Unsere Erniedrigten

Sadistische Spiele mit Behinderten auf der Bühne? Milo Rau erforscht in «Die 120 Tage von Sodom» die verborgene Gewalt in unserer Gesellschaft. Ein Probenbesuch.

«Sie haben keine Angst, man muss sie eher bremsen», sagt Milo Rau über die Hora-Schauspieler. Foto: Stefan Bläske

«Sie haben keine Angst, man muss sie eher bremsen», sagt Milo Rau über die Hora-Schauspieler. Foto: Stefan Bläske

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Ob sie die kurze Szene vielleicht noch einmal repetieren könnten?, bittet der Regisseur Milo Rau. Die jungen Leute vom Theater Hora sind nicht begeistert. Es geht gegen 17 Uhr, sie hocken auf dem Boden der Probebühne 3 im Schiffbau. Sie haben keine Eile, zur langen Tafel zurückzukehren, um die Passage aus «Die 120 Tage von Sodom» aufs Neue durchzugehen. «Ihr müsst nicht, ihr seid völlig frei», beschwichtigt die Hora-Vertreterin, welche die Probenarbeit der geistig Behinderten begleitet. Doch vielleicht gibt genau das den Anstoss; jedenfalls rappeln sich nun alle auf, und zwei von ihnen stürmen zum Regisseur, um ihn innig zu drücken, bevor sie ihre Plätze einnehmen.

Schon stossen Soldaten mit Maschinengewehren das Jungvolk zum Balkon, auf dem ihr perverser Fürst seine böse Begrüssungsrede halten wird. Unten also stehen die Mitglieder der renommierten Bühne für Menschen mit geistiger Behinderung, die Horas, in Täter- wie Opferrollen. Oben spricht Michael Neuenschwander aus dem Ensemble des Schauspielhauses. Gemeinsam entwickeln die Künstler mit und ohne Handicap diese ikonische Szene aus Pier Pasolinis Film «Salò oder Die 120 Tage von Sodom». Geht das? Darf man das?

Konsens über die Vernichtung

Man muss es sogar, erklärt Rau, der den Film für die Bühne adaptiert hat. Der Regisseur bleibt stets souverän, ruhig und freundlich: beim Gespräch und beim Inszenieren. Er ruft nicht durch den Raum, sondern flüstert fast; verteilt hier aufmunternde Klapse auf die Schulter, hat da einen Hinweis für den Kameramann: «Ruhiger» müsse die Kamera über die Gesichter der Faschisten gleiten, nicht so hektisch; was sonst. Trotzdem formuliert es Milo Rau mit aller Schärfe: «Hinter der Fassade unserer Kultur findet Zerstörung statt. Bei den Nazis gab es einen stillen Konsens über die Vernichtung ‹unwerten Lebens›. Bei uns gibt es den auf einer pseudoindividualisierten Ebene auch.»

90 Prozent der pränatal als «a-normal» diagnostizierten Embryos würden abgetrieben oder, bei fortgeschrittener Schwangerschaft, im Mutterleib tot­gespritzt, auch wenn sie lebensfähig wären. Die geförderten, gut betreuten, preisgekrönten Horas seien im Grunde Überlebende eines Genozids, der unkoordiniert ablaufe. Sie auf der Bühne von den Schauspielhaus-Profis und auch voneinander erniedrigen zu lassen, widerspiegle den heutigen Zynismus – und unser Schuldigwerden. «Theater ist per se Missbrauch, Zuschauen per se Voyeurismus.» Durch dieses Stück werde das potenziert, wie auch bei «Five Easy Pieces», dem Stück über Kindesmissbrauch.

Den Behinderten und Kindern sei die Doppelgestalt der Gewalt nicht bewusst. Dem Zuschauer aber drückt Rau, der wohl aufregendste zeitgenössische Theaterdenker, diese Gestalt unerbittlich aufs Auge. Seit Jahrzehnten rollt der 1977 in Bern geborene Künstler das Theater quasi von hinten auf. Oder soll man sagen: von aussen, von der Welt aus? Sein Theater beamt sich nicht aus der Gesellschaft hinaus, glaubt nicht an ästhetische Befreiung und Erlösung. Dennoch fragt es danach: Rau reist nach Moskau, um Prozesse gegen Künstler zu reenacten. Er fährt in den Kongo, um zumindest auf der Bühne ein Tribunal abzuhalten, das die Verbrechen am Volk von allen Seiten beleuchtet. Mit belgischen Kindern inszenierte er in «Five Easy Pieces» den Fall Dutroux. Und jetzt versetzt er die Horas zurück ins faschistische Italien – und in eine Ära, in der Eugenik ein grosses Thema war.

Seit Jahrzehnten rollt Milo Rau das Theater quasi von hinten auf.

«Ich weiss noch, wie das war, als ich zum ersten Mal vom Holocaust hörte», sagt Rau: «Die Gewalt machte mich sprachlos.» Unverständnis und Ratlosigkeit gegenüber Gewalt sei der Motor hinter all seiner Theaterarbeit. Inzwischen wisse er: der «technische Genozid» durch die Nazis, das industrialisierte Töten, sei ein Mythos. «Im KZ Majdanek konnten sie durch ein Fenster den Menschen beim Sterben zuschauen – und sie taten es auch. Zivilisation ist die Ausnahme, Barbarei der Normalzustand.»

Eben dies zeichne, in brutalen Bildern, Pasolini. Der berühmt-berüchtigte letzte Film des Italieners von 1975 übersetzt die Abscheu vor dem Kapitalismus der konsumkranken, kleinbürgerlichen Nachkriegswelt zurück in faschistische Obszönitäten. Verzweifelt zieht der Film alles Schöne, das Pasolini anderswo vitalistisch zelebriert, durch den Dreck. Der Filmemacher zwingt uns, zuzusehen beim Scheissefressen, bei analer Vergewaltigung und Mord. Milo Rau tut es auch. Er hat das Stück nach Motiven von Pasolini und De Sade geschrieben.

Aber Rau ist kein simpler Mimet, kein effektversessener Nacherzähler. Aus seinem Werk weint es, auch wenn es leise ist. Es haucht uns direkt und kalt in den Nacken, auch wo es fern wirkt. Die Pasolini-de-Sade-Arbeit ist so gegenwärtig, als nehme Rau – Vater zweier Töchter – an einem jener abgeklärten Arztgespräche teil über eine späte Babytötung, weil der Chromosomensatz des Kindes nicht der Norm entspricht.

Eine freudige Überwältigung

Die Horas allerdings, diese theatergeübten Überlebenden, haben eine authentische Freude am Darstellen, selbst wenn sie Schmerz oder Wut spielen. Wenn sie lustvoll mit Kunstscheisse hantieren und «geil!» kreischen, als der Fürst in SM-Fantasien schwelgt. Dann verwandeln sie, so Rau, anarchisch die Riten der Beschmutzung und des Selbsthasses in ein lebenskräftiges Entzücken. «Austreten aus dem Kulturraum Theater mit seinen ungeschriebenen Gesetzen, das geht nicht», gesteht der Regisseur: «Aber immerhin findet dort eine Art freudige Überwältigung der Erniedrigung statt, die nur die Horas – als behinderte Theaterprofis – leisten können.» Dies sei keine Freakshow mit edlen Wilden, sagt Rau. Es gehe darum, den Kern des Films in aktuelle Fragen zu überführen, auch die nach innerweltlicher Transzendenz und ihrem Scheitern – mit akkurat jenen Leuten, die er als Schauspielerregisseur dafür brauche. «Die Horas haben davor keine Angst, nein, man muss sie eher bremsen.»

Dass nur zwölf Aufführungen geplant sind, ist für Milo Rau und sein International Institute of Political Murder ungewohnt, ja, ein Unding. Er organisiere mit seiner Produktionsgesellschaft und mit Koproduzenten mehr Aufführungen pro Jahr als das Schauspielhaus – in über 20 Ländern. Die Stadttheater von heute müssten sich auch als die Tourtheater von morgen begreifen. Der technische Apparat von «Sodom» allerdings sei für eine internationale Tournee leider zu schwerfällig und zu teuer.

Uraufführung: 10. 2., 20.15 Uhr, Schiffbau Zürich;
weitere Vorstellungen bis 12. 3.


«Die Kinder zeigen, was uns geraubt wurde»

Peter Seynaeve erzählt vor dem Gastspiel von Milo Raus «Five Easy Pieces», wie es war, für das Missbrauchsdrama Kinder zu coachen.

In «Five Easy Pieces» rekapitulieren Theatermacher Milo Rau und sieben belgische Schulkinder die Verbrechen von Marc Dutroux in den 90er-Jahren und das Versagen der Polizei – die Kindesentführungen, Schändungen und Morde. Das heiss diskutierte Stück durfte mancherorts nicht gezeigt werden. Jugendtheater-Regisseur Peter Seynaeve wirkt als Coach der Kinder mit und steht als einziger Erwachsener auf der Bühne.

Wie reagierte man in Belgien auf diese Theaterarbeit?
Erst sagten alle: Das ist krank und unmoralisch! Geht gar nicht! In Belgien war der Fall Dutroux ein Tabu. Er hat ein nationales Trauma ausgelöst. Der Umgang mit Kindern ist seither weniger körperlich, die Interaktion zwischen Kindern und Erwachsenen anders: Alles wird durch die Brille des Pädophilenverdachts gesehen. Wir brauchten einen Schweizer, um uns damit auseinanderzusetzen. Man kann so etwas nicht totschweigen und hoffen, es verschwinde einfach aus dem Gedächtnis: Bewältigen erfordert hinsehen. Und viele Besucher der Aufführung sprachen in der Tat von einer berührenden, heilenden Erfahrung. Genau für diese hochemotionale Wirkung bedarf es der Kinderdarsteller.

Warum?
Die Kinder zeigen, was uns geraubt wurde. Sie waren zur Zeit der Verbrechen, 1995 und 1996, noch nicht geboren. Und wir erleben, wie sie jetzt in all ihrer Kindlichkeit von ihren Träumen erzählen. Da ist etwa Willem, der Polizist werden will; er spielt einen der Polizisten, die bei den Dutroux-Ermittlungen total versagten. Das Stück holt die Kinder in den Fokus. Es gibt dadurch dem Geschehen – das bei uns Erwachsenen zu bestimmten TV-Bildern und Fotos geronnen ist – eine neue Wirklichkeit. Das ist vermutlich der Grund, wieso das Drama sogar in Singapur die Leute erschütterte, wo man den Fall nicht kennt: Es nimmt die Kinder ernst. Auf der ganzen Welt sind die Kinder fragile Hoffnungsträger. Erwachsene Akteure hätten das gar nicht «spielen» dürfen.

Hat die Aufführung den Eltern der ermordeten Kinder geholfen?
Milo Rau suchte zu allen Eltern Kontakt. Ein einziger Vater war bereit, ihn zu treffen, und ging auch zur Performance. Für ihn war sie nicht tröstlich. Ihm fehlten Aspekte des Verbrechens, die das Stück nicht beleuchtet – vor allem die Mittäterschaft der Partnerin von Dutroux.

Peter SeynaeveDer Theatermacher wurde 1970 in Belgien geboren. Heute leitet er ein Theater für Jugendliche in Antwerpen.

Wie geht es den Kindern damit, bei so einer Aufführung mitzumachen?
Sie machen das sehr gern. Für sie ist es eine Story, die so weit weg scheint wie das Mittelalter. Die jüngsten Terroranschläge sind für sie viel realer und beängstigender. Zudem wurden sie ständig psychologisch begleitet, und die Eltern waren da. Bei jeder Szene wurde lang überlegt, ob keine Grenze überschritten wird. Man sprach das Skript ausführlich mit den Kindern durch und hielt sich strikt daran. Improvisation war tabu: Die Kinder durften nie das Gefühl bekommen, in eine unkontrollierte Realität hineinzugleiten. Interessanterweise waren für sie ganz andere Momente belastend als für uns Erwachsene.

Was war für die Kinder schwierig?
Die bei uns und im Publikum am heftigsten debattierte Szene ist die, als Rachel ihr T-Shirt ausziehen muss. Für sie selbst war das kein Problem. Doch für Erwachsene ist der Moment, wo eine Neunjährige auf der Bühne auf Befehl das Oberteil auszieht, fast unerträglich. Was das für eine Wirkung hat, ist der Darstellerin nicht recht bewusst. In einer anderen Szene dagegen werden Eltern über den Tod ihres Kindes informiert und umarmen sich voller Trauer: Diese schlichte Umarmung fiel den Kindern richtig schwer. Für sie war das, als ob sie Liebe vortäuschen sollten.

In Frankfurt wurde der Kinderauftritt verboten, wegen zu viel Arbeitszeit.
Wenn die Probenzeit einberechnet wird, mag das formal der korrekte Entscheid sein. Allerdings ist Theaterspielen ja ein geliebtes Hobby der Kinder. Andere Kinder verbringen deutlich mehr Stunden mit einem harten Sporttraining. Und: Es gibt maximal vier Aufführungen pro Monat, und die auch nur am Wochenende.
Interview: Alexandra Kedves


«Five Easy Pieces» am 27. / 28. 1., 20/18 Uhr, ZHDK,
Bühne A, Zürich.

Erstellt: 25.01.2017, 18:40 Uhr

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