Was ist das? Das ist der Krieg!

«Balkanbaby!» in der Gessnerallee blickt auf jugoslawische Biografien zurück. Ein düster-komisches Stück über Konfusion und Flucht.

Keine jugonostalgische Wohlfühlfahrt: «Balkanbaby!». Die Animationen im Stück – hier zu sehen die Illustration der Schweinezucht in der serbischen Provinz Vojvodina – stammen von Anja Kofmel, Gewinnerin des Schweizer Filmpreises 2019.

Keine jugonostalgische Wohlfühlfahrt: «Balkanbaby!». Die Animationen im Stück – hier zu sehen die Illustration der Schweinezucht in der serbischen Provinz Vojvodina – stammen von Anja Kofmel, Gewinnerin des Schweizer Filmpreises 2019.

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Ein schöner Vorhang. Rot, sanft gewellt, als Projektion auf eine hauchdünne Leinwand. Das Rot passt. «Balkanbaby!» ist ein Stück über Klasse und Politik, über Arbeitersolidarität und Gastarbeiterbiografien, über Jugoslawien. Inszeniert hat es die freie Theatergruppe Kursk, bekannt für unbequemes dokumentarisches Theater. Dass ihr neustes Stück keine Jugo-nostalgische Wohlfühlfahrt werden würde, ahnte man da schon. Es rollt die Geschichte des Tito-Reichs kritisch auf; es verschweigt weder die Säuberungsaktionen des Marschalls gegen Faschisten oder angebliche Verräter noch die bereits vor dem Krieg bestehenden Rivalitäten zwischen den Volksgruppen. Auch mit dem Traum einer vereinten kommunistischen Arbeiterschaft lief es nicht immer rund. Das zeigt eine der beiden Biografien, die ihren Weg auf die Bühne fand: jene aus der Familie von Kursk-Mitglied Timo Krstin, Serbe, deutscher Migrant in Zürich, vorgetragen von Rahel Sternberg. Aus seiner Familie stammt Zoran.

Einheimische zuerst

Zoran liess die Schweinezucht in der serbischen Provinz Vojvodina hinter sich, wurde Kommunist aus vollstem Herzen, zog nach Belgrad, der pulsierenden Grossstadt, später nach Westeuropa, als kommunistischer Wanderarbeiter.

Im Elsass angekommen, musste er zusammen mit seinem jugoslawischen Weggefährten Jasmin feststellen, dass die Gewerkschaften nicht so funktionierten, wie sie es sich erträumt hatten. Sie funktionierten nach stalinistischem Modell, entlang nationaler Grenzen, Einheimische haben Vorrang, Jugoslawen sind nicht vorgesehen. Was tun? Verwirrung.

Die gab es zuweilen auch im Stück. Die Pausen zwischen den Monologen und Dialogen etwa wirkten unorganisiert. Plötzlich war Zorans Weggefährte Jasmin nicht mehr Jasmin, sondern Mirza – Mirza Šakic, Schauspieler auf der Bühne, der seine eigene Familiengeschichte erzählte. Er sorgte für den wohl berührendsten Moment im Stück – als er den Gebetsruf des Muezzins sang. Hinter ihm zeichnete sich dazu Strich für Strich eine Hügellandschaft.

Rosen von Sarajevo

Dann landete man im bosnisch-herzegowinischen Šakici – dem Dorf, in dem alle den Nachnamen Šakic tragen. Mirza Šakics Grossvater kämpfte als Partisane gegen Nazis, sein Vater fand sich plötzlich auf einem Acker liegend, brüllend: «Šta je ovo?», Was ist das? «Ovo je rat!», habe der Grossvater neben ihm geantwortet. Das ist der Krieg! Die Flucht der Familie Šakic aus Bosnien prasselt als Strobos-koplicht aufs Publikum ein. Dazu immer mehr rote Fetzen. Sie erinnern an die Rosen von Sarajevo, die roten Farbflecken, die dort auf den Gehsteigen als Mahnmale fatale Granateneinschläge prangen.

Die authentische und zugleich durch den düsteren Humor des Balkans getragene Erzählweise von Šakic begeisterte, besonders die Schilderung der Flucht der Familie aus seiner Sicht – aus der eines Ungeborenen im Bauch der Mutter, der Perspektive des «Balkanbabys». Grossartig. Dagegen wirkte die Perspektive der Wanderarbeiter zu angestrengt. Die Sprünge zwischen den Biografien und Jahrzehnten schienen zu gross; eine dritte Figur, die auftrat, schien streckenweise zu wenig ins Geschehen eingebettet. Trotz allem: Das Stück erzählt wichtige Geschichten. Jene, wie Gastarbeiter in Westeuropa hemmungslos ausgebeutet wurden, wie sie sich wehrten und etwa in den 70er-Jahren Streiks organisierten. Und das Stück erzählt davon, was es für die Biografie Einzelner bedeutet, Spielball von Ideologien und Identitäten zu werden, in der Heimat sowie in der Fremde. Bis heute.

Weitere Aufführungen im April und im Juni. Weitere Informationen hier.

Erstellt: 12.04.2019, 17:24 Uhr

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