicht zu fernsehtauglichen Dialogschnipseln zerschnitten, sondern in musikalische, treibende Jamben übertragen – siehe oben. Das feuert an und bremst aus, inszeniert Refrains und setzt Akzente. Das Wort «Tauschgeschäft» etwa wird mit verräterischer Regelmässigkeit hineinkomponiert: Die Liebe ist eins, die Politik sowieso, ja, sogar die Religion. Dass Gott tot ist, die Kirche ein Machtapparat und die Liebe ein Störfall, lesen wir schon bei Christopher Marlowe. Bei Ewald Palmetshofer lesen wir es nur ein wenig heutiger und ein wenig lauter; die «amoureuse folie à deux» zwischen König und Gaveston macht Palmets­hofer explizit, wo Marlowe andeutete und offenliess.

Spielversessenes Theater

Und Palmetshofers Landsmännin Nora Schlocker findet für diese Direktheit auch superdeutlich sprechende Bilder: Gaveston im Zuber, der König über ihm, ihn aus Eimern begiessend; der König unter ihm, im Parkett, voyeuristisch geniessend, sich selbst und seine höhere Stellung dabei auslöschend. Später gibt es jenes Spiel aus Unterwerfung und ­Erhebung, Rolle und Entblössung, zwischen der gekränkten, weil von Edward verschmähten Königin (Myriam Schröder) und Mitstreiter Mortimer (Michael Wächter). Mit wehendem rotem Umhang überm weissen Catsuit tritt sie an wie eine Helvetia, um unter Mortimer zu landen, der seine eigene Agenda verfolgt.

«Der Umgang mit Macht», sagt die junge Regisseurin, habe sie am meisten interessiert, und die Frage nach dem privaten Glück und dem des grösseren Ganzen. Diese Frage mache die Story um den König aus dem 14. Jahrhundert ­zeitlos. Und statt sich in Flapsigkeit zu retten, habe Ewald Palmetshofer eine sprachgewaltige, kristallklare moderne Historizität erreicht, die auch sie, Schlocker, in ihrer Inszenierung suche – ­welche seit der Uraufführung an den ­koproduzierenden Wiener Festwochen im Mai noch mal nachgestriegelt wurde.

Überhaupt scheint die Generation um 1980, die unter Andreas Becks ­Direktion gerade das Theater Basel neu erfindet, vor allem eines zu wollen: Sprechtheater – spielen. Simon Stone, Jahrgang 1984, eröffnete die Saison mit dem logorrhoischen Zweiteiler «Engel in Amerika» des Amerikaners Tony ­Kushner; das 1983 geborene, erklärte «Tiroler Bergmädchen» Nora Schlocker wuchtet ein Königsdrama quasi als Goldklumpen auf die Bühne; Julia ­Hölscher, Jahrgang 1979, wird sich an der Stimmenpartitur eines Dorothee-Elmiger-Romans versuchen. Nur der 33-jährige Thom Luz, der grosse, widerständige Zürcher Projektkünstler im Quartett der Basler Hausregisseure, geht eher aus dem Geist der Musik auf theatrale Trips – wie jüngst durchs «LSD»-Land, wo er kurz in Richtung ­Klavierartistik abbog.

Ist das in Basel alles hochgetuntes Theater in extremis? Zum Glück nein. Sondern schlicht extrem spielversessene Textdramatik.

Erstellt: 13.11.2015, 20:03 Uhr

Nora Schlocker, Regisseurin.

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