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Was wäre, wenn in Zürich das Wasser knapp würde?

Das Theater Neumarkt spielt mit «Kids of No Nation» ein Stück für die Greta-Generation. Ein kreuzbraves allerdings.

Alireza Bayram und Nellie Hächler in «Kids of No Nation» am Neumarkt kämpfen als Kinder in der Klimakatastrophe erst bloss ums Überleben, später um eine bessere Welt. Foto: Philip Frowein
Alireza Bayram und Nellie Hächler in «Kids of No Nation» am Neumarkt kämpfen als Kinder in der Klimakatastrophe erst bloss ums Überleben, später um eine bessere Welt. Foto: Philip Frowein

Sie steht noch ein wenig zaghaft auf der riesigen Quarterpipe, die Bühnenbildner Simeon Meier in den Saal hineingehoben hat: Gerade hat sie sich aus der Zukunft zurückschleudern lassen in unsere Gegenwart, um zu erzählen, wie schrecklich alles sein wird – wenn wir nicht das Ruder herumreissen, jetzt.

«Damals, vor dem Klimakrieg, wohnten wir gleich da drüben, eine ganz normale Familie», sagt sie in Mundart: Die 17-jährige Nellie Hächler, vom Theater Neumarkt für diese Rolle als postapokalyptische Kassandra namens Vaju gecastet, lebt in Männedorf und besucht die Kantonsschule Stadelhofen; die Fridays-for-Future sind für sie (noch) keine Saga eines vergeblichen Widerstands.

Eng verzahnt mit Zürcher Wirklichkeit

Für Vaju schon: In ihrem Leben gibt es eine Zeit vor und eine nach der grossen Explosion. Vorher «haben wir uns ‹Schneewittchen› am Schauspielhaus angeguckt und gehofft, dass alles von selber wieder gut wird».

Eine witzige Bemerkung, die der 1982 in Aarau geborene Autor, Filmemacher («Tempo Girl») und Theaterregisseur Dominik Locher da seiner Figur in den Mund legt: Er hat sein nun von ihm selbst urinszeniertes Drama «Kids of No Nation – K.O.N.N.» eng mit Zürcher Wirklichkeiten verzahnt. Und dass zur Zeit der «K.O.N.N.»-Premiere nur ein paar Schritte vom Neumarkttheater entfernt, auf der Pfauenbühne, dieses grimmsche Märchen laufen würde, war bekannt.

Klimajugend wird auch am Theater top platziert.

Allerdings: Das Pfauen-«Schneewittchen» schildert schon in der Kinderfassung die zerstörerische Gier des Menschen. Und in seiner Version für Erwachsene findet die Chose im Rückblick nach einer Klimaapokalypse statt – was sonst? (Hier gehts zur Kritik)

Kinder- und Jugendtheater – für welches das Neumarkt unter dem neuen Leitungstrio verdienstvollerweise Eigenproduktionen stemmt – scheint ohne das Sujet Klima derzeit gar nicht möglich zu sein. Just wurde «Klimajugend» zum Deutschschweizer Wort des Jahres gewählt, und sie wird auch am Theater top platziert. Dass Suna Gürler, verantwortlich fürs Kinder- und Jugendtheater am Schauspielhaus, sich zum Einstand für das Klassenzimmerstück «Greta» entschied, spricht Bände (hier gehts zur Besprechung).

Das Thema trötet uns auf allen Kanälen entgegen: Es ist nun mal keine Frage, dass der Klimawandel fortschreitet und verheerende Folgen haben wird – und wir alle mehr oder weniger hilf- und tatenlos draufstarren wie das Kaninchen auf die Schlange. Durchaus eine Frage ist aber, was so ein Klimatheater – in dem gern jugendliche Akteure ihren Auftritt bekommen – bringen kann.

Der Kampf ums Wasser

In Dominik Lochers Stück wird in Zürich die Wasserknappheit ein alles beherrschendes Problem. Der Zürichsee wird eingemauert und Wasser für Arme schier unbezahlbar; es kommt zu Aufruhr und einer atomaren Katastrophe. Die Bäume sind abgestorben, die Gewässer vergiftet, und Überleben ist ein Kampf. Eine Männerbande und eine Frauenbande marodieren durch die verwüsteten Strassen, eine brutaler als die andere.

Für viele gilt: anschliessen oder untergehen. Vajus Vater wird ermordet, ihre Mutter depressiv, ihr kleiner Bruder in ein Kindercamp gesteckt. Der Sohn des Männerbandenführers wiederum, Mika – Alireza Bayram, mit etwas verquältem Dialekt, aber ausgeprägter Präsenz auf der Bühne –, wird auf Gewalt getrimmt. Erst mit der Zeit machen sich die zwei verlorenen Kinder gemeinsam auf die Suche nach den geheimnisvollen Kids of No Nation, die irgendwo hinter den sieben Bergen ohne Selbstsucht und Gier leben und zusammen an einer neuen Erde bauen.

Gewalt und zarte Wasserfarben-Animationen

Nein, für Neunjährige, wie vom Theater Neumarkt ausgeschrieben, ist das zu heftig, was die beiden spielfreudigen «Back to the future»-Reisenden auf den Brettern reenacten; zehn oder elf Jahre alt sollte das Publikum schon sein. Auch wenn Lochers Regie atemberaubend zarte Bilder für die allgegenwärtige Fragilität findet: Wie Animationsfilmerin Joana Locher hier live einen Wasser- und Ölfarbenkosmos beseelt und an Wand und Boden der geschmeidig multifunktionalen Quarterpipe projiziert, hat einen Zauber, der schier den harten Stoff vergessen lässt.

Joana Locher zaubert Kosmos und Chaos als Livekünstlerin mit Projektionen auf die Bühne. Foto: Philip Frowein
Joana Locher zaubert Kosmos und Chaos als Livekünstlerin mit Projektionen auf die Bühne. Foto: Philip Frowein

Da quillt düsteres Schwarz über die weisse Rampe, dazwischen leuchtet das blumige Gelb einer rettenden Heilpflanze auf. Dann wieder zickzacken tödliche Zäune über die Wand, bevor sich ein grünes Paradies entfaltet. Der 1991 geborene Filmkomponist Matteo Pagamici haucht dazu live eine Art magischen Indianerflötensound. Er kreiert akustische Fluchtpunkte im Chaos des Klimadesasters – und in dem kreuzbraven Stück, das holzschnittartig Gut und Böse verteilt und seine Dramaturgie gemäss Drehbuch-Grundkurs verschraubt zu haben scheint: von Krise zu comic relief zu Krise zu Happy End.

Für die erwachsenen Zuschauer zog sich der Abend, während Erwartbarkeit um Erwartbarkeit abrollte – trotz ästhetischer Glücksmomente und trotz des sympathischen Schauspielerduos. An der Premiere mündete die knapp anderthalbstündige Inszenierung immerhin in ein Gespräch mit einer Klimaaktivistin: Dieses erschütterte fast mehr als Lochers Geschichte von Untergang und Utopie. Denn es wurde zum lebendigen Beleg dafür, wie viel wir alle wissen – und wie wenig wir als Einzelne tun (können).

Bis 4. Januar.

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