Verrat an der Idee

Am Theater Gessnerallee soll ein Podium mit dem Chefdenker der AfD stattfinden. Dagegen protestieren Künstler – und verkennen die Chancen einer solchen Diskussion.

Unter dem Titel «Die neue Avantgarde» ist Marc Jongen an der Gessnerallee eingeladen. Foto: Thomas Egli

Unter dem Titel «Die neue Avantgarde» ist Marc Jongen an der Gessnerallee eingeladen. Foto: Thomas Egli

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Darf man einen Exponenten der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland zu einem Podium einladen? Und dieses unter dem Titel «Die neue Avantgarde» stattfinden lassen? An einem Theater wie der Zürcher Gessnerallee, die als links gilt? Namentlich geht es um Marc Jongen, «Chefdenker» der AfD und Schüler des Philosophen Peter Sloterdijk.

Um seine Teilnahme kreisen seit bald zwei Wochen heftige Diskussionen, in deren Verlauf es bereits zu wütenden Protesten, einem Schlag­abtausch in offenen Briefen sowie zu einer Onlinepetition kam, die inzwischen von Hunderten Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum unterzeichnet wurde. Und die dazu geführt hat, dass eine Woche vor dem eigentlichen Podium eine Diskussion an der Gessnerallee stattfinden wird, in der basisdemokratisch darüber entschieden werden soll, ob und wie Marc Jongen am Theaterhaus auftreten darf. Selbst eine Ausladung des AfD-Mitglieds sei möglich, sagen die Veranstalter.

Gewiss, der für das Podium gewählte Titel war naiv. Und selbstverständlich kann und soll die Politik der AfD kritisiert werden – wie auch die Zusammensetzung des geplanten Diskussions­panels, das nicht um Ausgewogenheit bemüht ist und wo ein profilierter Rechtsintellektueller wie Jongen auf weitaus schwächere Diskutanten treffen wird. Und ja, die Gessnerallee ist in den letzten Jahren trotz Einladungen an die Kommunisten Slavoj Žižek und Alain Badiou nicht als Ort der Debatte aufgefallen, weshalb der politische Kontext weitgehend fehlt.

Wovor haben die Künstler Angst?

Aber wenn Theaterkünstler derart ultimativ und mit einem solchen Furor fordern, dass «einem der raffiniertesten Rhetoriker (Demagogen)» und einer Partei wie der AfD «keine Bühne» geboten werden darf, wie es in der Petition heisst, dann reibt man sich doch etwas verwundert die Augen.

Ist es nicht eine der stärksten Ideen des Theaters, dass es als Forum dienen kann, wo entgegengesetzte Positionen vorkommen und zur Verhandlung gebracht werden? Wo man als Zuschauer auch mit etwas konfrontiert werden darf, das man ablehnt? Haben die Theatermacher wirklich derart wenig Vertrauen in die eigene politische Position und in die kritische Urteilskraft ihres Publikums, dass sie dem Gegner nur noch das Wort abschneiden können? Es geht zudem kaum eine freie Inszenierung über die Bühne, in der sich die Künstler nicht im Vollbesitz der Wahrheit wähnen, was sie uns Zuschauer auch immer gerne spüren lassen. Was also lässt sie nun so stark zweifeln?

Die Antwort darauf findet sich wohl in der Schlussvolte der Onlinepetition, bei der Frage, ob die AfD «einen Kulturort wie die Gessnerallee nicht zuallererst abschaffen» würde. Für die Künstler ist das die «Gretchenfrage». Und spätestens da ahnt man, was die eigentliche Angst der Theaterleute ist: dass sie von der Politik um ihre Existenz gebracht werden.

Abschottung

Aber genau daran arbeiten die Theatermacher nun selbst: Mit ihrem Aktionismus gegen die AfD bestätigen sie sämtliche Ressentiments, die rechte Politiker ihnen gegenüber haben können. Und sie lenken die Aufmerksamkeit jener Kreise auf sich, die sie so sehr fürchten, dass sie ihnen keine Bühne bieten wollen. Wenn gefordert wird, dass die AfD in einem mit Steuergeldern subventionierten Haus wie der Gessnerallee keine Auftrittsmöglichkeiten erhalten darf, dann tun die Künstler letztlich genau das, was sie selbst «ideologiekritisch zu entlarven» versuchen: Sie schotten sich ab. Anstatt sich über einen politischen Intellektuellen zu informieren, der zu einer wählbaren Partei gehört – in einer der grössten funktionierenden Demokratien Europas. Eine Partei, die zudem zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der SVP hat.

Wäre eine Diskussion mit Jongen nicht der Ausgangspunkt, um darüber nachzudenken, was die Bühne angesichts des erstarkenden Rechts­nationalismus leisten könnte? Die Antwort darauf wäre ein Theater, das sich nicht als Bunker missversteht, in dem man Widrigkeiten aussitzen kann. Und das die Rolle des Künstlers nicht auf Selbstgerechtigkeit beschränkt, die politisch in durchschlagender Wirkungslosigkeit verpufft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2017, 00:07 Uhr

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