Und dann das schwarze Nichts

Über Suiziddarstellungen auf der Bühne.

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Oft werde ich gefragt: Warum immer so drastisch? Warum spielen in «Five Easy Pieces» Kinder die Geschichte eines Kindermörders? Warum darf in «Breiviks Erklärung» ein Terrorist seine Theorien erläutern, warum wird im «Genter Altar» die Schlachtung eines Lamms gezeigt?

Momentan probe ich an einem Stück mit dem Titel «Familie». Die Geschichte ist so simpel wie rätselhaft: Vor sieben Jahren erhängten sich an einem Abend in Calais zwei Eltern und ihre Kinder. Eine völlig durchschnittliche Familie aus dem Mittelstand, mit den üblichen Hobbys von Theatergruppe bis Spaziergängen am Meer. Keine Krankheiten, keine Depressionen, keine Drogen, keine Scheidung, keine Rachegelüste – nichts von alldem, was man üblicherweise aus Familiendramen kennt.

«Es tut uns leid, wir haben es vermasselt», hiess es in ihrem Abschiedsbrief, daneben standen noch ein paar Hinweise, was mit ihren Hunden geschehen sollte. Bei unserem Stück nun ist, wie beim Fall selbst, nur das Ende drastisch. Man schaut sich eine echte Familie an – ein Schauspielerpaar und seine Töchter –, wie sie aus ihrem Leben erzählen und den letzten Abend verbringen. Auf den Videos gucken sie Videos, essen zusammen, telefonieren. Wie jede Familie. Nur dass sie sich am Ende all dieser ­Banalitäten eben erhängen.

«Warum sich nicht gleich umbringen, wenn man sowieso sterben muss», meinte eine der Töchter während der Proben, «es gibt sowieso viel zu viele Menschen auf der Welt.» Nun entzündete sich an der Tatsache, dass die Hängung selbst in ganzer Länge gezeigt wird, eine ­Debatte im Team. Die Belgier seien ein ­melancholisches Volk, deshalb gute Künstler, aber eben auch europaweit auf Platz eins im Bereich Suizid. Die Hängung einer Familie zu zeigen, könne eventuell ein Ansporn sein.

In Wahrheit verhält es sich gerade umgekehrt: Sieht man, wie sich eine Familie erhängt, die man vorher kennen gelernt hat, dann wird aus einer romantischen Geschichte eine schreckliche. Sich erhängen heisst äusserst langsam und qualvoll zu sterben, und was die Kinder angeht, ist es sogar Mord. Der Tod, der in so vielen Kunstwerken von Shakespeares «Romeo und ­Julia» bis zu jedem zweiten Hip-Hop-Song verherrlicht wird – von den gerade in Belgien so einflussreichen Selbstmordvideos der Jihadisten ganz zu schweigen –, ist einfach nur Schmerz. Und dann das schwarze Nichts.

Kurz gesagt: Über Suizid auf der Bühne zu sprechen, ohne zu zeigen, was er wirklich ist, wäre unverantwortlich. Es wäre wie ein Kriegsfilm, der keine Leidenden zeigt – eine verlogene Ästhetik. Man kann es radikal nennen, aber es ist nötig, sich wie in unserem Stück «Breiviks ­Erklärung» ausführlich mit den Gedanken eines Terroristen zu konfrontieren, um zu wissen, was man darauf antworten kann. Es ist nötig wie im «Genter Altar», die Schlachtung eines Lamms zu ertragen, um wirklich zu verstehen, was Fleischessen heisst.

Denn Theater ist genau das: Es ersetzt Vorstellungen durch Erleben, halbe Informationen und Vorurteile durch Erfahrung. Ob diese angenehm sind, ist natürlich eine andere Frage.



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Erstellt: 14.12.2019, 23:39 Uhr

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