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Unsere Nationalclowns und ihr Dompteur

Am Samstag erhielten Ursus & Nadeschkin und ihr Regisseur Tom Ryser in Basel den Hans-Reinhart-Ring, den wichtigsten Theaterpreis der Schweiz. Franz Hohler hielt die Laudatio.

So sehen offizielle Reinhart-Ring-Träger aus: Tom Ryser (l.), Nadja Sieger, Urs Wehrli und hinten rechts, schlafend auf dem Fenstersims, Nadja Siegers Hund.
So sehen offizielle Reinhart-Ring-Träger aus: Tom Ryser (l.), Nadja Sieger, Urs Wehrli und hinten rechts, schlafend auf dem Fenstersims, Nadja Siegers Hund.
BILD MARCEL WEISS

Liebe Ursus und Nadeschkin, lieber Tom Ryser, liebe Gäste!

Vor etwa 20 Jahren bekam ich einen Brief, in dem sich ein junges Clownpaar vorstellte und sagte, sie suchten für ihr Programm einen Cellokasten und ob ich, der ich doch Cello spiele, einen übrig hätte, den ich nicht mehr bräuchte. Tat­sächlich hatte ich einen in Reserve, und da ich fand, es sei auch für einen Cellokasten lustiger, gebraucht zu werden, als bei mir im Estrich auf der Ersatzbank zu hocken und sowieso nie zum Einsatz zu kommen, sagte ich den zweien, sie könnten ihn gerne haben, wenn sie dafür an einem Strassenfest auftreten würden, das ich in der Strasse, an der ich wohne, organisierte.

Der Deal kam zustande, die zwei, die ich noch nie gesehen hatte, kamen ans Fest und hatten einen frisch-frech-fröhlichen Auftritt, der das sehr gemischte Publikum begeisterte, ich weiss nur noch, dass Na­deschkin einmal vor Schreck eine Stras­senlaterne hochkletterte.

Seither habe ich die beiden im Auge be­halten und ihre Arbeit mitverfolgt. Etwas skeptisch war ich schon, als ich dann im Zürcher Theater Stok als einer der nicht sehr zahlreichen Zuschauer sass und ihr erstes Bühnenprogramm sah, das sie nach ihren Anfängen als Strassenkünstler prä­sentierten. Was ich davon in Erinnerung habe, sind vor allem Standortfragen in der Art von (ich zitiere aus dem Gedächtnis, also falsch): «Wieso stehst du jetzt hier?» – «Wieso soll ich nicht hier stehen?» – «Weil wir ab­gemacht haben, dass ich hier stehe und du dort!» – «Mir war einfach extrem unwohl dort!» – «Und hier ist es dir wohl?» – «Ja, hier ist es mir wohl.» – «Also wäre ich jetzt dort?» – «Logisch, wo sonst?» – «Hier.» – «Da bin ja ich. » – «Eben, das hättest du mir vorher sagen können.» – «Ich hab dirs ja grad gesagt.» – «Aber nicht vorher.» – «Doch, das war grad vorher.» – «Aber noch vorherer wäre besser gewesen.» – «Du, sorry, das kam einfach ganz spon­tan. » etc. etc.

Stellungsspiele eines Clownpaars

Ich glaube, wir waren ein liebes Publi­kum an jenem Abend und haben gelacht, wo man lachen musste, aber auf dem Heimweg dachte ich, wie es für dieses sympathische und durchaus bühnenfähige Duo nun wohl weitergehen würde, und war nicht allzu optimistisch. Dem Pro­gramm fehlte für mein Gefühl ein Inhalt, ein erkennbares Motiv, ein Gravitations­zentrum. Ich hatte Mühe, mir vorzustellen, dass sie damit ein grösseres Publikum mo­bilisieren konnten. Wie Sie sehen, hatte ich mich getäuscht, wären wir heute Abend nicht hier.

Denn das Clowneske besteht gerade und vor allem darin, den Fokus auf etwas zu richten, das nebensächlich ist, die Men­schen für etwas zu interessieren, das in keiner Weise interessant ist.

Wieso heisst es «Semmelknödel» und nicht «Semmelnknödel?» oder gar «Sem­melnknödeln?» Wenn sich Karl Valentin dieser Un-Frage annimmt, wird sie zu ei­ner Ur-Frage, die uns den Teppich der Vernunft unter den Füssen wegzieht.

Das Clowneske ist fast immer ein Spiel um nichts, nicht umsonst sind Becketts Fi­guren so nahe bei den Clowns, denn sie warten auf etwas, das sich immer mehr als nichts entpuppt, oder sie warten über­haupt nicht mehr, sondern sind nur noch da, im «Endspiel», in dem eine der Figuren Clov heisst, da fehlt nur ein n zum Clown, und so klingen auch seine Antworten.

«Wie viel Uhr ist es?» fragt ihn Hamm, und er antwortet «So viel wie gewöhn­lich.» Clov muss den gelähmten Hamm im Sessel herumschieben. Hamm will in die Mitte des Raumes und sagt zu Clov: «Ich fühle mich etwas zu weit links.» Clov schiebt den Sessel unmerklich weiter.

Hamm: «Jetzt fühle ich mich etwas zu weit rechts.» Dasselbe Spiel. Hamm: «Jetzt fühle ich mich etwas zu weit zurück.» Da­bei sind sie in einem Bunker, und es ist egal, ob er 30 cm weiter links oder rechts ist – und da sind wir wieder beim Stel­lungsspiel des jungen Clownpaars: Ich bin jetzt da, aber da war doch ich, vorher ja, aber jetzt bin ich da, warum gerade da – wo sind wir überhaupt?

Unsinn macht Sinn

Diese sinnlosen Spiele kreisen ebenso um nichts wie um unsere Hilflosigkeit, um die Grundfragen unserer Existenz.

Wo der gängige Sinn verweigert wird, wird ein Platz frei, ein Platz für Komik, aber auch ein Platz für einen andern Sinn. Die Situation, dass jemand anderer dort steht, wo eigentlich ich sein sollte, ist, wenn sie gut gemacht ist, ein komisches Geplänkel, aber es schleicht sich auch eine Metapher ein, in der sich alle wiederer­kennen müssten, die z. B. ihre Stelle verlo­ren haben, mehr noch, es ist eine Metapher für Besetzung, es ist eine Metapher für Krieg. Der Nonsense ist ein Zweig der Philosophie, weil er den Blick auf den Sense von einer anderen Richtung freigibt, von hinten. Im grossen Gelächter über das Ab­surde sitzt in der letzten Zuschauerreihe die Realität und lacht mit.

Damit wir uns jedoch für solche Stand­ortspiele interessieren, und jetzt kommen wir zum frühen Bühnenprogramm unseres Duos zurück, damit diese Metaphern über­haupt aufscheinen und nicht von der Vor­dergrundskomik verdeckt bleiben, müssen die Figuren zugleich vom Gewicht der Welt und der Schwerelosigkeit der Kinder durchdrungen sein.

Lockenkopf und Kurzhaarschnitt

Diese Mischung zu finden, ist eine Kunst, und für Ursus und Nadeschkin war es ein Glücksfall, schon in ihren Anfängen dem Regisseur Tom Ryser zu begegnen, der begann, mit ihnen zu arbeiten, am Selbstbe­wusstsein, am Selbstver­ständnis, an der Drama­turgie ihrer Figuren. Es ist ein grosses Verdienst von ihm, dass er den zweien, die immer an sich ge­glaubt haben, dazu ver­half, dass sie zwei wur­den, an die auch das Pu­blikum glaubt. Kennen gelernt haben sich Urs Wehrli und Nadja Sieger an einem Clownkurs in Wiesbaden, eine Maturandin aus Zürich und ein Schriftsetzerlehrling aus Aarau.

Die Maturandin hatte die Aufnahmeprü­fung in die Schauspielschule Zürich ge­macht, wo sie nicht angenommen wurde, dann machte sie die Prüfung in Bern und wurde auch nicht angenommen, und als sie mit dem Schriftsetzerlehrling eine Nummer erarbeitete, hatte sie das Gefühl, das wird etwas, und der Schriftsetzerlehr­ling hatte dasselbe Gefühl, und zwar so stark, dass er seine Lehre abbrechen wollte, um sich unverzüglich und unge­bremst ins Clownleben zu stürzen. Doch Nadja war ein Jahr älter und somit auch ein Jahr weiser und sagte zu ihm, mach deine Lehre fertig, ich warte auf dich.

Und so geschah es. Sie jobbte, gab Nachhilfestunden in Mathematik, Deutsch und Französisch. Sobald er pflotschnass aus dem Brunnen herauskam, in den man nach vollendeter Schriftsetzerlehre ge­worfen wurde, stiess er, ohne einen Tag in seinem erlernten Beruf gearbeitet zu ha­ben, zu Nadja und sagte, ich heisse jetzt Ursus, und sie sagte, schön, ich heisse Na­deschkin.

Und in beharrlicher Arbeit entwickel­ten sie sich zu dem Paar, wie es uns ver­traut ist: aus Nadeschkins Lockenkopf wurde das wohlorganisierte Chaos einer Rastamähne, aus Ursus' Mähne wurde ein chaosfreier Kurzhaarschnitt, die Farben Gelb und Schwarz ordneten sich ihnen zu, und heute gehören sie zur kulturellen Na­tionalmannschaft, wir erkennen sie über­all, auf der Bühne sowieso, aber auch im Zirkus Knie oder in einer Samstagabend­show des Fernsehens oder als Präsentato­ren des Humor-Festivals Arosa, und sogar wenn sie uns blau gewandet von einem Plakat für die Schweizer Bauern entgegen­blicken, merken wir sofort, dass es sich nicht um Doris Leuthard und Pascal Couchepin handelt.

Ihre Dialoge sind so präzis geworden, dass sie jederzeit eine Improvisa­tion zulassen, und ihr Sprachwitz ist ein we­sentliches Element ihrer Komik. Als Ursus im Zir­kus Knie einen toten Fisch in der Manege fand und kurz danach ein Seehund aufs Podest kletterte, fragte er Nadeschkin: «Wer ist denn das?» Ihre Antwort «Ein Extrem­fisch» ist unvergesslich. Wenn Ursus die Leute zu einer Fernsehaufzeichnung im Casino Winterthur begrüsst und sagt, sie möchten sicher gern einen Blick hinter die Kulissen werfen, und dann einen «Blick» aus der Jacke zieht und diesen hinter die Kulissen wirft, hat er die Sprache und den «Blick» und unsere Neugier parodiert.

Eine Spezialität ihrer Sprachakrobatik ist das Synchronsprechen, das sie bis zur atemberaubenden Perfektion beherr­schen. Wenn eine Grussformel wie «Gu­ten Abend, meine Damen und Herren, wir heissen Sie herzlich willkommen» zu zweit gesprochen wird, wird ihre Leere entlarvt, und dahinter taucht das Bild der Anpassung und der Uniformität auf. Aber eine monströse Stotterblase wie «Grüezi mit...ööh...wir sind hü... mir wetted Sie... eehm, ääh... vor allem au, ööh... wills hütt zobig... hm... ganz e bsun... ohni jetz... doch, doch... ähm... z ver­rote», von zwei Menschen ernst und de­ckungsgleich einem Millionenpublikum eines «Benissimo» vorgetragen, stellt un­sere ganze Kommunikationskultur aufs Schwerste in Frage und macht bewusst, dass das Clowneske ein enger Verwandter der Anarchie ist. Es ist für mich kein Zu­fall, dass Urs als junger Mensch den Mili­tärdienst verweigert und dafür sieben Mo­nate Gefängnis abgesessen hat, eine lange Zeit, wenn man daran ist, eine Bühnenkar­riere aufzubauen.

Weit ist er, der Bogen ihrer Komik, ex­trem weit.

Erkenntnis als Gelächter vermitteln

Am Ende der «Weltrekord»-Vorstel­lung vor ein paar Tagen im Zürcher Schauspielhaus balancierten alle 700 Zuschauer zu ihrer Überraschung ein Mineralwasser auf dem Kopf, streckten die Hände aus und sprachen gemeinsam den tiefsinnigen Satz: «Ich habe eine recyclebare Pet-Flasche auf dem Kopf und mache einen Weltrekord.» Als letzte Woche bei der Verleihung des Prix Courage die Dirigentin der Camerata Schweiz nicht auftauchte, fragte Nadesch­kin: «Könnte das nicht jemand von Ihnen machen? Ist ein Dirigent im Saal? Man denkt immer, der andere machts, dann schau doch den andern mal an, und wenn ders nicht ist, dann bist du der andere.» In den abstrusesten Aktionen und den leichtesten Sätzen von Ursus und Na­deschkin schwingt stets ein Nachdenken über unsere Zeit und über unsere Art zu leben mit, und ich bin froh, dass die bei­den, die uns da Erkenntnis als Gelächter vermitteln, keine zerstörten Beckett-Figu­ren sind, sondern lebendige, warmherzige Menschen, und ich gratuliere ihnen und ihrem Spiritus Rector Tom Ryser zu den drei goldenen Reinhart-Ringen.

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