Und wie zornig sind Sie?

Christopher Rüping hat nun die erste Saison der neuen Schauspielhaus-Intendanz richtig eröffnet – mit einer Adaption von John Steinbecks «Früchte des Zorns». Die macht uns aber eher tränenselig.

Aus dem Versprechen von Glück und vielen Früchten, dem die hungernden «Okies» glaubten, ist in Christopher Rüpings Inszenierung von «Früchte des Zorns» bald die Luft raus. Fotos: Zoé Aubry

Aus dem Versprechen von Glück und vielen Früchten, dem die hungernden «Okies» glaubten, ist in Christopher Rüpings Inszenierung von «Früchte des Zorns» bald die Luft raus. Fotos: Zoé Aubry

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Gerade haben die Zürcher Google-Mitarbeiter ein Treffen mit Gewerkschaftsvertretern durchgesetzt – gegen den Widerstand aus der Chefetage: Der kalifornische Technologieriese hat Mühe mit hiesigen Arbeitnehmerrechten.

Immerhin: Die Lage ist luxuriös im Vergleich zu den 1930ern, als die kalifornischen Obst- und Baumwollriesen ihre Erntehelfer zu brutalsten Bedingungen malochen liessen und Gewerkschaftsaktivisten wortwörtlich zum Abschuss freigaben. Auch in John Steinbecks Roman-Grosstat «Früchte des Zorns» von 1939 wird einer, der für die dortigen Wanderarbeiter und ihre abgemagerten Kinder die Stimme erhebt, umstandslos totgeschlagen.

Wir Prinzen von Bel-Air

Wie können wir den tödlichen Verhältnissen von damals und heute begegnen, wenn unser eigener Luxus uns nur auf hohem Niveau mit globaler Ungerechtigkeit und kapitalistischer Unmenschlichkeit konfrontiert? Diese Frage stellt jetzt Regisseur Christopher Rüping in seiner Steinbeck-Adaption. Rüpings «Früchte des Zorns», am Freitag im Pfauen geerntet, ist die lang erwartete erste Inhouse-Produktion des Schauspielhauses Zürich unter der Intendanz von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg – und diese Frucht ist oh, so süss! Zum Tränenseligwerden.

Zum Auftakt rappen da Benjamin Lillie und Kotoe Karasawa den Titelsong der Sitcom «Prinz von Bel Air» – dem rotzfrechen Helden bescherte der Umzug in den Sonnenscheinstaat Kalifornien bekanntlich die glückliche Wende. Und Steven Sowah animiert das Pfauen-Publikum zum Mitklatschen.

So lässt sich selbiges bestens gelaunt von einer fünfköpfigen selbsternannten Gucci-Gang – die nonchalant zusammengewürfelte, neonfarbene Klamotten von Nike über Chanel bis, eben, Gucci, spazierenführt (Kostüme: Lene Schwind) – in den weltwirtschaftskrisengeschüttelten, vertrockneten US-Bundesstaat Oklahoma mitnehmen. Man ist bereit für theatralen Elendstourismus samt obligatem Schamgefühlchen: Voll durchtrieben, wie der Regisseur des Jahres 2019 hier nicht bloss mit der sozialkritischen Romanvorlage des kalifornischen Literaturnobelpreisträgers spielt, sondern ostentativ auch mit uns!

Oklahoma ist eine Hungerhölle voller Staub – und Tom (Nils Kahnwald) kann seiner Familie da auch nicht helfen.

In der staub- beziehungsweise kunstnebelerfüllten Hungerhölle formen die Mitglieder der Familie Joad eine Skulptur der Not. Statt bunt tragen sie Schwarz: Bei Maja Beckmanns starker Ma Joad und ihrer schwangeren, 17-jährigen Tochter Rose (Nadège Kanku) sind es die knöchellangen Kleider und klobigen Schuhe der Bauersfrauen aus den 1930ern; ein schlichtes Büezer-Outfit ist es bei dem auf Bewährung aus dem Knast entlassenen Sohn Tom. Nils Kahnwald, Schauspieler des Jahres 2019, lässt die Zerbrechlichkeit des wortkargen jungen Mannes spürbar werden. Es reifen in ihm die titelgebenden Früchte des Zorns, obwohl er in seiner Seele jätet und jätet und kreuzbrav bleiben will, um der Familie beistehen zu können.

Jahr um Jahr verdorrte das Getreide, und nun haben die Joads die Pacht verloren. Darum ziehen sie, wie hundertausend andere bettelarme «Okies», ins Land, wo Milch und Honig fliessen, also Orangen und Pfirsiche gedeihen.

Die Joads ringen und sterben.

Die Früchte sind auf der Bühne von Jonathan Mertz, wie im Leben der Joads, allerdings blosse Luftschlösser, genauer gesagt: Bälle, aus denen bald die Luft raus sein wird wie aus dem uramerikanischen Glücksversprechen. Die Joads ringen und sterben: Opa und Oma überleben den Trip nach Kalifornien nicht, Roses Mann stiehlt sich unterwegs davon, die Rumpffamilie vegetiert schliesslich im Auffanglager, ackert auf den Plantagen, das Baby kommt tot zur Welt. Und Tom, der sich dem Kampf gegen die Ausbeutung verschreibt, muss fliehen.

In diese Jeremiade schneiden die Gucci-Gang-Mitglieder, unter ihnen auch Gottfried Breitfuss und Wiebke Mollenhauer, als Memory-Jockeys und Erzähler immer wieder zartbittere Kalifornien-Standards wie «California Dreamin’». Sie probieren zudem flockige Cover-Versionen aus, collagieren das gefeierte Barmherzigkeits-Gleichnis «The Egg» des Kaliforniers Andrew Weir in die knapp dreistündige Soiree und schalten sich dann und wann als kaltschnäuzige Radiojournalisten dazwischen, die ein paar O-Töne im versifften Camp der migrantischen Sozialschmarotzer einsammeln.

Das hippt und hoppt

Rüping präsentiert Steinbecks beinharten und trotzdem bilderreichen, hochliterarischen Roman, der seinerzeit von manchen als kommunistische Agitprop verteufelt wurde, mit einem medialen und musikalischen Zitatesampling. Das hippt und hoppt und hat dennoch die Aura von Hochkultur. Freilich nicht ihre Tiefenschärfe.

An den Bühnenseiten wird der wunderbare englische Originaltext eingeblendet, an dem wir uns hemmungslos besaufen. Auf den Brettern leiden die Joads in ihrer Endlosschleife des Wehs und der Durchhalteparolen («Es wird schon gehen») – und wir heulen Sturzbäche, wo sie die Tränen unterdrücken («Pa» und etliche weitere Figuren wurden geschickt herausoperiert). Und an der Rampe macht die Gucci-Gang ihre Faxen. Sie verweist dabei auf die unüberbrückbare Distanz zwischen dem Homo ludens in der Komfortzone und dem ausgegrenzten, ausgebeuteten Arbeiter – vom Okie auf der Obstplantage bis zum Bangladeshi in der Textilfabrik.

Golden glitzert der Kaktus, und Rose träumt von einem besserem Leben.

Man pflegt hier sozusagen einen fröhlich-ironischen shabby chic. Aber im Lauf des Abends schälen sich aus dem pfirsichglatten Erzähltheater mit dem angesagten moralischen Anspruch bei bewusster politischer Diskretion, mit den dezidiert oberflächlichen Entertainment-Elementen und den doch eher subkutanen Dringlichkeits-Momenten, vorsichtig eine ernsthafte Figurenliebe und ein wachsender Ensemblegeist heraus.

Steinbecks Mutter Courage – Brechts Stück entstand ebenfalls ein Jahrzehnt nach dem Börsenkrach von 1929 – verliert ja auch ihre Familie; aber sie gewinnt am Schluss die lang in sich selbst versunkene Tochter zurück: Als Nadège Kankus Rose für ihre Mitmenschen erwacht, einem Verhungernden marienhaft ihre milchpralle Brust darbietet, wobei «ihre Lippen geheimnisvoll lächeln», (nicht nur) da lächelt auch der Theatergott.

Erstellt: 27.10.2019, 02:12 Uhr

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