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Umzingelt von Mimosen

Über diejenigen Leute, die nur darauf warten, etwas absichtlich misszuverstehen.

MeinungMilo Rau

Seit ich Theater mache, wurden Stücke von mir mit Petitionen belegt. In Brasilien sorgte der Bürgermeister von Rio de Janeiro persönlich dafür, dass drei meiner Performances nicht ­gezeigt werden konnten, in Paris unterschrieben 10'000 Anhängerinnen einer katholischen Kleinpartei eine Petition gegen meine Arbeit, in Russland darf ich seit meinen «Moskauer Prozessen» nicht mehr einreisen. Und in meiner Heimatstadt ­St. Gallen wurde vor zehn Jahren das Stück «Der St. Galler Lehrermord» gleich ein ganzes Jahr vor Probenbeginn abgesagt.

Als Begründung wurde jeweils angeführt: zu krasse Szenen würden die Gefühle der Zuschauerinnen und die Würde der Beteiligten verletzen. Nach einem Gespräch mit den Beteiligten – oder einem Probenbesuch – waren diese Projektionen zwar meistens ausgeräumt, nur war dann der Schaden bereits angerichtet. Denn im Vergleich zum offenen intellektuellen Schlagabtausch schafft diese mithilfe moralinsaurer Petitionen oder dekontextualisierter Zitate und ­Videoausschnitte befeuerte Pseudo-Betroffenheit eine Stimmung der Angst. Umzingelt von Mimosen, die nur darauf warten, etwas absichtlich misszuverstehen, endet die Meinungsfreiheit zwar nicht; aber irgendwie vergeht einem die Lust, sie wahrzunehmen. Denn alles, was man sagt oder tut, kann aus dem Kontext gerissen und gegen einen verwendet werden.

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