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Weil alles so gut ist

Schrille und schräge Kapitalismuskritik: Sebastian Baumgarten zeigt das Songspiel «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» von Bertolt Brecht und Kurt Weill am Zürcher Opernhaus.

Klug, knallwitzig und hoch musikalisch: Sebastian Baumgartens Inszenierung überzeugt auf allen Ebenen. Foto: Tanja Dorendorf
Klug, knallwitzig und hoch musikalisch: Sebastian Baumgartens Inszenierung überzeugt auf allen Ebenen. Foto: Tanja Dorendorf

Breaking News! Der Hurrikan kommt! In roten Grossbuchstaben leuchten die Windgeschwindigkeiten auf, wir sehen den TV-Reporter, wie er vom Sturm weggetrieben wird, das Mikrofon hält er wie einen Anker in der Hand. Mal erscheint er in Grossaufnahme, mal klein und vervielfacht; dann wird sein Kampf gegen den Wind zur Choreografie, als sei das Ganze ein Kunstprojekt.

Ist es ja auch. Denn während auf dem Leinwandstreifen das Unwetter tobt, ­sitzen wir im Opernhaus im Trockenen. Vor den Sturmbildern wehren sich Tänzersilhouetten gegen imaginäre Windböen. Im Orchestergraben verstummt die Musik, nur ein Perkussionswirbel begleitet den Countdown («Noch drei Minuten bis zum Untergang»). Und im Hintergrund macht sich der Chor bereit fürs grosse Schunkeln: Der Hurrikan wird im letzten Moment einen Bogen machen um die Stadt Mahagonny. Das Leben geht weiter. Das Theater ebenfalls.

Aber was ist das für ein Leben, für ein Theater? Bertolt Brecht und Kurt Weill haben sich das saftig und deftig ausgemalt in ihrem kapitalismuskritischen Songspiel «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny», das bei der Leipziger Uraufführung 1930 zum Skandal wurde. Saftig und deftig ist auch, was Regisseur Sebastian Baumgarten nun auf die Zürcher Bühne bringt. Aber gleichzeitig ist es klug, knallwitzig, hoch musikalisch, präzis gedacht und einstudiert.

Kein Zweifel, der 1969 in Ostberlin geborene Baumgarten kann etwas anfangen mit diesem Stück und der Welt, in der es spielt. Es ist bereits seine zwölfte Brecht-Inszenierung, zwei der bisherigen hat er am Zürcher Schauspielhaus erarbeitet: «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» wurde danach auch am Berliner Theatertreffen ge­feiert, «Herr Puntila und sein Knecht Matti» dagegen erntete flächendeckende Verrisse. Man mag daraus auf die Risikofreude des Regisseurs schliessen; so vertraut ihm Brecht ist, er inszeniert ihn nicht nach Patentrezept.

Die Kuh auf dem Dach

Gerade darum klappt es mit «Mahagonny». Schon Brecht und Weill haben hier die Trümmer der Kultur- und Musikgeschichte betont notdürftig zusammengeleimt; Baumgarten leuchtet nun (zusammen mit den Ausstatterinnen Barbara Ehnes, Joki Tewes und Jana Findeklee) die Bruchstellen aus.

Es wird nicht moralisiert hier, aber auch nicht entmoralisiert. Das Premierenpublikum fand das grossartig.

Zwar bekommt man die Geschichte mühelos mit: Sie erzählt von zwei Gaunern und der luschen Witwe Begbick, die eine Stadt gründen und ein Bordell, «weil alles so schlecht ist». Und vom Holzfäller Paul Ackermann, der durchsetzt, dass man hier alles darf, wenn man nur Geld hat – und hingerichtet wird, weil er als Erster nicht bezahlen kann. Aber das Eigentliche findet hinter, unter, neben dieser Geschichte statt. Dort, wo das Drama in eine Show-Nummer kippt, wo Chris Kondeks grandiose Videos sich mit Kinsun Chans Choreografien verbünden, wo die Darsteller zwischendrin auch Schattentheater machen – oder Schülertheater, oder Trash-theater oder sonst irgendwas.

Grosse Antworten liefert diese Inszenierung damit ebenso wenig wie das Stück, und selbst die grossen Fragen muss man sich zusammenreimen aus den vielen kleinen. (Warum etwa sitzt eine Kuh auf dem Dach des Etablissements der Witwe Begbick? Als Hommage an Darius Milhauds «Le bœuf sur le toit»? Oder nur, damit sich der Holzfäller Jakob Schmidt daran zu Tode fressen kann?) Es wird nicht moralisiert hier, aber auch nicht entmoralisiert; welche Schlüsse man aus dem Stück ziehen will, ist jedem selbst überlassen.

Fast alle sind Rollendebüts

Das Premierenpublikum fand das grossartig. Dass auch die Darsteller es grossartig finden, darf man vermuten – jedenfalls gehen sie aufs Ganze bei ihren Auftritten, die fast alle Rollendebüts sind. Karita Mattila gibt die Puffmutter Leokadja Begbick so exaltiert, dass es bestens zu ihrem pinkfarbenen Cowgirl-Outfit passt; gesanglich dürfte sie zwischendrin durchaus noch mehr aufdrehen, aber wie sie vom Singen ins Sprechen wechselt – das ist prächtig derb.

Auch Christopher Ventris als Paul Ackermann schont sich nicht; man würde ihm glatt zutrauen, dass er seine Mütze tatsächlich frisst, auch sein Gefühl von existenzieller Leere glaubt man ihm. Und seinen englischen Akzent hätte man erfinden müssen, wenn er ihn nicht ohnehin gehabt hätte: Er ist die schönste Chiffre für die Ortlosigkeit dieser Stadt Mahagonny, in der kyrillische Buchstaben neben englischen Leuchtschriften stehen und die Protagonisten deutsche Namen tragen, aber dennoch durch und durch amerikanische Goldgräbertypen sind.

Auch Jenny, der Star im Puff der Begbick, kommt von nirgendwo. Die in jeder Hinsicht wandlungsfähige Annette Dasch verleiht ihr mal einen osteuropäischen Akzent und dann wieder einen amerikanischen, bis sie ihrem Paule schliesslich in schönstem Berlinerisch mitteilt, dass sie ihn ganz bestimmt nicht freikaufen werde. Und dann gibt es auch noch Ruben Drole als Alaskawolfjoe, dessen tödlicher Boxkampf eine choreografische Meisterleistung ist. Oder Christopher Purves als Dreieinigkeitsmoses, der wirklich fies tänzeln kann. Und viele weitere; selbst die Chorsänger, die ihre Songs so einhellig schmettern, entwickeln individuelle Charaktere.

Klare Fassung für wilde Bilder

Unterstützt werden sie dabei von Fabio Luisi und einer lustvoll aufspielenden Philharmonia. Der Zürcher Generalmusikdirektor war ja einst eingesprungen, nachdem der Dirigent Robin Ticciati 2013 aus Baumgartens «Don Giovanni» geflohen war; bei «Mahagonny» sorgt er nun gleich von Anfang dafür, dass die wilden Bilder eine klare Fassung bekommen. Wobei «klar» nicht «starr» bedeutet – sondern nur, dass Luisi den musikalischen Schwung aus der genauen Umsetzung der immer wieder überraschenden Partitur entwickelt.

Manches könnte man sich auch dreckiger, weniger klassisch vorstellen; aber die genau abgemischten Farben und Tempi helfen auch über manche Längen des Stücks hinweg. Und wenn am Ende der Tonraum nur gerade angedeutet wird, in dem Jenny und Paul vergeblich Halt und echte Gefühle suchen, schaudert es einen. Denn das ist Mahagonny: Paul wird sterben, und Jenny wird noch vor seiner Hinrichtung einen anderen finden, der bezahlt. Das Leben geht weiter. Das Theater auch.

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