Über die Sehnsucht nach reinigendem Terror

Karin Henkel holte im Schiffbau eine Adaption von Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» mit ihrem Ensemble in unsere fiebrige Zeit, ohne es zu verfälschen. Schwindelerregend.

Ein optischer und akustischer Fieberschub jagt den nächsten: «Die grosse Gereiztheit» im Zürcher Schiffbau. Foto: Matthias Horn

Ein optischer und akustischer Fieberschub jagt den nächsten: «Die grosse Gereiztheit» im Zürcher Schiffbau. Foto: Matthias Horn

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Die Zuschauertribüne ruckelt und gleitet auf Schienen nach vorn: ganz nah ran an die Menschen auf der Bühne und noch näher an jene auf der Leinwand über uns – an die Pickelhaubensoldaten in Schwarzweiss, die bald unter Sepiaklecksern verschwinden; an den monströsen Totenschädel, der aus schwarzen Augenlöchern auf uns herunterstarrt, bis er überblendet wird von einer Clownsfratze mit weit aufgerissenem Mund, der uns verschlingen wird, gleich.

«Destruction!», schreit es irgendwo, die Stimmen von Nachrichtensprechern schieben sich übereinander, der Schnurvorhang reisst auf. Wir blicken auf eine blutverschmierte blau ge­kachelte Seitenwand, auf den Halbtoten, der davorhockt mit Sauerstoffmaske, und auf den teuflischen Entertainer komplett in Weiss, der die Szene dirigiert. Und uns schwindelt. Wie es Hans Castorp schwindelte auf der Zugfahrt von Hamburg nach Davos.

Abenteuer des Fleisches

«Dieses Emporgehobenwerden fing an, ihn zu erregen, ihn mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen», heisst es in Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» über den «ansprechenden jungen Mann», der unterwegs die Orientierung verliert. Hans Castorp fährt auf drei Wochen in eine Höhenklinik und bleibt sieben Jahre, bis ihn der Erste Weltkrieg ins Flachland zurückholt. «Heimat und Ordnung» lässt er sein, klinkt sich aus dem tätigen Leben aus, stürzt sich in Abenteuer des Fleisches und des Geistes.

Und wir stürzen mit, ja sind längst schon im freien Fall, wie uns Karin Henkels buchstäblich umwerfende Mann-Adaption «Die grosse Gereiztheit» nach «Der Zauberberg» spüren lässt. Europa fiebert.

Überall lauert der Schmerz über die Irrtümer des Unpolitischen, denen Mann selbst aufgesessen war.

Auf knapp 1000 Seiten hatte Thomas Mann 1924 die Vorkriegsrasereien ausgebreitet: Das zahnlose Gerede demokratischer Humanisten und die gefährlichen Träume autoritätsgläubiger Antikapitalisten – schaurig-versiffter als Fritz Fennes Aufklärer im Magier-Look geht es kaum, und dass Milian Zerzawys Naphta als Hippie daherkommt, ist geradezu fies.

Die Sehnsucht nach reinigendem Terror treibt alle um – wie auch der Ekel vor dem schlappen Bürger, der fett vor sich hinkonsumiert wie die Kokke im Patienten. Überall lauert der Schmerz über die Irrtümer des Unpolitischen, denen Thomas Mann früher selbst aufgesessen war. Die Inszenierung – die Karin Henkel krankheitshalber nicht zu Ende führen konnte, weshalb für die «finale Leitung» Regieassistent Maximilian Enderle und Dramaturgin Viola Hasselberg zeich-nen – schwitzt aktuelle Gereiztheit aus.

«Empörungskybernetik»

Bernhard Pörksen beschreibt im Programmheft die heutige Seelenlage als «Dauerirritation», als «Empörungskybernetik», heissgelaufen durch «digitale Fieberschübe». Und es ist, als halte uns die Inszenierung gefangen in solcher Irritation; im Irrsinn der Lungenklinik, wo Castorp seinen kranken Vetter – berührend verloren: Christian Baumbach – besucht und dabei in die Zeitgeistkrise gerät. Auch unter uns schwankt der Boden, derweil sich seitlich Bühnengerüste erheben wie Bergflanken – für die gestapelten Räume kostspieligen Verreckens.

Rundum dann Videos, die auf die Netzhaut prasseln. Alain Croubalian, Kay Buchheim und Matthias Lincke bluesrocken live Apokalyptisches. Und die elf Schauspieler sind als Einzelkämpfer irgendwo im Endzeittheater zugange, wenn sie nicht gerade im Chor auftreten: Ein optischer und akustischer Fieberschub jagt den nächsten.

Was ist Sein? Wiederholung!, wiederholt das Stück den Text. So pendeln wir in der Schiffbau-Halle auf der Tribüne immerzu vor und zurück, während drei Stunden verfliessen und Castorp sich, in Gestalt des grandiosen Frauenduos Carolin Conrad und Lena Schwarz, beim Dekadenzeln zusieht; sich selbst imitiert. Bühnenbildner Thilo Reuter hat dafür den Roman quasi nachgebaut: Die Kulissen verdoppeln sich auf verschiedenen Ebenen, Tischchen rotieren auf Mini­velos im Kreis. Alles steckt in einer zeitlosen Endlosschleife.

Für die letzte Schiffbau-Produktion unter Barbara Freys Intendanz wurde gross angerichtet.

«Leben ist nicht mehr als ein Fieber der Materie, von dem der Prozess unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung begleitet ist», sagt Carolin Conrads Castorp. Lena Schwarz repetiert dies auf Französisch und Russisch: ein Verweis auf Castorps Geliebte Clawdia Chauchat im Buch. Auf der Bühne hat er, klar, eine Affäre mit sich selbst, als Mann-Frau, während das mephistophelische Medizintrio es ihm grauslig gemütlich macht: Michael Neuenschwander als zynischer Arzt, Ludwig Boettger als Psychodoktor, Isabelle Menke als strenge Oberin.

Rhythmisiert wird der Totentanz durch die hysterisch-komischen Ausbrüche der Patientinnen (Katrija Lehmann, Friede­rike Wagner), und Gottfried Breitfuss' suizidaler Peeperkorn wuchtet uns eine Predigt wider Rationalismus, Atheismus und Wohlstandswahn aufs Ohr.

Für die letzte Schiffbau-Produktion unter Barbara Freys Intendanz wurde gross angerichtet, der Raum maximal bespielt, Technik aufgefahren, Regietheater zelebriert – und doch dem Roman wunderbar die Treue gehalten. Dass bisweilen, Thomas-Mann-fremd, undiszipliniert die Verzweiflung waberte und der Bombast: Das darf so sein an der mitreissenden Abschiedsparty.

Erstellt: 16.05.2019, 18:18 Uhr

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