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Welche Unterforderung! Welche Überforderung!

Im Pfauen eröffnete die neue Schauspielhaus-Saison mit Brechts Kassenschlager «Dreigroschenoper». Kein Hit.

Alexandra Kedves
Macheath (Jirka Zett) trägt seine Haut in Plastik zu Markte. Foto: Matthias Horn
Macheath (Jirka Zett) trägt seine Haut in Plastik zu Markte. Foto: Matthias Horn

Doch die Verhältnisse, sie sind halt so: Ab 1. Januar 2027 sind die Stücke Bertolt Brechts «gemeinfrei» und für jeden nutzbar. Noch aber liegen die Rechte in den Händen der Brecht-Enkelinnen Johanna und Jenny Schall. Deren Mutter, die 2015 verstorbene Brecht-Tochter Barbara, liess bekanntlich «zu freie» Inszenierungen mit aller juristischen Härte verfolgen, selbst dann, wenn der grosse Frank Castorf sie verbrochen hatte – und vielleicht war nun, bei der neuen Inszenierung der «Dreigroschenoper» am Pfauen, ja vorauseilender Gehorsam im Spiel. Jedenfalls war es erstaunlich, wie relativ brav eine relativ junge Regisseurin – die 1974 in Paderborn geborene Tina Lanik – den Welthit auf die Bretter hob.

Immerhin hat die Bühnenbildnerin Bettina Meyer das Stück mit den über 20 grossartigen Gesangsnummern optisch aufgepimpt, wenn man das mal so sagen darf: Der halb transparente Vorhang aus Plastikstreifen – bei Brecht ein «kleiner Zwischenvorhang», der die Illusionsmaschinerie markiert – hat nämlich etwas Halbseidenes; er hängt tranig rund um eine Drehbühne, eine Art Manege, und lässt an ein schmuddeliges Bordell denken. In diesem Bordell werden die Huren und Bettler ihre Haut ebenfalls in Plastik und Kunstleder zu Markte tragen (Kostüme: Heide Kastler). Die freie Liebe für alle – Lanik macht reichlich Platz für LGBTQ-Referenzen und eine Kapitalismuskritik auf der Erotikschiene – schrumpft da zur «sexuellen Hörigkeit», zum temporären Abhängigkeitsverhältnis. Selbst die Obermacker von Soho, Jirka Zetts Bandenchef Macheath und Klaus Brömmelmeiers Bettlerchef Peachum, tragen grauslich glänzendes Kunststoffzeug.

Die eigentliche Königin in dieser Arena der Verlorenen ist ohnehin die riesige, rostige Rolltreppe in der Mitte: Sie rollt eben gerade nicht. Es gibt keinen flockigen sozialen Aufstieg, für niemanden, nur anstrengende Auf-und-ab-Kletterei: eine Steilvorlage für ein Bildertheater mit Symbolzuschlag. Denn, um Brecht jetzt korrekt zu zitieren, «die Verhältnisse, sie sind nicht so»: Nichts fährt automatisch nach oben, alles dreht sich nur sinnlos im Kreis, «ein deutlicher Beweis, dass die Welt sich gleich bleibt», wie Macheath vor seiner Hinrichtung resümiert. Und bei allem heissen Bemühen des Menschen um mehr Klugheit, mehr Grösse, mehr Glück verrennt er sich am Ende im Klein-Klein der Gier. «Drum ist all sein Streben nur ein Selbstbetrug», wie es im «Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens» heisst.

Starkes Eifersuchtsduell

Überhaupt will man am liebsten Songtext um Songtext zitieren: Das «Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern nach dem Englischen des John Gay, übersetzt von Elisabeth Hauptmann. Deutsche Bearbeitung von Bert Brecht. Musik von Kurt Weill» wurde 1928 in Berlin uraufgeführt, ist aber ohne Frage besser gealtert als manches gesellschaftspolitisch engagierte Drama aus dem 21. Jahrhundert. Wenn man die süffige Geschichte mit der politischen Moral und dem Running Gag «(Da) kannst du was lernen», wenn man diese Story rund um die pubertierende Frömmlertochter Polly Peachum (Elisa Plüss) und ihren kriminellen Lover Mac­heath einst als Teenager sah, könnte man als Best Ager eigentlich noch immer Vers um Vers begeistert mitsingen.

Man könnte, aber man tut es nicht, um seine Mitmenschen zu schonen. Das Schauspielhaus schonte uns nicht immer. Es ist schon so, dass die «Dreigroschenoper» für singende Schauspieler gedacht ist und nicht für Opernstars. Brömmelmeier und Isabelle Menke gaben am Donnerstag herrlich bigotte Peachum-Eltern, Zett war ein feuchter Mädchentraum von Bad Boy, Fritz Fennes korrupter Polizeichef bekam gar eine ironisch-tragische Note als (un)heimlich Liebender. Die Macheath-verrückten Gören Polly und Lucy (Miriam Maertens) wiederum legten ein starkes Eifersuchtsduell hin, und Julia Kreuschs zerrissene Spelunkenjenny im Puff-Outfit überstrahlte ab und an die Glamourboys ganz gewaltig. Einerseits war also unübersehbar, dass da schauspielerisch noch mehr drin gewesen wäre: das biedere Abspulen der Text-Lied-Text-Lied-Struktur – was für eine Unterforderung!

Andererseits war unüberhörbar, dass das Ensemble musikalisch bisweilen an seine Grenzen stiess (Musikalische Leitung und Kontrabass: Polina Lapkovskaja) – was für eine Überforderung! Gerade wenn eine Inszenierung auf den musikalischen Motor setzt und ansonsten drei Stunden lang eher in einer hübschen Brecht-Routine rotiert, derweil die Drehbühne kreist, muss der wenigstens richtig laufen. Dass er manchmal durchaus auf Hochtouren kam, dass ein Menke-Solo verzückte, eine Plüss-Pas-sage, eine Brömmelmeier-Einlage hinriss, zeugt zwar von den vielen Qualitäten der Darsteller. Allein, es reicht nicht.

Man mag einwenden, dass eine dramatische Visite des Kaputten, Verkommenen, Ausgebeuteten nicht perfekt klingen darf. Touché. Perfekt kaputt hingegen schon, sonst hätte die «Dreigroschenoper» im Zürcher 40-MillionenHaus nichts zu suchen. Brecht hat mit seinem Opernprojekt, das seinerzeit fast gescheitert wäre, gut verdient. Sein Projekt hats verdient, dass es von seinen verharmlosenden Traditionen mit Courage befreit wird. Und wir auch.

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