Warten ist die Hölle – in Damaskus oder in Zürich

Die Chemie stimmt zwischen Regisseurin Ivna Zic und Autorin Lubna Abou Kheir. Am Freitag wird «Gebrochenes Licht» in Zürich uraufgeführt. Es geht um neue und alte Heimaten.

Ivna Zic (links) und Lubna Abou Kheir im Theater Neumarkt in Zürich – soft ist nur die Blümchentapete. Foto: Dominique Meienberg

Ivna Zic (links) und Lubna Abou Kheir im Theater Neumarkt in Zürich – soft ist nur die Blümchentapete. Foto: Dominique Meienberg

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Ivna Zic kam 1986 in Zagreb zur Welt, Lubna Abou Kheir 1992 in Damaskus. Jetzt sitzen die beiden im Theater Neumarkt in Zürich Seite an Seite und erzählen, wie es dazu kam, dass sie gemeinsam eine Produktion entwickeln: die Neuzürcher Theaterfrau mit dem langen, glatten Haar, den Netzstrumpfhosen unter den karierten Wintershorts, die sich, mit sympathischem Lächeln, strikt gegen das Etikett «arme Flüchtlingsfrau» verwahrt, trotz aller Härten, die sie durchgemacht hat. Und die Altzürcher Theaterfrau mit den kurzen, dunklen Locken, dem schwarzen No-Nonsense-Outfit und den präzisen Sätzen, die in der Limmatstadt aufwuchs, inzwischen allerdings teils in Wien lebt.

Die Idee zum Gemeinschaftsprojekt stammt von den neuen Neumarkt-Leiterinnen: Julia Reichert arbeitet seit Jahren schon mit Ivna Zic zusammen, die in Giessen, Hamburg und Graz Theater, Regie und Szenisches Schreiben studiert und vielerorts als Dramatikerin und Regisseurin gewirkt hat; und Tine Milz hatte Lubna Abou Kheir bei einem Residenzprogramm am Theaterspektakel getroffen. Auf einmal schien die Kopplung für alle auf der Hand zu liegen.

Arabisch denken, Deutsch schreiben

Die Zusammenarbeit ist jetzt schon eine Erfolgsgeschichte: «Für mich waren die letzten 12 Monate etwas ganz Besonderes», berichtet Zic. Sie ist mittlerweile ganz in ihre Rolle als Regisseurin eingetaucht und musste sich fürs Gespräch aus dem Endprobenstress von «Gebrochenes Licht» herausreissen; Uraufführung ist am Freitag. «Wir haben viel geskypt, ich konnte den entstehenden Text gegenlesen, und wir sprachen auch darüber, was uns am Theater allgemein wichtig ist. Diese Beteiligung war toll.» Und deshalb möglich, weil die syrische Dramatikerin zwar auf Arabisch denkt, jedoch auf Deutsch schreibt.

Ivna Zic erzählt, wie die beiden jungen Theaterfrauen gemeinsam an das sprachverspielte Stück herangingen. Video: Tamedia

Beide Autorinnen kennen die Jonglage mit Wörtern, die fremd sind und doch eigene; das Spiel mit einer Sprache, die für sie Überraschungen bereithält; die Reibung verschiedener Kulturen im eigenen Alltag.

«Das Kroatische geht mir sehr selbstverständlich über die Lippen, das Mündliche der Sprache ist ein grosses Zuhause – während es im Schriftlichen viel fremder ist. Richtig schreiben habe ich es nie gelernt, ich habe es mir eher selber beigebracht», beschreibt Zic etwa ihr Verhältnis zur Elternsprache. Erst in diesem Sommer verliessen die Eltern die Schweiz wieder.

Im Debütroman «Die Nachkommende» – er steht auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2019 – schickt sie ihre Protagonistin auf eine Zugfahrt nach Kroatien, die zur Reise in ihre Vergangenheit und in die Emigrationsgeschichten ihrer Vorfahren wird. Die junge Frau erinnert sich an ihren «Sprachspagat» als Kind, der auch mal ein «heulender Salto» war.

«Ich hatte ja noch Glück: ein Visum und einen Platz im Flugzeug.»Lubna Abou Kheir

Lubna Abou Kheir wiederum schildert, wie sie sich für ihr neues Stück mit dem sprechenden Untertitel «Ein Bogen von Damaskus nach Zürich» durch deutsche Wörterbücher und Grammatiken wühlte, um am Ende ein widerspenstiges Deutsch aufs Papier zu bringen, das wie syrische Umgangssprache tönt.

Das klingt zum Beispiel so: «Du weisst sehr gut wie einen Mann in Syrien geht in die Armee: Niemand fragt mich nach meiner Meinung, ob ich gehen möchte oder nicht. Sie nehmen mich wie eine alte Sache/ eine schmutzige Kartoffel, die geworfen werden muss», tippt die Figur Waddah, der in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor festsitzt, ins Handy.

Und die Protagonistin Maya in ihrem neuen Zürcher Zuhause antwortet: «Entschuldigung! Entschuldigung! Ich fange schon zu vergessen an, ich muss, weil ich wie jeder andere normale Mensch hier leben kann. Ich sollte normal leben. Ich bin in 21 Jahre alt. Vergessen jetzt anfangen, besser als später.»

Ein Ohr fürs Untergrundrauschen

Ursprünglich hatte Kheir, die in Damaskus einen Bachelor in Theaterwissenschaft erwarb, bevor sie 2016 erstmals für ein Schreibatelier in die Schweiz kam, den neuen Text loslösen wollen von der dauerpräsenten Syrien- und Fluchtthematik. Inspiriert von Thornton Wilders Dreiakter «Our Town» stand ihr der Sinn nach einem Stadtstück, welches das existenzielle Grundrauschen zwischen den Menschen einfängt.

Doch während des Schreibprozesses – «am Neumarkt liess man mir völlige Freiheit!», schwärmt die Dramatikerin, die manchmal selbst auf der Bühne steht – merkte sie: Das geht gar nicht so einfach. Die Fragestellungen verflochten sich.

Nein, man müsse am Theater nicht zwingend politisch sein, unterstreicht Kheir, aber auch der Theaterglitzer sei kein Must. Es zähle, den Zuschauer reinzuziehen, zu affizieren, Gedanken anzustossen. Und die Exilautorin kann und will nicht so tun, als berührten sie die Verhältnisse nicht mehr.

Lubna Abou Kheir spricht über den politischen Anspruch des Theaters – und ihres neuen Stücks. Video: Tamedia

Was passiert mit den Beziehungen, wenn man sich im Exil etwas Neues aufbauen muss? Was, wenn man selbst und die zurückgebliebenen Familienmitglieder in der Hölle des Wartens auf der Stelle treten?

«Man ist dann wie in einem Vakuum gefangen», sagt Lubna Abou Kheir. Für sie selbst wurde es in Syrien nach der Rückkehr aus der Schweiz vor drei Jahren schwierig: Ihr Diplom wurde gesperrt, man verhörte sie, drohte ihr. 2013 hatten sie in Damaskus tagelang ohne Wasser, Strom und Nahrung ausgeharrt; nun aber wurde es Zeit, zu gehen. «Ich hatte ja noch Glück: ein Visum und einen Platz im Flugzeug.» Aber nach der Ankunft in der Schweiz begann auch für sie das grosse Warten.

Wider die Propagandamaschinerien

Ein halbes Jahr ohne Papiere, ohne das Recht, zu arbeiten – überhaupt das Erlebnis, abhängig zu sein von Sozialhilfe, alles erbitten und neu lernen zu müssen. Das sei nicht leicht gewesen. Für die Mutter und die vier Geschwister gebe es kein Besuchsvisum. Andererseits habe sie in der schwierigen Phase auch eine Menge hilfsbereiter Menschen kennengelernt.

Dass auch im Vielvölkerstaat Syrien der Nationalismus und die Angst vor dem Anderen den Diskurs dominieren, ist für die weltoffene Damaszenerin «ein riesiges Problem». Trump zog seine Truppen ab; und die Kurden würden zerrieben, während die Türkei wie die PKK ihre Propagandamaschinerie auf Hochtouren laufen liessen. Auch in der syrischen Bevölkerung stünden die Zeichen nicht auf Versöhnung.

Das Stück «Gebrochenes Licht» zeichnet gebrochene Biografien und den schwierigen Versuch, in der Fremde neue Verbindungen zu schaffen und dabei alte nicht zu verlieren. Sehr verschiedene Stimmen – aus der Schweiz, aus Syrien – erhalten eine Plattform: Lubna Abou Kheir hat gegen die allgegenwärtige Grenzobsession angeschrieben, die wuchernden Fantasien von Mauern, ethnisch gesäuberten Zonen.

Eine veränderbare Weltkarte wird im Stück zum Symbol dafür, dass unsere Grenzen künstlich gezogen wurden und in Wahrheit beweglich sind – schrumpfbar bis zum Nullpunkt.

«Die meisten Leute tragen mehrere Geschichten, Orte, Sprachen in sich.»Ivna Zic

«Auch die Sprache untergräbt, gerade durch ihre kreative Verfremdung, Stereotype und wird zugänglich», sekundiert Zic, die ein feines Ohr hat fürs widerständige Wispern in den Wörtern. Und man spürt: Hier jedenfalls bilden sich aus den Unterschieden zwischen zwei Theatermacherinnen keine Schlagbäume, im Gegenteil. Die Chemie stimmt.

Identität sei ohnehin keine fixe Grösse, sprudelt Zic auf Schweizerdeutsch heraus. Die Josef-Winkler-Begeisterte und Peter-Waterhouse-Aficionada – austriakische Sprachartisten, die genauso viel mit der Österreich-Liebe der Wahlwienerin zu tun haben wie die historische und geografische Nähe des Landes zum slawischen Raum – hält fest: «Die meisten Leute tragen mehrere Geschichten, Orte und Sprachen in sich, und ich fände es spannend, dem eine Selbstverständlichkeit zu geben.»

Auch in ihrem eigenen nächsten Stück, «Die Gastfremden», das im April 2020 in St. Gallen uraufgeführt wird, beobachtet Ivna Zic, wie das geht, all diese Geschichten in sich wachzuhalten – eben Bögen zu schlagen. «Wäre ich jetzt am Schreiben, hätte ich heute allerdings noch keinen Menschen gesprochen: Zwei Jahre lang bloss schreiben könnte ich nicht», sagt sie und verschwindet wieder in die Probe.

Uraufführung am 1. November im Theater Neumarkt

Erstellt: 30.10.2019, 15:56 Uhr

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