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Total kaputt – aber eben mit viel Geld

Dürrenmatts alte Dame sucht Winterthur heim. Creepy!

«Und ich bin die Hölle geworden»: Claire Zachanassian (Katharina von Bock). Foto: Toni Suter, Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)
«Und ich bin die Hölle geworden»: Claire Zachanassian (Katharina von Bock). Foto: Toni Suter, Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Nicht schon wieder, möchte man sagen. Denn Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame», 1956 erstmals am Schauspielhaus Zürich gespielt und dann zum Welterfolg geworden, hat die Halbwertszeit längst erreicht. Natürlich ist das Motiv der Verführung durch Geld immer noch aktuell, viel hat sich mit der Zeit in der Welt nicht geändert. Die Schweizer aber haben zu dieser Geschichte ein traumatisches Verhältnis. Zu oft wurde in der Schule durchdekliniert, was dieses Geld aus den Menschen macht. Und wie Claire Zachanassian, in Güllen aufgewachsen und von den Männern als Hure verleumdet, an ihrem ersten Liebhaber Alfred Ill, der sie verraten hat, Rache nimmt. Jetzt hat Regisseur Elias Perrig in seiner Inszenierung für das Theater Kanton Zürich, die am Mittwoch im Theater Winterthur Premiere hatte, dem Stück ein anderes Gesicht gegeben.

Seine alte Dame ist ein Dämon. Ein Racheengel. Ein Monster. Und dazu ein sehr ordinäres Partygirl. Milliardenschwer zwar, aber manchmal billig, Kardashian-Style eben. Das alles ist Katharina von Bock, sie ist das Gesicht dieser Aufführung - und viel mehr: Sie spielt alle Facetten dieser eigentlich unfassbaren Figur. Und wie sie das macht! Mit einer aufgeschminkten Maske wie aus Porzellan tritt sie auf die Bühne – als eine Erscheinung in Stiefel, Lederrock, Fummel-Jäckchen. Tritt ihr dann einer zu nahe, verliert diese Claire schon mal ein Ohr. Denn fast alles ist an ihr Prothese. Recht creepy sieht sie aus, wie in einem Horrorfilm. Gleich auch verstummt das Chörli, das ihr zum Willkomm ein fröhliches Lied singen will. So etwas haben die Menschen in Güllen noch nicht gesehen.

Für Geld machen sie alles

«Ich bin die Hölle geworden», sagt Claire. Sie färbt auch auf ihre Umgebung ab. Ein roter Paravent steht im Raum. Sonst ist dieses Güllen Deko-frei. Also kein Bahnhof, wo die Schnellzüge nicht mehr halten. Kein Wäldchen. Keine Scheune, in der man sich verlustiert. Auch der Stücktext ist gestrafft, weg sind alle Schnörkel. Und mit der Zeit legen die Güllener*innen (soviel Aktualisierung muss doch sein) etwas von der Schminke der alten Dame auf. Wie rückverwandelt stehen Bürgermeister, Lehrer, Polizist und Co. als kleine, verschmierte Dämonen da, die für Geld alles machen.

Willkommen in Güllen! Foto: Judith Schlosser

Und schon sieht man wieder in die Minischweiz hinein, die dieses Güllen ist. Wo der Bürgermeister blafft: Wir sind doch in Europa! Christliches Abendland! Und dann später Ill ein Gewehr vor die Füsse legt und sagt, er solle sich bitte doch erschiessen, wegen der Wirtschaft und so.

Und Ill? Es müsste für ihn ein Alptraum sein. Fast ungerührt geht aber Pit Arne Pitz, der ihn durch und durch korrekt im Anzug mit Pochettli gibt, durch das Stück. Nach seinem Tod beginnt die Party. Jetzt gehts richtig los, sagt die alte Dame, die jetzt wieder ganz jung ist. Nicht schon wieder, möchte man da sagen.

Weitere Vorstellungen: 29. Okt. Theater Winterthur, 26. und 27. Nov. Theater Rigiblick, Zürich.

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