Wagner ist überall

«Die Meistersinger» sind weit mehr als nur eine Wagner-Oper: Das zeigt der Regisseur Barrie Kosky in einer klugen Aufführung an den Bayreuther Festspielen.

Eine Starbesetzung macht die «Meistersinger» zum Hochgenuss. Foto: Enrico Nawrath (Bayreuther Festspiele)

Eine Starbesetzung macht die «Meistersinger» zum Hochgenuss. Foto: Enrico Nawrath (Bayreuther Festspiele)

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Wer nach Bayreuth reist, sieht von Nürnberg normalerweise nur den Bahnhof. Dort steigt man um in eine Regionalbahn, und die Festspielgänger fragen den Kontrolleur, ob sie wirklich nicht im falschen Zugteil sitzen. Der wird nämlich in Hersbruck abgetrennt, und das wäre ja noch schöner, wenn man dann plötzlich in Schwandorf stünde.

Aber diesmal war es anders. Man war zwar richtig in Bayreuth angekommen und durch den Regen zum Festspielhaus gepilgert. Dort war man zu Gast bei Richard Wagner, dessen Villa Wahnfried die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst liebevoll nachgebaut hat. Gattin Cosima war da, die beiden Hunde, auch Cosimas Vater Franz Liszt und der jüdische Dirigent Hermann Levi, der sofort zurechtgewiesen wurde, wenn er wieder mal nicht richtig betete. Wagner packte Pakete aus, Schuhe, Seide, Parfüm, das niemand riechen wollte, schon gar nicht Cosima, die mal wieder Migräne hatte. Wagner setzte sich dann ans Klavier, wie er das so gern tat im kleinen Kreis, und gab die «Meistersinger von Nürnberg».

Aber als der erste Akt schon fast vorbei war, wurde die Villa plötzlich in den Bühnenhintergrund gesogen. Vorne war man wieder in Nürnberg, nicht am Bahnhof, sondern im Justizpalast. Der Angeklagte heute: Hans Sachs, der Protagonist der «Meistersinger». Also eben Richard Wagner.

Man kam aus diesem Gerichtssaal nicht mehr heraus an diesem Abend, dafür hat der australische Regisseur und Opernintendant Barrie Kosky gesorgt. Er wird in die Geschichte der Bayreuther Festspiele eingehen als erster Jude, der hier inszeniert hat (und ausgerechnet die deutscheste aller Wagner-Opern). Und auch als einer, der es sich nicht leicht gemacht hat damit. Denn er hat sich gehütet, den Ankläger zu spielen.

Stattdessen hat er Nürnberg ins Zentrum der Aufführung gestellt: Die Stadt des Hans Sachs also, der dort im 16. Jahrhundert Schuhe machte und Lieder schrieb. Wagners imaginäres Zentrum der Kunst. Der Ort, an dem erst die Rassengesetze verabschiedet wurden und später die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher stattfanden. Bei Kosky wird das alles eins, Oper und Geschichte, Erfindung und Politik. Unter den Flaggen der Alliierten wuseln Menschen in Renaissancekostümen herum; und statt Opernfiguren, die den seltsamen Beckmesser foppen, sieht man plötzlich Menschen, bei denen die Abneigung gegen das Fremde in blanken Sadismus umschlägt.

Nur Beckmesser ist anders

Kosky hat dafür starke, unverbrauchte Bilder gefunden, auch witzige und ein paar plakative. Und er hat sich gefragt, wo Wagner steckt in dieser Geschichte. Wagner, der von Cosima sagte: «Da liegt eine Melodie im Bett, eine recht grosse.» Der Briefe an sie mit «Hans Sachs» unterzeichnete, sich aber auch mit dem inspirierten Sänger Walther von Stolzing identifizierte oder vielleicht sogar mit David, dem Schustergesellen. Bei Kosky ist dieser Wagner konsequenterweise überall, die meisten Figuren im Stück gleichen ihm, tragen Schlapphut und einen schmalen Bart. Nur Beckmesser ist anders, auch auf dieser Ebene der Inszenierung: Ihn zeigt der Regisseur als den Dirigenten Levi, der sich von Wagner üble antisemitische Sprüche anhören musste, aber dennoch den «Parsifal» uraufgeführt hat.

Man staunt im Laufe des Abends immer wieder, wie reibungslos das alles ineinander übergeht, wie gut dabei das Schmiermittel Musik funktioniert. Es ist ja alles drin in Wagners Partitur, und in Bayreuth sind Leute am Werk, die das zeigen können. Vor dem Festspiel-Orchester steht Philippe Jordan, gebürtiger Zürcher und Chefdirigent der Pariser Oper, der nicht im Wagner-Klang baden mag, sondern die theatralische Schärfung sucht – in einer Pause, die etwas länger dauert, einem Klang, der ein wenig härter, greller, giftiger tönt.

Er stellt sich damit ganz in den Dienst der Inszenierung und in jenen der Sänger, die das zu schätzen wissen. Schon die mittelgrossen Partien sind illuster besetzt mit Daniel Behle als David und Günther Groissböck als Vater Pogner; als fast schon unverschämter Luxus ist Georg Zeppenfeld für die paar Takte des Nachtwächters eingesprungen, weil er grad in Bayreuth war für den «Parsifal».

Um die Protagonisten würde sich erst recht jedes Opernhaus der Welt reissen: Klaus Florian Vogt gibt den Walther von Stolzing wie immer mit leicht metallischem Timbre und einer Sprachgestaltung, bei der man die Übertitel für einmal nicht vermisst – ein Fremder unter den Meistersingern, ein hochkarätiger. Eine Charakterstimme hat auch Johannes Martin Kränzle, der den Beckmesser souverän auf dem Grat zwischen Kunst und Karikatur hält. Selten hat man die Ängste und Aggressionen, die Unsicherheiten und fixen Ideen dieses Stadtschreibers so gut verstanden wie hier.

Und dann ist da Michael Volle, der früher ebenfalls den Beckmesser gab, aber nun zum Hans Sachs geworden ist (auch in Zürich hat er die Partie schon gesungen). Edel und fies, sympathisch und unheimlich ist diese Figur bei ihm. Volle scheint zu sprechen, wenn er singt; ganz leise kann er werden oder auch sehr laut, ohne zu brüllen. Man mag ihn und kann ihn nicht ausstehen an diesem Abend – das muss einer erst einmal hinkriegen. Dass da Anne Schwanewilms als Eva respektive Cosima nicht ganz mithalten kann, liegt schon fast in der Natur der Sache.

«Ich bin verklagt»

Und so kommt es, dass am Ende von den vielen Wagnern nur der Sachs übrig bleibt. Ganz allein steht er im Nürnberger Gerichtssaal und hält vor dem Premierenpublikum, das längst Teil der Aufführung geworden ist, seine umstrittene Rede von der «heil’gen deutschen Kunst». Dann dreht er sich um zum Orchester, das auf die Bühne gefahren wird fürs Finale: Wagner dirigiert sein Werk, sein Leben und seine Musik und die Rezeption davon lösen sich ineinander auf. Für einmal führt der Weg nach Nürnberg über Bayreuth, nicht umgekehrt.

Es ist kein direkter Weg, auch kein zwingender, man kann ihn sogar ohne Absicht erwischen. Darum hatte Kosky zuvor einen Sachs-Satz aus dem Zusammenhang gelöst und auf den Zwischenvorhang projiziert: «Ich bin verklagt und muss besteh’n: drum lasst mich meinen Zeugen auserseh’n! Ist jemand hier, der Recht mir weiss, der tret’als Zeug’ in diesen Kreis!» Das Publikum schwieg betreten. Und jubelte zuletzt fast einhellig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 20:14 Uhr

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