Vorhang zu für Kinder?

Die Neuen am Schauspielhaus Zürich wagen spannende Aufbrüche, riskieren aber einen Einbruch beim Theater für Primarschüler.

«Du bist schuld!»: Primarschüler aus den Stadtzürcher Schulhäusern Limmat C und Fluntern gingen am Schauspielhaus Fragen im Spannungsfeld Schuld und Unschuld nach. Foto: Raphael Hadad

«Du bist schuld!»: Primarschüler aus den Stadtzürcher Schulhäusern Limmat C und Fluntern gingen am Schauspielhaus Fragen im Spannungsfeld Schuld und Unschuld nach. Foto: Raphael Hadad

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Noch hat die neue Intendanz am Schauspielhaus Zürich nicht die Pforten geöffnet, da äussert einer bereits gewisse prinzipielle Bedenken: Beat Krebs, Leiter Schule und Kultur der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. «Es fällt da richtig was weg, was nur ein grosses Haus ausrichten kann», konstatiert Krebs mit Blick auf die Abteilung für ein jüngeres Publikum, die bis anhin «Junges Schauspielhaus» hiess. Es komme dort zur «extremen Verschiebung des Fokus’ von Kindern auf Jugendliche».

Man offeriere prioritär durchaus schöne Dinge wie Spielclubs ab 13 Jahren, Aufführungen, die mehrheitlich für 14+ oder älter konzipiert sind, und fünf ausgewachsene Jahrespraktika für Ältere. Und im Sinne einer Aufwertung hat die Doppelspitze Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg das Label «Junges Schauspielhaus» ad acta gelegt. Doch mit dem Namen, so fürchtet Krebs, verschwindet auch das auf Primarschulen zugeschnittene Programm.

Pionierarbeit am Jungen Schauspielhaus

Petra Fischer, die ehemalige Leiterin des Jungen Schauspielhauses, habe in diesem Bereich über die letzten zehn Jahre Pionierarbeit geleistet und einen engen Austausch mit dem Lehrkörper entwickelt. Und auch mit den Schülern selber, etwa in partizipativen Stücken, bei denen sie an den Texten mitarbeiten konnten und sie dann von Profis aufgeführt sahen. «Schulen benötigen langfristige Beziehungen», unterstreicht Krebs. Die Stadt Zürich und ihre Heranwachsenden hätten sehr von Fischers kontinuierlicher Beziehungspflege profitiert – und auch das Theater, das seine Zuschauer schon früh ins Haus geholt habe.

Zudem knüpfte Fischers Junges Schauspielhaus auch durch klassische Theaterpädagogik – begleitetes Zuschauen – und besonders durch kurze, immersive Formate wie ein- bis mehrwöchige Schnupperhospitanzen für Schüler verschiedener Schultypen enge und zahlreiche Bande mit seinem Publikum. Ausserdem förderte es das Theaterschaffen für junge Zuschauer über den Röstigraben hinweg. Insgesamt hat sich die Bühne als produzierender Ort, der über ein beachtliches Repertoire verfügte, als eine Go-to-Adresse für die hiesige Lehrerschaft etabliert.

Petra Fischer selbst spricht hier von der Nachhaltigkeit des Jungen Schauspielhauses und berichtet von den langjährigen intensiven Kontakten etwa zum Döltschi-Schulhaus, das ganze Schülergenerationen ins Junge Schauspielhaus schickte.

Grosses Desiderat in der Stadt Zürich

Dass es einen derartigen Ort – gar in noch grösserem Massstab – in Zürich braucht, ist mittlerweile unbestritten. Über die Einrichtung eines Kinder-und-Jugend-Tanz-und-Theater-Hauses (KJTT-Haus), wie es im Konzept zur Zürcher Theaterlandschaft entworfen ist, werden die Stimmberechtigten jedoch wohl erst 2021 entscheiden. Bis dieses Haus dann gegebenenfalls läuft, wird es also dauern.

Dass die Primarschüler über lange Zeit nur durch die kleinen, kaum selbst produzierenden Spielorte wie das Stadelhofen oder das Purpur und durch das eine Weihnachtsstück am Schauspielhaus bedient würden, sei ein Verlust und ein Unding, urteilt Krebs. Da verpasse man eine Menge junger Menschen.

Petra Fischer wiederum beobachtet in der Stadt seit Jahren einen Abbau des Theaters für die Jungen. Bühnen für Kinderstücke wie einst das Theater an der Sihl oder die Nebenbühne der Gessnerallee seien längst Geschichte. «Und dies bei steigenden Kinderzahlen. Es ist mir unbegreiflich», sagt die 1963 geborene Berlinerin, die seit zwei Jahrzehnten in Zürich wirkt.

Fischer vermutet allerdings, dass vieles noch nicht ganz ausformuliert und fertig geplant sei im Programm von Suna Gürler, und plädiert für Geduld. Gürler, 1986 in Basel geboren, zeichnet neu als «Leiterin Schauspielhaus für und mit jungen Menschen».

Es tut sich was

Die junge Leiterin selbst – die im Jugendtheaterbereich tatsächlich schon ein alter Hase ist – verweist auf Anfrage auf das «bunte Rahmenprogramm zu ‹Schneewittchen›», dem Familienstück ab 8 Jahren. Und sie setzt auf ihr Team, das aus Patrick Oes (Theaterpädagoge) und Katarina Tereh (Theaterpädagogin), Antonia Andreae (Schulbeauftragte) sowie einer weiteren, später zu nennenden Theaterpädagogin besteht. Noch seien die diversen Workshop-Angebote für Schulen – die im Kontext der Repertoirestücke für Jugendliche (ab 14+) angedacht sind – am Heranreifen. Das Programm, wie es vorliege, sei ja nicht vollständig und vieles am Werden.

Dass sich für Teenager einiges tun wird am neuen Schauspielhaus Zürich, scheint gewiss. Gut so. Es steht zu hoffen, dass das grösste Theaterhaus der Stadt in nicht allzu ferner Zukunft – die prägenden Kinderjahre verfliegen schnell – auch wieder eine wichtige Rolle für die Bühnenerfahrung der Kleinen, auch der U-8-Jährigen, übernimmt.

Erstellt: 09.07.2019, 16:11 Uhr

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